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Geniales, mitreißendes Cross-over

„Amsterdam Klezmer Band“ brilliert mit originellem Soundmix – Schwungvoller Auftakt des 24. Murrhardter Sommerpalasts

Man nehme Klezmer, harmonisch teils herrlich schräge Melodien aus Osteuropa und komplexe Rhythmen vom Balkan, Jazz und Gipsy und würze mit Prisen von Klassik und Pop: Fertig ist der mitreißende, originelle Sound und genial gemixte Multikulti-Musik-Cocktail, den die „Amsterdam Klezmer Band“ zum Sommerpalast-Start serviert hat.

Die Musiker der „Amsterdam Klezmer Band“ verpassen traditionellen Genres eine frische, zuweilen anarchistisch anmutende Note, ohne dabei deren essenzielle und charakteristische Merkmale zu vernachlässigen. Foto: A. Becher

Die Musiker der „Amsterdam Klezmer Band“ verpassen traditionellen Genres eine frische, zuweilen anarchistisch anmutende Note, ohne dabei deren essenzielle und charakteristische Merkmale zu vernachlässigen. Foto: A. Becher

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Dieser mundet den Besuchern außerordentlich und animiert sie zum Mitklatschen. Die sieben Bandmitglieder, die äußerst lässig rüberkommen, versetzen das Publikum gleich zu Beginn ihres Programms in beschwingte Partystimmung, die sich im Lauf des Konzerts zur Euphorie steigert. Die temperamentvollen Klänge und Rhythmen motivieren zahlreiche Frauen aller Altersgruppen sowie einige gestandene Mannsbilder dazu, zu tanzen. Die Künstler erweisen sich als echte Vollblutmusiker und laufen zur Hochform auf – zeigen die ganze Bandbreite ihres großen Könnens.

Der quirlige Job Chajes, der die Band 1996 gründete und leitet, zeigt den begeisterten Schwaben und Reigschmeckten zudem ein paar Schritte. Mit kurzen temperamentvollen Tanzeinlagen bereichert er oft seine humorvollen niederländischen Sprechgesänge. Mit gefühlvollen, mal heiteren, mal schwermütigen balladesken Liedern in russischer Sprache über das Leben und die Liebe fasziniert der aus Odessa stammende Filmkomponist und Sänger Alec Kopyt, der auch als Percussionist mit kleinen Schlaginstrumenten glänzt.

Das klangliche Herzstück der Band bilden vier Blasinstrumente, gespielt von virtuosen Musik-Multitaskern. Bandleader Job Chajes ist ein Meister auf dem Saxofon, Janfie van Strien auf der Klarinette, mit der er typische Klezmerklänge, aber auch Jazz und etliche andere Stile wunderschön präsentiert. Dazu tritt er als Percussionist mit diversen Schlaginstrumenten auf sowie als Backgroundsänger. Gijs Levelt ist ein begnadeter Trompetenkünstler, der reizvolle Hall- und Echoeffekte erzeugt, und Joop van der Linden entlockt seiner Posaune prächtige Schleiftöne.

Diese vier großen Künstler interagieren kongenial wie in einer Jazzband: Einander gegenseitig inspirierend und anfeuernd, improvisieren sie beeindruckende Soli und bilden genauso starke Blech- und Holzbläserduos. Ein wahres Rhythmus-Ass ist Multitalent Jasper de Beer: Er zupft den elektronischen Kontrabass ebenso brillant wie Gitarre und Banjo, überdies rundet er den Sound der Band mit seinem Backgroundgesang ab. Und Ellen van Vliet, die für den erkrankten Theo van Tol eingesprungen ist, erweist sich als grandiose Akkordeonistin, die Weltmusik und Klassik gleichermaßen spitzenmäßig zu interpretieren versteht.

Präzise und stimmungsvoll untermalt sie die Gesangseinlagen und das Spiel der Bläser, zugleich setzt sie klangliche und rhythmische Akzente, die den Sound vervollkommnen.

Die Band präsentiert Titel aus ihrem 14. Album „Oyoyoy“

Im Stadtgarten präsentieren die Niederländer Titel aus ihrem bereits 14. Album „Oyoyoy“, das sie 2016 zum Jubiläum ihres 20-jährigen Bestehens veröffentlichten. Darin begeben sie sich auf eine Spurensuche zu ihren vielfältigen und überaus unterschiedlichen musikalischen Inspirationen. Dabei verpassen sie traditionellen Genres eine frische, zuweilen anarchistisch anmutende Note, ohne dabei deren essenzielle und charakteristische Merkmale zu vernachlässigen.

Musikalisch souverän und auf Topniveau verschmelzen die Musiker authentische Klezmermusik mit slawisch-schwermütiger Melodik und Harmonik vom Schwarzen Meer, die ab und zu sogar etwas orientalisch anmutet. Dazu gesellen sich vor Lebensfreude sprühender Balkan Brass mit überbordenden ornamentalen Verzierungen sowie zum Teil kniffligen osteuropäischen Rhythmen.

Das Spektrum der Darbietungen umfasst lebensfrohe Lieder mit augenzwinkernden Texten und lautmalerischen Scat-Einlagen. Ebenso ganz langsam und bedächtig beginnende, immer temperamentvoller und schneller werdende jüdische (Hochzeits-)Tänze wie den Freilach (bedeutet fröhlich), die sich bis zur Ekstase steigern.

Ein Ohrenschmaus sind wunderbar sentimentale, von Alec Kopyt feinsinnig interpretierte Bluesballaden, bei denen das Gefühl voll ausgeschöpft wird. Besondere Hörgenüsse sind zudem rhythmisch betonte Stücke, in denen die „Amsterdam Klezmer Band“ sich in eine der großen Big Bands der 1930er-Jahre zu verwandeln scheint und zeigt, wie schön sie swingen kann, inklusive fulminanten Improvisationssoli.

Hinzu kommen stimmig integrierte Elemente von Ska und Reggae, Rap und Hip-Hop. Außerdem gibt’s eine flotte Nummer im Tango- beziehungsweise Milonga-Rhythmus zu genießen mit klangschönen melancholischen Akkordeonpassagen, die an Kompositionen des großen Argentiniers Astor Piazzolla erinnern.

Mit jubelndem, enthusiastischem Applaus lässt das Publikum die Band wissen, wie sehr sie das hochkarätige, vergnügliche Konzert begeistert hat.

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Erstellt:
19. Juli 2019, 06:00 Uhr

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