Gewitterfronten bringen Schauriges mit sich

Die Kurzgeschichtensammlung „Dark Backnang Stories“ ist im Leseratten-Verlag erschienen. Die zwölf Autoren der siebten Anthologie in dieser Reihe bewegen sich in den Gefilden von Horror, Krimi und Mystery.

Gewinner der „Dark Backnang Stories 2020“: Jürgen Nabel aus Backnang. Foto: Leseratten-Verlag

Gewinner der „Dark Backnang Stories 2020“: Jürgen Nabel aus Backnang. Foto: Leseratten-Verlag

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Schon das Cover der siebten Ausgabe der „Backnang Stories“, die im Leseratten-Verlag erscheinen, deutet darauf hin: Diesmal wird es düster. Dunkelgrau, vermischt mit einem nichts Gutes verheißenden Rosa, steht ein Wolkengebilde über der Stadt. Das atmosphärische Bild hat das Zeug dazu, zur Kulisse eines Horrorfilms zu werden. Vor allem in Kombination mit der unwirklich anmutenden Brache in der Oberen Walke, an deren Rand auch noch Totenschädel aufgereiht sind. Die „Backnang Stories“ sind nicht von ungefähr mit dem Attribut „dark“, also dunkel, versehen.

Wie es dazu kam, erzählt Herausgeber Marc Hamacher. Als er 2019 auf einem Parkplatz an der Gartenstraße stand, zog eine Gewitterfront auf. Er zückte sein Handy und lichtete die Wolkenfront ab. Das bedrohlich wirkende Bild postete er auf Facebook. Einer der Kommentare war: „Wenn ihr jemals eine düstere Sonderausgabe der Backnang Stories macht, dann nehmt das als Cover.“ Hamacher: „So ist es dann auch passiert.“

Realität und Fiktion werden geschickt verbunden.

Bisher standen die „Backnang Stories“ nicht unter einer bestimmten Überschrift, sieht man mal von der Ausgabe 2016 nur mit Weihnachtsgeschichten und von den reinen Kindergeschichten 2018 ab. Dass der jüngste Band mit Beiträgen aus den Genres Horror, Krimi und Mystery bestückt ist, erweist sich als wirklich gute Idee. Die Vorgabe scheint die Autoren geradezu beflügelt zu haben, ihre Lust am Schreiben fantastischer Geschichten, die meist mit realen Be- oder Gegebenheiten verbunden werden, hat sie zu literarischen Höhenflügen ermutigt. Jürgen Nabel, der Gewinner in der Kategorie Erwachsene, hat mit „Der Fluch des Brunnenmännle“ eine stimmige Kurzgeschichte verfasst, die mit der Kronenhöfe-Baustelle anfängt, dann in die Backnanger Historie ein- und in die Sagenwelt abtaucht. Eine wirklich reife Leistung. Platz zwei und drei gab es für Alvar Borgan mit „Der Gerber“ und Peter Michael Meuer mit „Anno 1693“.

Doch auch die anderen in dem Band vertretenen Autoren haben mitreißende Geschichten zu bieten. Zum Beispiel Sabine Baumert mit „Tagundnachtgleiche“. Dabei spielen die Gänse des Gänsebrunnens beim Rathaus eine Hauptrolle. Die Geschichte hinter dem Brunnen ist schon allein für sich ein spannender Stoff. Das Objekt aus Stein des Winnender Künstlers Martin Kirstein erinnert an mutige Backnanger Frauen, die sich im 17. Jahrhundert gegen das Verbot der Gänsehaltung auflehnten. Sie setzten sich schließlich gegen die Obrigkeit durch. Genauso wie die Gänse in Sabine Baumerts märchenhafter Erzählung, denen der blutrünstige Fuchs letztlich nichts anhaben kann. Eine wirklich reizende Geschichte.

Und Claudia Müller weiß um die Magie der ersten Sätze. Ihre Geschichte „Das Spiel“ beginnt so: „,Mist. Ich bin tot!‘ Enttäuscht schaute Ben auf den grauen Rauch, der säulenförmig aus seinem Grablicht aufstieg.“ Alle, die es gruselig mögen, werden hier ganz sicher weiterlesen.

Die „Backnang Stories“ haben sich mittlerweile zu einer verlässlichen Größe im regionalen Literaturmarkt entwickelt. „Wir bekommen pro Band immer um die 70 Einsendungen von ganz verschiedenen Autoren. Es waren auch mal 100, mal nur 50. Das kommt auch auf das Thema an. Veröffentlicht haben wir seit 2014 Geschichten von zirka 60 verschiedenen Autoren. Manche sind mehrfach dabei, manche Einzeltäter“, lässt Marc Hamacher hinter die Kulissen blicken. Von Anfang an mit dabei waren Marina Heidrich, Tanja Kummer, Sabine Baumert und Jürgen Nabel. „Was vor allem daran liegt, dass sie immer gute Geschichten liefern“, so Hamacher. Der in diesem Zusammenhang betont: „Die Geschichten werden alle anonymisiert. Eine Jury, die aus sechs bis acht Personen besteht, erhält die Dateien, ohne zu wissen, wer sie geschrieben hat. Auf diesem Weg stellen wir sicher, dass nur die Geschichte zählt und nicht der Autor. Und es passiert durchaus, dass eine Gewinnergeschichte auch mal von ein bis zwei Jurymitgliedern schlechter bewertet wird. Was zählt, ist dann am Ende der Durchschnitt aller Wertungen.“

2020 neu dabei sind Henry Bienek, Alvar Borgan, Peter Michael Meuer, Verena Wisner und Lilli Zaffarano. Die Preise in der Kategorie Jugendliche erzielten Felix Rosenfeldt mit „Die Rückkehr der Seuche“ (Platz 1), Lilli Zaffarano mit „Tödliche Entdeckung“ (Platz 2) und Annika Vetter mit „Bittersüß“ (Platz 3). Das Vorwort stammt von Jan Vogel, dem Waldschrat 2020. Hiesige Unternehmen beteiligen sich an dem Projekt als Sponsoren von Sachpreisen. Weil es wegen Corona nicht wie üblich während des Gänsemarkts eine öffentliche Präsentation geben konnte, werden Videos mit den Autoren produziert und auf dem YouTube-Kanal des Leseratten-Verlags präsentiert.

Premiere war 2014

Erstmals kamen 2014 „Backnang Stories“ als Ergebnis eines Schreibwettbewerbs heraus, den der Leseratten-Verlag in der Stadt Backnang und Umgebung veranstaltete.

Die „Dark Backnang Stories“ kosten im Buchhandel zwölf Euro. Weitere Infos dazu gibt es unter http://leseratten-verlag.de/

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Erstellt:
4. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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