Ausgezeichnete Innenarchitektur
Große Ehre: Designpreis für perfekt sanierte Stuttgarter Altbauwohnung
„Best of Interior“ ist einer der wichtigsten Preise für zeitgenössische Wohnprojekte. Der erste Preis geht nach Berlin, ein Architektur-Studio aus Stuttgart erhält eine Auszeichnung.
© Franz Grünewald/Callwey Verlag
Der 1. Preis wurde an Christopher Sitzler, Architekt aus Berlin, für das Projekt „Wohnungszusammenlegung“ in Berlin-Kreuzberg. verliehen.
Von Tomo Pavlovic
Interior Designer gibt es in diesem Land so viele wie Fußball-Bundestrainer, gefühlt sind es 80 Millionen. Jeder weiß es besser, vor allem dann, wenn das Runde nicht ins Eckige will. Doch gute Designer wissen meistens, wie Farben wirken, wie man mit den Lichtverhältnissen und Materialien umgehen muss, damit sich ein gutes Gefühl einstellt. So wie Günter Netzer einst in Wembley „aus der Tiefe des Raumes“ kam und das Spiel an sich riss, woraufhin der Reporter diesen mittlerweile berühmten Halbsatz in seine Schreibmaschine tippte.
Wer braucht schon eine Kücheninsel?
Gleichgültig, ob es sich um den Raum einer Wohnung oder eines Spielfeldes handelt – die wenigsten Laien können etwas damit anfangen, auch wenn sie es behaupten. Ist eine weiß getünchte Wand der Weisheit letzter Schluss? Sind offene Grundrisse gemütlich? Werde ich auch ohne eine Kücheninsel oder eine Sofalandschaft froh? Fragen über Fragen. Zum Glück gibt es Menschen, die etwas von ihrem Handwerk verstehen und das auch eindrucksvoll unter Beweis stellen. Alljährlich versammelt eine illustre Jury im Auftrag des Münchner Callwey Verlags herausragende Inneneinrichtungen und präsentiert diese in opulenten Bildern, verbunden mit dem Award „Best of Interior“, der zum elften Mal vergeben wurde und zu den renommiertesten Preisen für zeitgenössisches Wohndesign zählt.
Tiny Apartments Makarska und Rotterdam
Im aktuellen Callwey-Band finden sich nun wieder die besten Arbeiten aus ganz Europa: von minimalistisch bis opulent, von naturverbunden bis farbenfroh, vom urbanen Loft bis zum ländlichen Refugium. Man kann es sich wunderschön machen: in einem Mini-Studio in Makarska an der kroatischen Adria-Küste genauso wie in einem lediglich sieben (!) Quadratmeter großen Apartment in Rotterdam; es kann perfekt aussehen in einer Gründerzeitwohnung in München, einer Villa in Berlin-Dahlem wie auch in einem Bauernhaus in Friesland. Aufs Design kommt es eben an.
Zu den inspirierenden Fotostrecken gibt es informative Texte und Interviews von und mit Experten, die detaillierte Einblicke in ihre Arbeit geben. Ein Begriff macht dabei die Runde: „New Cosiness“. Mit dieser – frei übersetzt – „Neuen Behaglichkeit“ ist eine Sehnsucht gemeint, die offensichtlich grenzüberschreitend zurzeit den Trend bei den Einrichtungen ausdrückt. Warum das so ist, darüber kann man nur spekulieren, wahrscheinlich ist aber, dass die alltäglichen politisch-gesellschaftlichen Zumutungen viele von einem geschützten, gemütlichen Refugium träumen lassen. Die Umsetzung dieser Wünsche konkretisiert sich – das ergibt eine Umfrage unter zahlreichen Designerinnen und Designern – im Einsatz von Holz mit sichtbarer Struktur und warmer Haptik.
Ebenfalls wichtig: ein „emotionales Storytelling durch persönliche Gegenstände“, heißt es im Callwey-Kompendium. Bei den Farben werden besonders warme Erd- und Sandtöne verwendet, Salbeigrün, Greige oder auch ein gedecktes Petrol.
Was aber nicht zwangsläufig zum Erfolg führt. Schließlich geht es beim Siegerprojekt nicht vorrangig um die Farbwahl, sondern vielmehr um das Konzept: eine Wohnung auf einem ehemaligen Industrieareal in Berlin-Kreuzberg, die ursprünglich aus zwei Wohneinheiten auf jeweils drei Etagen bestand. Christopher Sitzler, Architekt aus Berlin, holte für das Projekt „Wohnungszusammenlegung“ den ersten Preis verliehen. Tatsächlich wirkt die neue Behausung der Familie überhaupt nicht durchdesignt, es ist hell, lockt mit sehr viel Weiß. Zahlreiche persönliche, auch alte Möbelstücke sorgen für eine individuelle Wohlfühlatmosphäre.
Architekten aus Stuttgart unter den Gewinnern
Das gilt auch für eine sanierte, vergleichsweise gut genutzte denkmalgeschützte Altbauwohnung in Stuttgarts Zentrum, was den Raum pro Kopf angeht: Wohnfläche 95 Quadratmeter für vier Personen. Geradezu mustergültig hat das Team von Studio Cross Scale die Modernisierung der Wohnung in die Tat umgesetzt – bei penibler Wahrung der Qualitäten des Baudenkmals. Erfreulich aus lokalpatriotischer Sicht ist also diese Auszeichnung für eine talentierte Stuttgarter Bürogemeinschaft.
All jene, die vor der Sanierung eines Hauses oder einer Wohnung im Bestand stehen, werden sich bei solchen und weiteren Projekten einiges abschauen können. Doch auch wenn „Best of Interior“ als Standardwerk und zugleich Jahrbuch zum Thema Wohnen die schönsten Wohn-Konzepte und Gestaltungsideen versammelt und den Überblick über die Wohntrends des Jahres bietet, ist der beste Tipp immer noch folgender: die gelungensten Inneneinrichtungen kommen immer noch von den Profis. Dann passt das Runde auch ins Eckige.
Info
BuchMarc Lunghuss, Ute Laatz: Best of Interior 2025. Die 50 schönsten Wohnkonzepte 336 Seiten; ca. 300 Fotos und Zeichnungen. Callwey Verlag, 59,95 Euro.
© Studi Cross Scale /Callwey
Eine Auszeichnung ging an das Studio Cross Scale aus Stuttgart, das sich vor der Sanierung einer denkmalgeschützten Wohnung mitten in Stuttgart mit diesem Ursprungszustand auseinanderzusetzen hatte.
© Studio Cross Scale / Callwey
Nach der Sanierung durch das Studio Cross Scale ist das Ergebnis beeindruckend. Schlichtheit und Stringenz zeichnen das Wohnkonzept nun aus.
© Studio Cross Scale / Callwey
Reduzierte Farbwahl in der 95 Quadratmeter großen Stuttgarter Wohnung. Der salbeigrüne Linoleum-Boden ist durchgängig verlegt worden.
© Studio Cross Scale / Callwey Verlag
Viele Türen, ordentliche Höhe: Studio Cross Scale mach aus dem Weniger viel mehr!
© Callwey Verlag/Volker Conradus
Eine Anerkennung ging an Nidus, Ostfriesland, für das Projekt „Landhaus in Ostfriesland“.
© Callwey Verlag/Ossip van Duivenbode
Für das Miniapartment gab es ebenfalls eine Anerkennung: •tar Strategies + Architecture, Board, Rotterdam, für das Projekt „Cabanon“.
© Callwey Verlag/Studio Mark Randel
Die dritte Anerkennung erhielt das Studio Mark Randel, Berlin, für das Projekt „Altbauwohnung“.
© Callwey Verlag/Nate Cook Photography
Als Newcomer ausgezeichnet wurden Takk Studio x Iwetta Ullenboom, Berlin, für das Projekt „Neubauwohnung“.
© Callwey Verlag/KHUONG NGUYEN KOZYSTUDIOBERLIM
Gleich mit mehreren Projekten vertreten ist Fabian Freytag, dieses Projekt heißt „Hommage an Coco Chanel“, eine Maisonettewohnung in Berlins Fasanenstraße.
© Callwey Verlag/Sofie Latour
Der Preis ging nach Frankreich: Prächtiger Umbau – ein Schloss in der Provence, gestaltet vom deutschen Projektteam Eham.
© Callwey Verlag
Die gezeigten Projekte finden sich in dem inspirierenden Bildband von Marc Lunghuss, Ute Laatz: „Best of Interior 2025. Die 50 schönsten Wohnkonzepte“. 336 Seiten; ca. 300 Fotos und Zeichnungen. Callwey Verlag. 59,95 Euro
