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Hochzeit in der eigenen Ausstellung

Die Galerie der Stadt Backnang zeigt unter dem Titel „Divers“ Arbeiten der Bildhauerin Katja Pfeiffer

„Divers“ heißt die neue Ausstellung in der Galerie der Stadt Backnang, die heute eröffnet wird. Die Bildhauerin Katja Pfeiffer zeigt plastische Objekte, Kollagen und Bilder. Im gotischen Chor der Galerie, wo eine sehr aufwendige Konstruktion in Kugelform aufgebaut ist, wird die Künstlerin am Tag nach der Vernissage in der eigenen Ausstellung heiraten.

„Höher – schneller – weiter“: Die unterbaute Holztreppe von Katja Pfeiffer erinnert an die Versuche, Bauten in der zerstörten Stadt L’Aquila zu stützen.

© Peter Wolf

„Höher – schneller – weiter“: Die unterbaute Holztreppe von Katja Pfeiffer erinnert an die Versuche, Bauten in der zerstörten Stadt L’Aquila zu stützen.

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Es war bei ihrem ersten Besuch in der Galerie der Stadt Backnang, als die Bildhauerin bei einem Vorgespräch über ihre Ausstellung nebenbei davon erfuhr, dass im gotischen Chor, der zu den Räumlichkeiten der Galerie gehört, auch standesamtliche Trauungen vollzogen werden. Über eine Hochzeit hatten die 1973 in Karlsruhe geborene Künstlerin und ihr langjähriger Lebenspartner Uwe Sommer, mit dem sie drei Kinder hat, schon länger nachgedacht. Die Location und auch das Umfeld in der Stadt Backnang gefielen ihr so gut, dass der Plan reifte, sich in der eigenen Ausstellung das Jawort zu geben. Am heutigen Freitag wird die Ausstellung eröffnet – am Samstag wird Oberbürgermeister Frank Nopper das Paar im Kreise der angereisten Familie und Freunde trauen. „Backnang 2019“ ist auf den Ringen eingraviert, verrät die Künstlerin.

Inspiriert durch ein Foto vom Bau des Berliner Fernsehturms ist die Kugel im Chor. Fotos: P. Wolf

© Peter Wolf

Inspiriert durch ein Foto vom Bau des Berliner Fernsehturms ist die Kugel im Chor. Fotos: P. Wolf

Die festliche Kleidung liegt schon im Hotel bereit, als Katja Pfeiffer gestern beim Pressevorgespräch in Arbeitsmontur noch letzte Hand an den Aufbau der Ausstellung legt. Das imposante Gebilde einer großen Kugel aus Dachlatten, das mit farbigen Spanngurten zusammengehalten wird, ist im gotischen Chor errichtet. Inspiriert wurde die in Berlin lebende Künstlerin durch ein Foto vom Bau des Berliner Fernsehturms. Das Gerippe der riesigen Kugel wurde damals auf dem Boden montiert. Sie habe einen Hang zu prekären Bauwerken, sagt sie.

Immer wieder tauchen Themen wie Verfall und Vergänglichkeit auf

An der Düsseldorfer Kunstakademie hat sie studiert; sie war Meisterschülerin bei Alfonso Hüppi. Seit 2006 ist Katja Pfeiffer Kunstprofessorin an der Bergischen Universität Wuppertal. Prägend war für sie ihre Zeit während eines Villa-Serpentara-Stipendiums der Akademie der Künste in Olevano Romano. Damals besuchte sie auch die Stadt L’Aquila zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben 2009. Bauwerke, die stark beschädigt und einsturzgefährdet waren, wurden notdürftig gestützt und zusammengehalten, wie etwa ein Kirchenschiff, das durch einfache Spanngurte gesichert war. Immer wieder tauchen Themen wie Verfall und Vergänglichkeit in ihren Arbeiten auf. Zerbrechlich wirkt die Kugel aus sägerauen Holzlatten, die aus über 80 Elementen zusammengesetzt ist. In Kollagen tauchen Details von Gebäuden auf, die mit Stahlträgern zusammengehalten werden. Sie wirken wie „Häuser mit Zahnspangen“, fügt die Künstlerin an.

Den Versuch zu stützen, wie sie es in der zerstörten italienischen Stadt gesehen hat, treibt sie bei dem Werk mit dem Titel: „Höher – schneller – weiter“ auf die Spitze. Eine alte, schwere Holztreppe wurde mit verschiedenfarbigen Latten und Abfallholz unterbaut, die einen Rhythmus an Farbkombinationen ergeben. In einem Keller in Berlin hatte sie das Material bis zur nächsten Ausstellung gelagert, erzählt die Künstlerin. Eines Tages stellte sie fest, dass einiges Holz fehlte. Es war von Nachbarn als Feuerholz verwendet worden.

Im ersten Obergeschoss betritt der Besucher eine begehbare Konstruktion als Rundpanorama. Ein Filmset von Oliver Berben diente ihr als Vorlage. Kulissen sind auf Hartfaserplatten gemalt und bilden eine Simulation von Realität. Auch von hinten kann die Konstruktion beim Rundgang betrachtet werden. Allgegenwärtige Baugruben in Berlin oder „Lost places“, verlassene Orte, die dem Verfall ausgesetzt sind, inspirieren sie zu ihren Objekten, wie eine ehemalige Lungenheilanstalt bei Berlin. Die unscheinbar an die Wand gelehnte Zimmertür im zweiten Obergeschoss könnte der Besucher als Kunstwerk übersehen. Schaut er jedoch durch das Schlüsselloch, tut sich ein Miniaturnachbau als Modell der Krankenhausgänge vor dem Auge auf. Mithilfe der eingebauten Beleuchtung erkennt man am Ende eine Fensterrosette. Ihr neuestes Werk ist ein großformatiges Bild mit dem Titel „Backyard Whisper“. Es ist ihr Abschied vom Hinterhofgarten in Berlin, so Katja Pfeiffer. Eine Hausmeisterin hatte mit viel Einfallsreichtum den Hof mit verschiedenen bepflanzten Utensilien, teilweise aus dem Sperrmüll, in eine liebenswerte „grüne Hölle“ verwandelt. Nachdem das Haus nun an andere Eigentümer übergegangen ist, muss dieses „Hinterhof-Geflüster“ nun nach und nach weichen. Allerlei Skurriles ist auf dem Bild, das in Wachs gekratzt wurde, zu entdecken.

Info
Vernissage und mehr

Die Vernissage findet heute um 20 Uhr in der Galerie der Stadt, Petrus-Jacobi-Weg1, statt. Eine Einführung hält Kulturamtsleiter und Leiter der Galerie, Martin Schick. Grußworte spricht Oberbürgermeister Frank Nopper. Die Ausstellung kann noch bis zum 11. August besichtigt werden. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr.

Es gibt folgendes Begleitprogramm:

Samstag, 25. Mai, 10 bis 13 Uhr: „Rasterung“, Kunstaktion für Kinder von sechs bis zehn Jahren. Anmeldung bis 22. Mai unter 07191/894-477.

Samstag, 1. Juni, 10 bis 13 Uhr: „Tiefenschärfe“, Kunstaktion für Jugendliche von elf bis fünfzehn Jahren. Anmeldung bis 29. Mai unter 07191/894-477.

Individuelle Führungen für Gruppen oder Schulklassen sind auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich.

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Erstellt:
17. Mai 2019, 06:00 Uhr

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