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„Ich begleite die Geschichten auch politisch“

Das Interview: Thomas Freitag macht mit Neuerscheinung auf sich aufmerksam – Der für 18. März geplante Auftritt in Backnang ist wegen Corona gecancelt

Der in Backnang aufgewachsene Kabarettist Thomas Freitag hätte am Mittwoch, 18. März, sein Solo „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ auf Einladung des Lions-Club-Fördervereins mit Unterstützung der BKZ im Backnanger Bürgerhaus spielen sollen. Nun wurde auch diese Veranstaltung infolge der Coronakrise gecancelt. Wir sprachen mit Thomas Freitag über sein aktuelles Buch, seine Arbeitsweise und Stationen seiner Karriere.

„Hier in Backnang wuchs ich auf, ging in den Kindergarten und zur Schule, war in Jugendorganisationen aktiv, verdiente mir mein erstes eigenes Geld durch Zeitungsaustragen . . .“: In seinem neuen Buch geht Thomas Freitag auch ausführlich auf seine Backnang-Zeit ein. Buchcover Westend-Verlag

„Hier in Backnang wuchs ich auf, ging in den Kindergarten und zur Schule, war in Jugendorganisationen aktiv, verdiente mir mein erstes eigenes Geld durch Zeitungsaustragen . . .“: In seinem neuen Buch geht Thomas Freitag auch ausführlich auf seine Backnang-Zeit ein. Buchcover Westend-Verlag

Von Ingrid Knack

Nun ist Ihr Auftritt im Backnanger Bürgerhaus abgesagt worden . . .

Das ist sehr schade. Trotzdem habe ich eine Nachricht für Backnang: das neue Buch „Hinter uns die Zukunft“, das soeben im Frankfurter Westend-Verlag herausgekommen ist.

Ist schon über einen Nachholtermin gesprochen worden?

Es kann sein, dass wir die Veranstaltung im September nachholen – so Gott und das Virus es wollen.

Wie empfinden Sie die derzeitige Stimmung in Zeiten des Virus?

Es sind Zeiten der Besinnung, die dem Größenwahn einen kleinen Deckel aufsetzen. Dass die Börse auf solche Sachen als Erste reagiert, ist ein Zeichen dafür, worum es in diesem Leben geht. Von Demut ist nach wie vor wenig zu spüren.

Eigentlich hätte Ihr Buch jetzt auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden sollen, die ja wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt wurde. Nun bericht(et)en verschiedene Kulturmagazine darüber, beispielsweise „artour“ im MDR-Fernsehen, Sie sind unter anderem noch im SWR-Studio in Kaiserslautern und im HR1-Radio zu hören. Wollen Sie uns schon etwas über die Inhalte und das Konzept verraten?

Na ja, wir haben uns neulich geeinigt, dass wir auf den Buchtitel nicht nur Autobiografie, sondern „Mehr als eine Autobiografie“ schreiben. Denn es ist mehr. Ich schreibe nicht nur das, was ich erlebt habe, sondern ich begleite die Geschichten darin auch politisch. Zum Beispiel meinen Schulbesuch im Seminar in Backnang. Dieses war zur Hälfte Flüchtlingslager. An dem Wort hat man schon gemerkt: Da ist ein besonderer Unterton, der nicht positiv besetzt war. Aber man wusste in dem Alter nicht genau, was er bedeutete. Später hat man herausgefunden: Das waren ja auch Deutsche, die auf der Flucht waren, aus dem Osten und so weiter. Allerdings fange ich in meinem Buch fast belletristisch an. Mit meiner Zivildienstzeit, meiner Verweigerungszeit.

Wo haben Sie Zivildienst geleistet?

Im Staigacker. Ich nenne das im Buch nicht wörtlich, sondern ich schreibe nur, dass das Altersheim in der Nähe war. Und so, wie ich es damals eben empfunden habe.

In Ihren Stücken haben Sie schon das eine oder andere Mal etwas vorweggenommen, was später hochaktuell wurde. Dass es mit dem Brexit so ausgeht, konnten Sie bei der Entwicklung des „Europa“-Stücks nicht wissen. In der „Angst der Hasen“ von 2007 gibt’s einen Dialog mit den „verehrten Islamisten“.

Beim Schreiben meines Buches „Hinter uns die Zukunft“ wurde es mir sehr deutlich: dass wir den Fehlentwicklungen immer sehr früh auf die Schliche gekommen waren. Mit Entsetzen stellte ich dann aber fest, dass wir praktisch kein Resultat erzielt haben. Dass es nicht besser, sondern eher schlechter geworden ist. Obwohl man die unguten Entwicklungen hat kommen sehen.

Wie sind Ihre Gefühle dabei? Verspüren Sie deshalb eher Genugtuung oder Unbehagen?

Es treibt mich um und beschwert mich. Man will ja doch, dass es irgendwo Fortschritte gibt. Die hat’s natürlich in bestimmten Bereichen gegeben. Aber der Zeitgeist bringt auch so etwas wie jetzt in Thüringen hervor. Das ist im Grunde am Ende nur noch die Bestätigung. Und das ist das, was mich schon ganz schön umhaut.

Wie geht der Kabarettist Thomas Freitag damit um?

Mein neues Programm, das so heißen wird wie mein aktuelles Buch, wird wahrscheinlich ein unglaublich persönliches Programm werden. Die Brisanz der Dinge ist immer stärker geworden. Was bleibt mir also anderes übrig? Um es mit Dieter Hildebrandt zu sagen: Ich habe vielleicht ein komödiantisches Talent, aber es als Liebhaber im Kleiderschrank eines Boulevardstücks einzusetzen, wo ich nach dem ersten Bild schon weiß, wer unter welchem Schrank hervorkommt, ist mir da ein bisschen zu primitiv.

Wie sah die Entwicklung hin zu Ihrem Zeitgeistkabarett, zum Kabaretttheater oder satirischen Kammerspiel, wie man Ihre Programme bezeichnen kann, aus?

Ich habe mir praktisch mein eigenes Theater versucht zu erhalten. Natürlich würde man die eine oder andere Rolle mal gerne spielen, aber das ist ja heute eine völlig andere Gesellschaft geworden. Es gibt ja noch nicht mal mehr normale Castings am Theater. Wenn ein Intendant geht, nimmt er seine Schauspieler mit. Das läuft alles vorher schon unter der Hand. Wenn Sie so wollen, erfülle ich mir die Figuren des Theaters selbst.

Zum Beispiel den politisch neutralen Herrn Rübenbauer aus dem „Europa“-Stück.

Den „Rübenbauer“ spiele ich wirklich wahnsinnig gerne. Die Entwicklung, die die Figur nimmt, ist für mich ein Vergnügen, eine tolle Herausforderung. Die Fallhöhe der Figur zwischen dem Anfang und dem Ende des Stücks ist immens. Da muss ich nicht mehr den Puck im „Sommernachtstraum“ spielen. Ich habe meinen eigenen Puck.

Sie wollten ja von Anfang an Schauspieler werden und waren auch zu Beginn Ihrer Karriere am Stadttheater Gießen engagiert.

Das wollte ich prinzipiell. Das war ja die Intention. Dass ich beim Kabarett landete, ist vielleicht dem Düsseldorfer Kom(m)ödchen geschuldet. Das Kom(m)ödchen hat in Abgrenzung von anderen Kabaretts – nehmen Sie die Lach- und Schießgesellschaft dazu, die zwei waren ja damals führend – immer kleines Theater gespielt. Das war im Grunde kleines Kammerspiel. In der Lach-und Schieß hat man dagegen halt von oben runtergeballert. Das war wunderbar. Wir haben sie geliebt dafür. Aber das feine Spiel, der ironische Ton, das Leichte, das Kokette und auch die Anbindung an Theatervorlagen, das habe ich vom Kom(m)ödchen. Und das hat mir so gefallen.

Was Ihre Programme überdies auszeichnet, ist, dass Sie neben gesellschaftlichen auch vielfach geschichtliche Zusammenhänge sehr deutlich klarmachen.

Das ist ja wichtig. Wer aus der Vergangenheit nichts kapiert, wird die Zukunft nicht verstehen. Die Frage ist jetzt, und die stelle ich im neuen Programm: Warum lernt der Mensch nicht aus seinen Fehlern? Bei einem herannahenden Tsunami verlassen alle Insekten, alle Tiere das Terrain. Nur der Mensch steht da und fotografiert die Wellen, bevor sie ihn wegspülen. Das ist hirnkrank.

Gehen Sie eher emotional oder analytisch an die Erarbeitung Ihrer Programme heran, oder hält sich das so die Waage?

Ich gehe eigentlich erst einmal rein gefühlsmäßig ran. Ich bin, wenn man so will, ein doch zutiefst nachdenklicher Mensch. Und je älter ich werde, umso mehr stelle ich das fest. Wir haben uns über vieles, über Deutschland ausgelassen, aber irgendwann ging es wirklich um Europa. Dann fängt die Diskussion mit meinen Leuten an. Bei „Europa“ war ja Rufus Wagner der Regisseur, er begleitet die Sache intellektuell. Dann kommt die Schärfe rein. Er ist ein ausgesprochener Kopfmensch, ein gescheiter Mann, und ich bin der neugierige Bauchspieler, also auch neugierig auf seine intellektuellen Auslassungen, wenn wir uns über Politik unterhalten.

Sie haben einmal gesagt: Ich möchte die Zuschauer mit etwas Sinnvollem traktieren . . .

Ja, das hört sich sehr spröde an natürlich, da kriegen viele einen Schreck. Gegen die Absenkung des Niveaus, das Reduzieren auf Flachheiten, muss man ankämpfen. Das ist der Zusatzkampf, den man führt.

Sie geben bei Stücken wie „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ auch keine Zugaben. Hat das damit zu tun?

Die Leute fragen manchmal: Warum haben Sie den Reich-Ranicki nicht gemacht? Würde ich das tun, würde es beliebig werden. Dann fängt der bunte Abend an und sie gehen nach Haus, und es ist nichts übrig geblieben. Das ist Quatsch. Du kannst aufhören, wie du willst, du musst nur glaubwürdig sein.

Eine Frage noch an Sie als Privatmensch: Worüber lachen Sie am liebsten?

Ich lache am liebsten darüber, wenn der Mensch sich größer machen will, als er ist. Das finde ich wahnsinnig komisch. Er hat sich als Gockel angezogen, und jeder hat’s gemerkt, nur er selber merkt’s nicht. Schopenhauer hat ja gesagt, dass wir das einzige Tier sind, das den anderen Tieren Leid zufügt aus Überzeugung und nicht aus Notwendigkeit. Das nächste Programm geht von dieser Überhebung, von dieser Anmaßung aus. Denn darin liegt ja der Kern des ganzen Unbills.

Info

Thomas Freitag stellte gestern, am Donnerstag, 12. März, im MDR-Fernsehen im Kulturmagazin „artour“ ab 22.05 erstmals sein Buch „Hinter uns die Zukunft“ vor („artour“ findet man in der Mediathek). „Eine sehr persönliche und erfrischend uneitle Rückschau auf die Jahre am Düsseldorfer Kom(m)ödchen oder in Dieter Hildebrandts ,Scheibenwischer‘, auf die ersten Auftritte als Büttenredner, auf endlose Gastspielreisen durch die Provinz und auf den einen oder anderen handfesten Skandal“, so der MDR.

Zunächst ist als Ersatztermin für die Veranstaltung, die für Mittwoch nächster Woche in Backnang geplant war, der 22. September vorgesehen. Karten behalten ihre Gültigkeit. Sie können aber auch zwischen 16. und 31. März an den jeweiligen Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden.

Thomas Freitag, 1950 im hessischen Alsfeld geboren und in Backnang aufgewachsen, wollte schon früh Schauspieler werden. Nach einer Lehre zum Bankkaufmann nahm er Schauspielunterricht bei Carlo Fuß und erhielt 1974 am Stuttgarter Renitenztheater sein erstes Engagement als Schauspieler und Kabarettist.

Seine schauspielerischen Ambitionen verwirklichte Thomas Freitag nicht nur auf der Bühne, sondern auch in etlichen Fernsehrollen. Neben eigenen TV-Serien war er immer wieder Gast in zahlreichen TV-Produktionen, Shows und Fernsehfilmen. Seine Liebe zum Theater brachte ihn mit „Männerhort“ in der Spielzeit 2007/2008 auf die Bühne der „Komödie“ in Düsseldorf. Im Frühjahr 2010 realisierte er seine zweite Zusammenarbeit mit Helmuth Fuschl in „Der Priestermacher“ und ging damit bundesweit auf Tournee.

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Erstellt:
13. März 2020, 06:00 Uhr

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