„Ich möchte die DDR nicht zurückhaben“

Festivalteilnehmer aus Dresden und Weimar bekunden unterschiedliche Gedanken zur deutsch-deutschen Wirklichkeit. Ost-Biografien werden oft nicht anerkannt.

Quer durch die Familien gehen die verschiedenen Haltungen und Einstellungen, thematisiert im „Familienfest“ vom Theater Weimar. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Quer durch die Familien gehen die verschiedenen Haltungen und Einstellungen, thematisiert im „Familienfest“ vom Theater Weimar. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Nach ihren Gedanken zum deutsch-deutschen Verhältnis befragt, äußerten die Festivalteilnehmer aus Dresden und Weimar sich sehr unterschiedlich. Manche der jungen Ostdeutschen beklagen, dass Eltern und Großeltern das Erlebte oft romantisieren, anstatt es zu hinterfragen. Manche sind bis heute der Meinung, das Schulsystem Ost sei ein besseres gewesen, andere verneinen dies mit Hinweisen auf dessen ideologische Durchdringung und auf die jahrzehntelange DDR-Bildungsministerin Margot Honecker vehement. „Verheerend“ sei deren Einfluss auf Kinder, Jugendliche und Pädagogen gewesen. „Ganz schnell reingewachsen“ in das vereinte Deutschland seien Sportler. Ein Hobbyvolleyballer etwa erzählt, dass er nie und nie Vorurteile vonseiten Westdeutscher erlebt habe, und unter Musikern sei das ähnlich.

Ein anderer gibt zu bedenken, dass man viel besser vom „Tag der Vielfalt“ sprechen sollte. Denn Migration habe es in beiden deutschen Teilen gegeben, und für die Migranten oder beispielsweise die sowjetischen Militärangehörigen auf ostdeutschem Boden änderte sich mit der Wende ebenfalls sehr viel. Man solle das nicht vergessen. Das Gefühl, übergangen worden zu sein, formulierte eine ältere Teilnehmerin und zitierte Theaterleiterin Jasmin Meindl, die zur Eröffnung des Festivals formuliert hatte: „Für die Westdeutschen hat sich mit dem Tag der Wende nichts geändert, für die Ostdeutschen alles.“ Dass Ost-Biografien im Westen nicht anerkannt würden, sei ein Grundgefühl ihrer Generation, so die ältere Dame, aber sie lasse sich ihr „Leben nicht wegnehmen“. 1934 in Oberschlesien geboren, sei sie nach der Flucht in Thüringen, etwa zehnjährig, bei Verwandten sesshaft geworden. Jeden Schritt der Entwicklung in der späteren DDR habe sie als „Schritt nach oben“ erlebt, zumindest in materieller Hinsicht. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, bat die Dame freundlich. „Ich möchte die DDR nicht zurückhaben. Ich weiß aber, dass ich manches geschafft habe, das mir im Westen nicht möglich gewesen wäre.“ Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern habe sie in den 70er-Jahren jede Unterstützung von staatlicher Seite erhalten. Damals undenkbar im Westen: „Ich habe immer gearbeitet. Viel! Und gern!“ Als Mitarbeiterin in einer Personalabteilung sei sie auch Eheberaterin und psychologische Stütze für manchen gewesen. Sie sagt es lächelnd, denn sie erinnert sich gern zurück. „Es war ein hartes Leben. Aber schön!“

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Erstellt:
5. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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