Regisseurin von „Hamnet“
„Ich suche immer Wahrhaftigkeit“
Das Drama „Hamnet“ erzählt von William Shakespeare und seiner Frau, deren Sohn der Pest zum Opfer fällt. Chloé Zhao sagt, warum sie die Regie erst ablehnte.
© dpa/Carsten Koall
Die Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao
Von Patrick Heidmann
Eine fiktionale Geschichte basierend auf realen Personen – das Drama „Hamnet“ begleitet William Shakespeare (Paul Mescal) und seine Frau Agnes (Jessie Buckley), die den Tod ihres jüngsten Sohnes bewältigen müssen. Regie führt die Oscarpreisträgerin Chloé Zhao. Warum sie die Regie für den Film zunächst ablehnte und wie sich ihr Verhältnis zu Shakespeare im Laufe der Arbeit an „Hamnet“ veränderte, verrät Chloé Zhao im Interview.
Ms. Zhao, mit „Hamnet“ begeben Sie sich erstmals als Regisseurin zurück in die Vergangenheit und erzählen – wenn auch auf Basis einer fiktionalen Geschichte – von realen Personen. Haben Sie bewusst nach einem solchen Stoff gesucht?
Nein, im Gegenteil hatte ich an einem Kostümfilm oder Ähnlichem überhaupt kein Interesse. Weswegen ich bei ersten Mal, als mir „Hamnet“ angeboten wurde, auch direkt absagte, ohne überhaupt die Romanvorlage zu lesen. Aber dann traf ich mich nur ein paar Tage später beim Filmfestival in Telluride mit Paul Mescal, der nun im Film die männliche Hauptrolle spielt. Ich wusste damals nichts über ihn, sein erster großer Film „Aftersun“ lief noch nicht in den Kinos. Doch er schwärmte mir von der Geschichte vor und wollte unbedingt an der Verfilmung mitwirken. Er versicherte mir, dass dies eben gerade nicht so ein typischer historischer Roman sei, und irgendwie wurde ich neugierig.
Was sprach Sie dann bei der Lektüre an?
Gar nicht so sehr William Shakespeare, auch weil ich nie eine große Shakespeare-Kennerin war. Aber die Figur seiner Frau Agnes faszinierte mich von der ersten Seite an. Ihr Verhältnis zum Unsichtbaren, zu ihren Ahninnen und Ahnen, zum Wald und zur Natur – das war der Ort, an den ich mich als Filmemacherin begeben wollte. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und William packte mich auch, weil die beiden so vollkommen unterschiedlich sind. Die Gegensätze zwischen ihnen sind das, was sie aneinander lieben und womit sie sich gegenseitig ergänzen. Aber als sie dann einen tragischen Schicksalsschlag erleiden, entsteht eben auch eine große Distanz zwischen ihnen, weil sie so unterschiedlich damit umgehen.
Ihre ersten drei Filme lebten von Realismus, von natürlichem Licht und Laien-Schauspielern. Danach drehten Sie mit dem Marvel-Superhelden-Film „Eternals“ das komplette Gegenteil. In welchem Bezug zu Ihren vorherigen Arbeiten steht nun „Hamnet“?
Eine gewisse Form von Realismus oder mindestens Wahrhaftigkeit suche ich eigentlich in allen meinen Filmen. Auch „Eternals“ war – innerhalb der Wirklichkeit dieser Figuren – so realistisch wie möglich. Sie mögen zwar Laserstrahlen aus ihren Augen geschossen haben, aber dennoch habe ich versucht, sie so glaubwürdig und dreidimensional wie möglich darzustellen. Genauso war es nun auch bei „Hamnet“. Und ich war froh, bei „Eternals“ schon einmal die Erfahrung gemacht zu haben, was es bedeutet, eine Welt erst einmal zu kreieren, statt „bloß“ abbilden zu müssen. Das ist natürlich in gewisser Weise eine Beschränkung. Gleichzeitig sah ich mich dadurch noch mehr als bei meinen ersten Filmen gezwungen, mich komplett auf mein Ensemble zu konzentrieren und dort das Reale und Wahrhaftige zu finden. Weil ich nicht einfach die Kamera schwenken und eine echte, existierende Umgebung zeigen konnte, waren für den Realismus allein die Schauspielerinnen und Schauspieler zuständig.
Wie sehen in einem solchen Fall die Anweisungen an Ihre Hauptdarsteller und Hauptdarstellerinnen aus?
Bei der Arbeit mit Frances McDormand an „Nomadland“ habe ich schnell begriffen, dass ich Schauspielerinnen und Schauspielern dieses Kalibers nicht sagen kann oder will, was sie tun sollen. Die suchen von sich aus immer nach der Wahrhaftigkeit und haben genug Erfahrung und Gespür, um immer zu wissen, was sie tun. Da sage ich meistens nur Dinge wie: „Mach hier mal ein bisschen mehr.“ Oder: „Vielleicht fünf Prozent weniger intensiv.“ So ähnlich habe ich das auch dieses Mal gehandhabt.
Zu Ihren Arbeitsmethoden, so haben Sie an anderer Stelle berichtet, gehörten gemeinsame Meditationen, Traum- und Tanz-Sessions. Hatten Sie solche Rituale auch schon an den Sets früherer Filme eingeführt, oder hatte das bei „Hamnet“ konkreten Bezug zu dieser Geschichte?
Bei meinen ersten Filmen brauchte ich solche Rituale nicht, denn die Menschen, die ich darin zeigte, hatten ihre eigenen. Die Nomaden in „Nomadland“ machten morgens nach dem Aufwachen ihren Kaffee, bereiteten ihr Feuerholz vor und waren dann bereit zum Drehen. Bei den Cowboys in „The Rider“ war es genauso. Sie lebten einfach ihr Leben – und irgendwann liefen eben die Kameras. Aber bei „Eternals“ habe ich dann realisiert, dass das mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern natürlich etwas anderes ist – und der Weg vom Wohnwagen zum Set vielleicht nicht lang genug ist, um wirklich einzutauchen in die Figur und die Emotionen der bevorstehenden Szene. Das wollte ich bei „Hamnet“ nun unbedingt besser einfangen, und so haben wir eben nach Wegen gesucht, wie wir morgens gemeinsam den sanften Übergang in den Arbeitstag hinbekommen.
Sie sagten eingangs, dass Sie nie eine Shakespeare-Expertin waren. Hat sich denn Ihr Blick auf ihn und sein Werk durch die Arbeit an „Hamnet“ verändert?
Selbstverständlich. Ich wusste und verstand wirklich nicht viel von ihm, was natürlich auch immer damit zu tun hatte, dass meine Muttersprache Chinesisch ist. Am ehesten kannte ich Verfilmungen seiner Stücke. Mein Eindruck von „Hamlet“ war zum Beispiel, dass es darin um Rache geht, was mich nie sonderlich interessiert hat. Erst jetzt habe ich begriffen, dass es darum geht, am Leben festzuhalten. Und habe realisiert, dass Hamlet ja eigentlich ein ziemlich junger Mann ist, auch wenn er aufgrund der Komplexität der Rolle meist von deutlich älteren Schauspielern gespielt wird. Es geht also im Stück eigentlich um jemanden, der voller Leben und Hoffnung sein müsste, würde er nicht andererseits damit zu kämpfen haben, wie viel unaushaltbare Tragik er trotz seiner jungen Jahre schon aushalten muss. Gerade für „Hamlet“ also habe ich inzwischen eine ganz neue Wertschätzung gewonnen.
Chloé ZhaoDie Regisseurin, Autorin und Produzentin wurde 1982 in Peking geboren. Sie lebt, studiert und arbeitet seit rund 20 Jahren in den USA. Ihr sozialkritisches Roadmovie „Nomadland“ gewann 2020 nicht nur den Goldenen Löwen in Venedig, sondern auch noch drei Oscars: für den besten Film, die beste Regie und für die Hauptdarstellerin Frances McDormand. Nach einer Reihe kritischer Äußerungen über die chinesische Staatspartei ist sie in ihrer Heimat inzwischen politisch geächtet.
HamnetDie nordirische Autorin Maggie O’Farrell hat den Roman 2020 veröffentlicht. Er ist in 40 Sprachen übersetzt und weltweit mehrere Millionen mal verkauft worden. In Deutschland ist er unter dem Titel „Judith und Hamnet“ erschienen (Piper Verlag, 416 Seiten, 22 Euro). Der Film ist bei den Golden Globe Awards als bestes Filmdrama ausgezeichnet worden, Jessie Buckley wurde als beste Hauptdarstellerin Drama gewürdigt. In Deutschland kommt er am 22. Januar in die Kinos.
