Bonaparte in Stuttgart

Indie-Band mit Doppelkonzert – die Performance setzt Maßstäbe

Perfomance, Maskenball oder doch Elektroclash: Bonaparte geben ein Doppelkonzert der leisen und lauten Töne/Bonaparte geben ein Doppelkonzert: Zwischen performativem Maskenball und Punk-Abriss.

Bonaparte – hier im LKA

© LICHTGUT/Zophia Ewska

Bonaparte – hier im LKA

Von Swantje Kubillus

Leise und laut? Mozart-Saal und LKA? Die Indie-Punk-Band Bonaparte liefert am Wochenende ein Doppelkonzert: Entschleunigen und Raushauen - und dazwischen passiert ein wildes Pferd.

Dunkel und enigmatisch empfängt der Mozart-Saal am Samstagabend zum Happening Bonaparte. Gegen Viertel nach Acht färbt sich der Raum in blaues und dann purpurnes Licht, ein weißer Schleier liegt über der Bühne, eine Brautfigur, weiß, wie aus einer anderen Welt, wandelt durch den Saal, später kommt eine in Schwarz gekleidete hinzu, die Figur eines Pianisten im weißen Frack, mit langem Haar, jesushafte Erscheinung, die an den Band-Frontmann selbst erinnert, setzt sich an den Flügel und spielt auf.

Was folgt, ist eine, wie es da heißt, Visual-Trash-Punk-Inszenierung, und nein, man befindet sich nicht in einem David-Lynch-Film, sondern auf dem ersten von zwei Konzerten der Indie-Punk-Band Bonaparte. Unter dem Titel „The Quiet & The Riot Tour“ und mit zwei neuen Songs im Gepäck, ist der Schweizer Musiker und Wahl-Berliner Tobias Jundt mit seiner Band nach vier Jahren Pause wieder unterwegs.

Suche nach Urharmonien

Bonaparte zeigen an zwei aufeinanderfolgenden Konzerttagen die leisen und die lauten Töne, die in den beinah zwanzig Jahren Bandgeschichte entstanden sind – und einmal mehr ein Spiel mit der Dualität, und dazwischen passiert so etwas wie ein wildes Pferd – was in einer Bonaparte-Analogie beispielsweise Raum für Performance-Kunst, die vermeintliche Suche nach den Urharmonien und Elektroclash meint.

Im Repertoire des leisen Konzerts sind unter anderem „Melody X“, „White Noise“ oder auch „Good Things“, um dann, etwas später eine smoothe Version des 2008er Hits „Anti Anti“ zu spielen. Daran schließt „Mañana Forever“ in sanften Tönen an. Ein bisschen Entspannung, ein bisschen Entschleunigung. Mit dem Sänger sind es elf Personen, die das zweistündige Konzert in der Liederhalle gestalten: Klangerlebnis, trifft Maskenball, trifft Synth-Pop. Eine Prise Dada und der Frontmann als Zirkusdirektor mit einem Kabinett der Absurditäten, wenn nackte menschgewordene Lampenschirme über die Bühne wandeln.

Alles erscheint ein bisschen unperfekt, sodass die Zuhörer:innen dann eben doch wieder vom Spiel des Jazz-Pianos überrascht werden können. Schattenspiele an der Wand – die Bühnenshow in der Liederhalle zwischen Traum und Wirklichkeit.

Punk-Abriss-Party

Am Sonntag kommt es dann zur Punk-Abriss-Party, und man fragt sich, weshalb die Zeit dazwischen überhaupt so lange andauerte. Denn das leise Konzert weckte unweigerlich Vorfreude auf das Laute. Und „Riot“ ist hier im LKA die einzig treffende Vorankündigung. Es geht los mit „Anti Anti“ – dem Revoluzzer-Song – dieses Mal aber laut. Es spritzt das Kunstblut und Schweiß ist wie ein Zeugnis von Fanhingabe. Mit großem Tempo, und großer Show knallt und explodiert es da. Der 46-jährige Sänger scheint unerbittlich mit seiner E-Gitarre, um ihn herum die selbige Entourage wie vom Vorabend, die nun noch mehr in ihrem Element zu sein scheint.

Nun soll das Konzert einfach Spaß machen - dem Hedonismus gefrönt, der Versöhnlichkeit, und dem exzessiven Fallenlassen, so wurde es angekündigt - und so wurde es dann auch gemacht. Dass da immer mal wieder übergroße Bälle durch die Luft fliegen, die den Spieltrieb der Fans ankurbeln, ist dann nur Nebensache. Tiere, wundersame Wesen, Masken, Leder, Nacktheit und ein Krachen ziehen über die Bühne und bald schon auch in die Menge. Ein kleiner Moshpit hier, Bonaparte im Stage Dive da, und einige Zeit später auch ein Planschbecken mit Kunstfigur im Publikumsmeer. Glitzer von der Bühne und Sekt ins Publikum, als Antwort dann die zunehmende Ekstase.

Zusammengehörendes Event

Nun bekommt man bei Bonaparte eben, was man bekommt. Da braucht man sich nichts vormachen, und das möchte man ja auch gar nicht. Insbesondere ältere Stücke gibt es beim „Riot“ auf die Ohren: Darunter „Too Much“, „Computer in Love“ oder „My Horse likes you“. Klar, Bonaparte kann ja eben beides, Besinnung und Raushauen – beinah schon wieder vergessen, vor lauter Pogo. Was das Gesamtevent angeht, ist der zweite Abend klarer und direkter. Und der Sicherheit wegen ist zu erwähnen, dass das wilde Treiben auf der Bühne nur etwas für erprobte Nerven ist. Und selbst die sind von der ein oder anderen Pobacke überrascht. Insgesamt sind am Wochenende 1300 Fans gekommen und haben Tribut gezollt. Ein Bonaparte-Fieber ging um. Entweder, man besuchte nur eines der beiden Konzerte, oder war eben doch im Team Nimm zwei.

Dass es ein zusammengehörendes Event ist, machte die Sache ein bisschen runder, ohne jedoch ein Muss zu sein. Bei Bonaparte gab es viel zu sehen, einem Klangteppich folgend, oder von einer Trash-Punk-Welle mitgerissen werden: In jedem Fall ist es so, dass die Band mit dem französischen Einschlag kam, sah, und das Kesselchen ordentlich zum Dampfen brachte.

Der Teil des Doppelkonzerts im LKA war deutlich wilder.

© LICHTGUT/Zophia Ewska

Der Teil des Doppelkonzerts im LKA war deutlich wilder.

Mitunter spielten sich bizarre Szenen auf der Bühne ab.

© LICHTGUT/Zophia Ewska

Mitunter spielten sich bizarre Szenen auf der Bühne ab.

Auch viele alte Hits wurden gespielt.

© LICHTGUT/Zophia Ewska

Auch viele alte Hits wurden gespielt.

Die Performance beeindruckte auf vielen Ebenen...

© LICHTGUT/Zophia Ewska

Die Performance beeindruckte auf vielen Ebenen...

...zu Sound, der hart, aber auch ganz besinnlich sein konnte.

© LICHTGUT/Zophia Ewska

...zu Sound, der hart, aber auch ganz besinnlich sein konnte.

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Erstellt:
19. Februar 2024, 08:38 Uhr

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