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Jungbleiben lautet das künstlerische Motto

Das vielseitige Trio Berta Epple gibt mit „Die Rente ist sicher“ ein überwältigendes Konzert im Backnanger Bürgerhaus

Sie sind Träger des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg 2019, längst weit über das Ländle und Deutschlands Grenzen hinaus als Koryphäen geschätzt und dessen ungeachtet „immer noch keine Millionäre“. Der Titel ihres aktuellen Programms: „Die Rente ist sicher.“

Karl Albrecht Fischer und die Brüder Gregor und Veit Hübner (von links) brillieren an Flügel, Violine und Kontrabass und albern mit Mandoline und Ukulele im Buena-Vista-Social-Club-Style. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Karl Albrecht Fischer und die Brüder Gregor und Veit Hübner (von links) brillieren an Flügel, Violine und Kontrabass und albern mit Mandoline und Ukulele im Buena-Vista-Social-Club-Style. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Die Brüder Gregor und Veit Hübner sowie Karl Albrecht „Bobbi“ Fischer haben sich ihre Rentenbescheide angeschaut. „Des gibt für mi nix her“ und „wenn’s doch anders wär’“ albern sie an Ukulele, Mandoline und Kontrabass im Buena-Vista-Social-Club-Style, womit wohl ihre Lebenseinstellung angedeutet ist, aber da sind wir schon mitten im Konzert. Eingeführt haben sie sich als gealterte Herren auf einer Parkbank, und als solche werden sie sich auch verabschieden, Vögel fütternd und auf die Jugendzeit zurückblickend: „Those Were The Days, My Friend“. Die einst von den Sängerinnen Alexandra und Dunja Rajter in Deutschland populär gemachte russische Melodie aus Revolutionszeiten erklingt – faszinierend intensiv – gewissermaßen als Auftakt vor dem Auftakt, bevor also aus dem Off an die namensgebende Berta Epple erinnert wird, jene „Königin der Neckarschifffahrt und bessere Hälfte des Karl Epple, der den Fluss überhaupt erst schiffbar gemacht hat“.

Als „die Junggebliebenen“ werden die Musiker vorgestellt, und nein, so alt sind die drei noch nicht, aber Jungbleiben – das dürfte ihr künstlerisches Motto sein. Vielseitig ihr Repertoire, gewitzt die Performance. Sie schaffen es, anspruchsvollste Musik über Stunden in einer unvergleichlichen Kurzweil zu präsentieren und dabei über jeden Tellerrand zu schauen. Schwäbischer Dialekt und weltläufig-urbane Horizonte – die Synthese gelingt in Inhalt und Form, weil Humor und Anspruch einander bedingen. Beispiel: Kartoffelsalat. Noch dem letzten Migrationsskeptiker wird ein Lachen abgerungen, wenn ausgerechnet Ayshe aus Afghanistan und die Irin Mary die schwäbische Rezeptur am besten beherrschen. „Ja, sie hütet ihr Geheimnis. Sie sagt nur so viel: Nehmt Sieglinde oder Selma, und dann kocht mit viel Gefühl!“ Oder nach der Melodie von „What shall we do with the drunken sailor?“: „Hooray, die Mary weiß es, Hooray, die Mary weiß es, Hooray, die Mary weiß es, was da alles neikommt.“ Auch Frank Sinatra muss es gewusst haben. Denn nach der Publikumsabstimmung darüber, ob Zwiebeln in den Kartoffelsalat gehören oder nicht (wenige Gegenstimmen) kommt von Bobbi Fischer ein schwäbisches und genial intoniertes „My Way“ zu Gehör mit dem Hinweis: „Wir sind immer noch beim Kartoffelsalat.“ Dieser Witz ist nur durch Ernst zu toppen.

Melancholie, Ernst und Witz gehen an diesem Abend im Kreis herum

So folgen denn die Instrumentals „Fracanapa“ und „Oblivion“ des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla, der als Begründer des Tango Nuevo gilt. An Flügel, Geige und Kontrabass brillieren die renommierten Musiker und begeistern ihr Publikum restlos. Spitzenklasse. Dieser Ernst, diese Melancholie, diese Exzellenz sind nur durch Witz zu schlagen. So geht das an diesem Abend im Kreis herum. Ähnlich ernüchternd wie die Rentenbescheide verlaufen Berta Epples Casinobesuche. Weshalb nun ein Medley zum Thema Geld folgt. Abba und Ivan Rebroff werden in ulkender Weise gecovert und eigene Stücke zum Thema beigesteuert, bis die Frage im Raum steht, ob man auch das noch steigern kann. Man kann. „Kein Dichter und kein Komponist, der nicht über Geld geschrieben hätte“, wird erläutert, um Mozarts Lied „Die Zufriedenheit“ anzukündigen. Veit Hübner, der Bassist, singt das Werk aus dem Jahr 1780 („Was frag ich viel nach Geld und Gut?“) mit bezaubernder Stimme und zeitgemäß, Mozarts Zeit gemäß. Gebrochen wird dieses Wunder durch die Bongos, vortrefflich gespielt von Gregor Hübner.

Bis zur letzten Zugabe zieht das Trio sein Publikum in den Bann. Es wird gelacht und gelauscht und gestaunt. Manche verzaubernde Melodie, die einem irgendwie, irgendwoher bekannt vorkommt, erklingt, bis es heißt „Bring mi hoim.“ An Flügel (vorwiegend Bobbi Fischer), Violine (Gregor Hübner) und Kontrabass (Veit Hübner) hat das Ensemble Zeiten und Räume umspannt, hat es eine Weite atmen lassen, die selten ist. Auch Mandoline, Ukulele, Akkordeon, Drums und Percussions kamen zum Einsatz sowie mehrfach auch ein großartiger Scat- und Satzgesang. Meisterhaft!

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Erstellt:
9. März 2020, 06:00 Uhr

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