John Grisham: Das Vermächtnis

Juristisches Sittengemälde aus der US-Provinz mit lauem Finale

John Grishams neuer Thriller "Das Vermächtnis" entführt in die kleinstädtische US-Provinz. Ein Anwalt gerät in einen Mordfall, der seine moralischen Grenzen testet.

Immer noch fleißig: der Bestseller-Autor John Grisham.

© IMAGO/Starface

Immer noch fleißig: der Bestseller-Autor John Grisham.

Von Lukas Jenkner

Simon Latch ist ein typischer Kleinstadt-Anwalt: In seiner Heimat Braxton im US-Staat Virginia schlägt er sich mit seiner Ein-Mann-Kanzlei mehr schlecht als recht durchs Juristendasein. Seine Ehe steht vor dem Aus, Simon trinkt und wettet zu viel, die Aussichten sind wenig rosig. Im Grunde ist der Anwalt ausgebrannt.

Da schneit eine finanzielle Verheißung in Gestalt der 85 Jahre alten Witwe Eleanor Barnett in Simons Kanzlei. Sie will ein neues Testament aufsetzen, ihre Stiefsöhne, sonstige Verwandten und Freunde sollen keinen Cent bekommen. Und es geht um viel Geld: Millionen Dollar habe ihr Mann ihr hinterlassen, verrät sie Simon.

Simon Latch wittert Millionen-Chance im Testament

Der wittert nach Jahren der Tristesse eine goldene Zukunft. Ist das Testament geschickt formuliert, hat der Schmalspurjurist die Chance, ordentlich abzukassieren, und so charakterstark ist Simon erwiesenermaßen nicht, dieser Versuchung widerstehen zu können.

Doch dann stirbt Eleanor Barnett und der zuständige Kleinstadtpolizist hat bald einen Hauptverdächtigen gefunden: Simon Latch. Und ehe sich’s der Anwalt versieht, sieht er sich einer Anklage wegen Mordes ausgesetzt. Wird Simon seine Unschuld beweisen können?

In seinem neuesten Thriller „Das Vermächtnis“ kehrt John Grisham in die von ihm immer wieder gern gewählte kleinstädtische, amerikanische Provinz zurück. Es gelingt ihm, den Anwalt Simon Latch gerade so armselig-habgierig darzustellen, dass er den Leserinnen und Lesern noch sympathisch bleibt. Simon hat das Herz zweifellos am rechten Fleck, er möchte seiner Mandantin Eleanor Barnett durchaus ein ordentliches Testament verschaffen – dabei aber eben einen guten Schnitt machen für sich. Grisham schildert Simons Kampf um Gerechtigkeit und Wahrheit in seinem gewohnt (knochen-)trockenen und lakonischen Stil, der „Das Vermächtnis“ gelegentlich langatmig werden lässt. Gleichwohl liest man weiter in der (später erfüllten) Erwartung unerwarteter Wendungen.

Grisham prangert Missstände in der US-Justiz an

Der US-Bestseller-Autor, der seit Anfang der 1990 er Jahre verlässlich Verkaufsschlager abliefert, stellt im Zuge der 476 Seiten der US-Justiz einmal mehr ein ernüchterndes Zeugnis aus: Eine Polizei, die nur so viel ermittelt wie nötig, ein Rechtsschutz, den sich eigentlich nur Menschen mit sehr viel Geld leisten können, eine von Vorurteilen geleitete Jury sowie eine Staatsanwältin, die mehr auf ihrer Wiederwahl als auf ein gerechtes Urteil schielt.

Am Ende sorgt ein eher lustlos inszeniertes Finale, in dem ein brillantes Hackerpaar so manches Loch in der Handlung stopfen muss, dafür, dass der bis dahin lesenswerte Thriller die Leserinnen und Leser eher unbefriedigt zurücklässt. Das ist schade, weil John Grisham es eigentlich besser kann, wie zuletzt mit dem Pageturner „Der Verdächtige“ (2022) bewiesen. Andererseits: Es geht auch wesentlich schlechter, wie etwa mit der lang erwarteten Fortsetzung von „Die Firma“, die als „Die Entführung“ vor drei Jahren zum eintönigen Totalausfall geriet.

John Grisham: Das Vermächtnis. Roman. Heyne Verlag München. Gebunden mit Schutzumschlag, 476 Seiten, 24 Euro.

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Erstellt:
13. April 2026, 14:40 Uhr

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