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Karibik trifft Europa

Marialy Pacheco Trio & Joo Kraus bringen kubanische Rhythmen ins Backnanger Bürgerhaus – Fulminantes Finale der Jazzreihe

Es ist der letzte Abend der Jazzreihe im Backnanger Bürgerhaus in dieser Saison und der Laden brummt, wie inzwischen immer, wenn’s Jazz gibt: Marialy Pacheco und ihre Co-Musiker sowie Trompeter Joo Kraus überzeugen mit karibischen Klängen, selbst komponierten Stücken und Traditionals aus Kuba.

Viel selbst Komponiertes hat Marialy Pacheco mitgebracht, Joo Kraus liefert die passenden Trompetentöne dazu. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Viel selbst Komponiertes hat Marialy Pacheco mitgebracht, Joo Kraus liefert die passenden Trompetentöne dazu. Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Die Grundstimmung im Saal ist fröhlich-aufgekratzt und genau dazu liefert das Marialy Pacheco Trio die passende Musik. Zu dritt betreten sie die Bühne – Joo Kraus und seine Trompete kommen erst später dazu. Ein kurzes Strahlen ins Publikum und ohne Schnick und Schnack geht’s los, energiegeladen, temporeich, ohne Anschleichen und Warmlaufen. Zack, wir sind da, die Party beginnt! Alle drei Musiker stammen aus Lateinamerika, Juan Camillo Villa, (Bass) und Rodrigo Villalón (Schlagzeug) aus Kolumbien, Marialy Pacheco aus Kuba, alle drei haben die Bühnen der halben Welt schon gesehen und zahlreiche Preise abgeräumt. Sie alle drei leben zurzeit überwiegend in Deutschland – man hört’s, man spürt’s: Im dritten Takt fängt das Publikum an zu wippen und zu zucken, auch coole Jazz-Fans können ein seliges Grinsen bald nicht mehr unterdrücken. Die Karibik trifft Europa, Welt trifft Backnang, Vollblutmusiker treffen Publikum, genau in die Magengrube, genau ins Herz, genau hier, genau jetzt.

„Zu sexy“ war diese Art von Musik für das Kuba des 19. Jahrhunderts

Sie spielen überwiegend von Pacheco selbst Komponiertes, aber auch kubanische Traditionals, von ihr arrangiert. Wie sie sich verständigen… – nun ja, man weiß es nicht, aber sie tun es und manchmal überraschen sie sich selbst und gegenseitig. Wenn Bass und Percussion zu ihren Soli ansetzen, lehnt sich Pacheco entzückt zurück, spielt, als wär es nichts, die immer gleiche Sequenz in uhrwerkhafter Präzision auf dem Flügel als verlässliche Hintergrundfolie, vor der die anderen brillieren können. Villa am Bass spielt stoisch, wie es sich für einen Bassisten gehört und manchmal scheinbar in tiefes Nachdenken versunken, Villalón mit unbewegter Miene, während Hände und Füße all die Schlagwerke bearbeiten – und wie sie die bearbeiten! – man weiß nicht, wie das gehen kann, man legt sich rein, vergisst zu denken.

„Aaaaih“ kommt ein kehliger Ruf vom Piano, Zwischenapplaus (auch das Publikum muss sich Luft machen) und dann übernimmt wieder die Pianistin das Ruder, hochkonzentriert, die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen pausenlos in Bewegung als spräche sie einen rasenden, unhörbaren Text mit, während ihre Hände über die Tasten zu fliegen scheinen, manchmal wie überrascht von der eigenen Musik und dann wieder strahlend, wenn sich das alles auflöst, auf den Punkt kommt und gut wird.

Es ist kein Zufall, dass im 19. Jahrhundert diese Art Musik in katholischen Kuba verboten war. „Zu sexy“, merkt Pacheco an und dann lacht sie ihr glockenhelles Lachen. Eindeutig: Sie hat Spaß.

In der je 2. Hälfte des Programms vor und nach der Pause kommt Joo Kraus mit seiner Trompete dazu. Rein optisch hat der Ulmer Jazztrompeter nun gar nichts karibisches an sich, er erinnert eher an den jungen Heinz Rühmann. Aber er hat’s definitiv drauf: Weich, fast unhörbar seine Einstiege, wie beiläufig rasende Läufe, die gar nicht enden wollen, seine Trompete kann flirren wie die Hitze über einer staubigen Tankstelle in der Einsamkeit, streicheln wie warmer Nieselregen im Frühling, dramatisch krachen wie ein Sommergewitter, sirren wie ein Schwarm von 18 Millionen Moskitos und singen, ja, singen kann sie auch, wie ein kleines Mädchen, das am Straßenrand Hopsen spielt.

Zwischendurch lässt Kraus Trompete Trompete sein, greift zum Mikro und dann, ja, was macht er da? Er singt nicht, summt nicht, es ist wie ein schnelles Hecheln, ein klingendes Kurzatmen – was immer es ist, es ist Musik, Karibik hin, Ulm her, Jazz vom Feinsten und ein wahrhaft würdiger Abschluss der Jazzreihe im Bürgerhaus. Glückselig schwankt man nach Hause, Pulsschlag und Schritt kubanisch beschwingt und das einzige Problem, das bleibt, ist, dass man jetzt warten muss bis zum Saisonbeginn nach den Sommerferien, wenn es wieder heißt: Jazz im Backnanger Bürgerhaus.

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Erstellt:
13. Mai 2019, 06:00 Uhr

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