„Bauchgefühl“ bei ZDF Neo

Karussell im Kopf

In der neunzigminütigen Serie „Bauchgefühl“ mit Laura Berlin will eine junge Lehrerin ihre ungewollte Schwangerschaft abbrechen. Das gestaltet sich alles andere als einfach.

Eine bedeutsame Entscheidung und kaum Zeit:  Lisa Berlin vermittelt Lenas emotionales Auf und Ab jederzeit glaubwürdig.

© ZDF/Lisa Eidenhammer

Eine bedeutsame Entscheidung und kaum Zeit: Lisa Berlin vermittelt Lenas emotionales Auf und Ab jederzeit glaubwürdig.

Von Tilmann Gangloff

Eins der berühmtesten Titelbilder der deutschen Magazingeschichte ist optisch vergleichsweise unspektakulär. Das „stern“-Cover der Ausgabe vom 6. Juni 1971 zeigt 28 Porträtfotos. Einige sind gar nicht zu erkennen, weil die Aufnahmen von einer Schlagzeile verdeckt werden: „Wir haben abgetrieben!“ 374 zum Teil sehr prominente Frauen haben sich an der von Alice Schwarzer initiierten Aktion beteiligt, darunter Senta Berger und Romy Schneider. Schwangerschaftsabbruch war zu jener Zeit ein Tabuthema und laut Paragraf 218 des Strafgesetzbuches verboten; die Höchststrafe betrug fünf Jahre.

In den fünfzig Jahren seit der aufsehenerregenden Aktion, die eine breite gesellschaftliche Diskussion auslöste, hat sich viel verändert. Eins jedoch nicht: Abtreibung ist nach wie vor illegal; sie wird bis zur zwölften Woche bloß nicht mehr bestraft.

Geifernder Mob vor der Beratungsstelle

Auf dem Papier sind Gesetze geschlechtsneutral, aber die Gesetzgeber waren selbstredend stets überwiegend Männer, was im Grunde absurd ist, wenn ein Thema in erster Linie Frauen betrifft. Natürlich hatte die Rechtsprechung den Schutz des ungeborenen Lebens im Sinn, aber offenbar haben die Männer den betroffenen Frauen unterstellt, sie würden die Abbrüche leichtfertig vornehmen. Wie die Wirklichkeit aussieht, zeigt die Serie „Bauchgefühl“: Lehrerin Lena (Laura Berlin) ist um die dreißig, verheiratet und Mutter einer Tochter. Die Familie sitzt quasi auf gepackten Koffern, weil sie demnächst für zwei Jahre nach Bangkok zieht, wo Lena eine Stelle an einer deutschen Schule übernommen hat.

Mit großer Empathie beschreiben Regisseurin Esther Rauch und ihre Co-Autorin Anneke Jansen, welchen Spießrutenlauf die ungewollt schwangere Frau nun absolvieren muss. Das beginnt schon mit dem Anruf bei der Frauenärztin, als sie um einen möglichst raschen Termin bittet: „Das hätten sie sich vielleicht vorher überlegen sollen.“ Anderswo kriegt sie den kurzfristigen Termin zwar, doch entgegen der Information auf der Website nimmt diese Praxis keine Abbrüche mehr vor, weil das Personal regelmäßig beschimpft und beleidigt worden ist. Wie sich das anhört, erfährt Lena, als sie beim Besuch einer Beratungsstelle von einem geifernden Mob empfangen wird, der „Mörder, Mörder!“ skandiert. Drinnen geht es zunächst in diesem Sinne weiter: „Gerade Sie als Lehrerin sollten doch eine ganz besondere Beziehung zu Kindern haben!“ Verständnis für Lenas Lage zeigt von den Außenstehenden zunächst nur ein Apotheker, der sofort weiß, was sie umtreibt, als sie um einen Test bittet, der auch die Schwangerschaftswoche anzeigt: „Für keine so tiefgreifende Entscheidung im Leben hat man so wenig Zeit wie für diese.“

Kaum Angriffsfläche für Konservative

Aus dem Rahmen des sehr zurückhaltend inszenierten Gesamtbilds fällt allein Ludwig Trepte als Ehemann, der sich mehrfach und zum Teil sehr unvermittelt in rotgesichtige Rage redet und Lena anbrüllt. Immerhin ist seine emotionale Reaktion nachvollziehbar, denn sie hat ihn nicht miteinbezogen, obwohl es doch auch sein Kind ist: „Mein Körper, meine Entscheidung.“ Bedingungslos auf Lenas Seite ist von Anfang an allein ihre Schwester. Tina (Luise von Finckh) studiert Medizin und beklagt, dass Schwangerschaftsabbrüche selbst bei der Spezialisierung auf Gynäkologie meist kein Thema seien. Das nötige Wissen erhält sie in einem Seminar jener Ärztin, von der sich später auch Lena beraten lassen wird. Spätestens jetzt, als Dr. Roithner (Antje Lewald) an einer Papaya eine Saugkürettage, ein Verfahren zur Ausschabung, vornehmen lässt, werden konservative Kreise ähnlich in Wallung geraten wie Felix. Trotzdem bietet „Bauchgefühl“ diesen Leuten kaum Angriffsfläche; abgesehen von der Tatsache, dass die Autorinnen das Thema sachlich und nüchtern von allen Seiten betrachten. Das schließt auch die spirituelle Ebene mit ein, als Lena einen befreundeten Theologen fragt, ab welchem Moment seiner Ansicht nach das Leben beginne.

Anders als Trepte spielt Laura Berlin, deren erster Auftritt gleich die Hauptrolle im ARD-Märchen „Schneewittchen“ (2009) war, viele Momente gar nicht aus; sie beschränkt sich darauf, auf sehr fragile Weise präsent zu sein. So etwas wird gern als „Projektionsfläche“ beschrieben, ist aber tatsächlich weit mehr als das, denn das „Karussell im Kopf“, wie Lena ihr emotionales Auf und Ab mal beschreibt, vermittelt sie jederzeit glaubwürdig.

Der Ausstrahlungstermin ist kein Zufall: Derzeit prüft eine Expertenkommission, ob Abtreibungen außerhalb des Strafrechts geregelt werden können.

Bauchgefühl. ZDF Neo zeigt diesen Sonntag, 7. April, ab 20.15 Uhr alle Folgen, sie stehen zudem bereits in der ZDF-Mediathek.

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Erstellt:
5. April 2024, 11:58 Uhr

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