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Katastrophen, Klimawandel, Korruption

Die Epoche zwischen der Reformation in Württemberg und dem Dreißigjährigen Krieg war nur scheinbar arm an Ereignissen. In Wahrheit steckt sie voller Aufreger und Veränderungen. Das zeigt der Murrhardter Historiker Gerhard Fritz in seinem neuen Buch.

Gerhard Fritz mit dem neuen Buch am alten Gemäuer des Murrhardter Hexenturms. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Gerhard Fritz mit dem neuen Buch am alten Gemäuer des Murrhardter Hexenturms. Foto: J. Fiedler

Von Armin Fechter

MURRHARDT. Fünf Jahre lang hat Fritz für seine neueste Publikation geforscht, Quellen studiert, Informationen zusammengetragen und am Ende die gewonnenen Erkenntnisse schriftlich fixiert. Mit seinem Werk knüpft der Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd an frühere Veröffentlichungen zur Murrhardter Stadt- und Klostergeschichte an, die freilich schon Jahrzehnte zurückliegen.

Was ihn getrieben hat, sich jetzt erneut der Lokalgeschichte zuzuwenden, erklärt der ehemalige Gymnasiallehrer in der Einleitung zu dem Buch. Über eher pragmatische Gründe hinaus, was etwa die Verfügbarkeit des Materials angeht, bot sich ihm hier die Chance, mit einer „mikrohistorischen“ Untersuchung weit über den lokalen Rahmen hinausgehende Fragen aufzuwerfen. So ging es ihm darum, die recht stiefmütterlich behandelte Epoche zwischen der Einführung der Reformation in Württemberg und dem Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, die der Geschichtsschreibung wenig Stoff zu bieten scheint, einmal näher zu beleuchten. Er wollte Wirtschaftsweise, Vermögensverhältnisse, Mentalitäten und Lebenswelten darstellen – mit Einblicken in die Funktionsweise von Verwaltungen ebenso wie in die Situation der vielen Namenlosen in der sozialen Skala.

Der Weinbau am Hofberg muss aufgegeben werden.

Der „mikroskopische Blick“, wie er dazu sagt, „enthüllt auf einmal Dinge, die bei einer makrohistorischen Herangehensweise unter den Tisch fallen.“ Und dann werden Katastrophen und Veränderungen sichtbar, die den Menschen das Leben schwer machten: Hungersnöte und Seuchen, aber auch Korruption und Wohnungsnot bis hin zu einem Klimawandel, der etwa um 1590 dazu zwang, den Weinbau, wie er am Murrhardter Hofberg betrieben wurde, aufzugeben und andere Nutzungen für landwirtschaftliche Flächen zu finden. Was diesen Temperatureinbruch auslöste, ist unklar, im Gegensatz beispielsweise zum Jahr ohne Sommer von 1816, das auf den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 zurückging. Ob vielleicht ein Zusammenhang mit den Zyklen der Sonnenflecken besteht, muss der Historiker offen lassen. Klimageschichte sei ein Spezialgebiet, erklärt er, in dem es keinen kompakten Quellenbestand gibt, den der Forscher ausschlachten könnte. Vielmehr müssten erst viele einzelne kleine Hinweise, die vielleicht irgendwo am Rande auftauchen, mühsam zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.

Eine besondere Rolle spielten in dieser frühneuzeitlichen Epoche die Geistlichen. Nach der Reformation traten die Protestanten an, dass sie alles besser machen würden als die Katholiken davor. In Murrhardt entwickelte sich so eine Art Doppelherrschaft aus dem Vogt, der vor Ort den Herzog vertrat, und dem Abt des Klosters, der als höchste Instanz am Ort angesehen wurde und auch dem württembergischen Landtag angehörte. Doch der neu eingesetzte Otto Leonhard Hofseß war seinem Amt, wie Gerhard Fritz urteilt, „nie gewachsen“. Das hing nicht zuletzt damit zusammen, dass sein Vater Jakob, eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit, zur gleichen Zeit als Vogt amtete. Als herzoglicher Statthalter musste dieser jedes Jahr Rechnung legen wie seine Kollegen in den anderen Landesteilen auch, und in Stuttgart wurde dies dann kontrolliert. Eines Tages fiel den Oberen auf, dass in den Zusammenstellungen etwas nicht stimmte. Es zeigte sich, wie Fritz zusammenfasst, „ein ungeheures Maß an Korruption“. 7000 Gulden hatte Hofseß unterschlagen, indem er beispielsweise Handwerker auf herzogliche Rechnung in seinem Privathaus arbeiten ließ. 1674/75 folgte das bittere Ende: Jakob Hofseß wurde seines Amtes enthoben, angeklagt und hingerichtet.

Über seinen Sohn, den ersten protestantischen Abt Murrhardts, deckte man aber den Mantel des Schweigens: Er ist nicht auf der Liste der evangelischen Äbte zu finden, die im 18. Jahrhundert angefertigt wurde und noch heute in der zur Stadtkirche gewordenen Klosterkirche hängt. Dort ist sein Nachfolger Zacharias Etzel der erste evangelische Abt in Murrhardt. Etzel wiederum soll „ein ganz schrulliger Typ“ gewesen sein, erzählt Fritz: Er erkannte sogleich die württembergischen Rechte über Murrhardt an, konnte aber wegen schwerer Krankheit, worüber er dramatisch Klage führte, oftmals seine gottesdienstlichen Pflichten nicht erfüllen. Zugleich zermürbte er sich in ständigen Streitereien mit den Vögten.

Die finanziellen Folgen der Hofseß’schen Misswirtschaft waren aber noch Jahrzehnte zu spüren, merkt Fritz zu den Folgen an. Zudem durften fortan Vogt und Abt nicht mehr verwandt sein. Dennoch war der Korruption auch weiterhin Tür und Tor geöffnet, dies scheine quasi institutionell verankert gewesen zu sein. Auch dass die ärmeren Leute bei Grundstücksgeschäften übers Ohr gehaut wurden, war wohl keine Seltenheit. Der Vogt, der öfter wechselte, musste sich aber vor allem mit der örtlichen Führungsschicht gut stellen, beschreibt Fritz das Funktionieren der Herrschaft. Man gab sich gegenseitig Deckung, man machte gemeinsame Sache – und dann konnte auch nicht viel passieren. Und wenn ein Abt von solchen krummen Dingern erfuhr und sich an den Herzog wandte, wie dies Etzel im Fall des Vogtes Coccius tat, dann bekam er zuerst einmal selbst eine auf den Deckel: Er hatte damit nämlich den Dienstweg nicht eingehalten, statt an den Landesherrn direkt hätte er an die herzöglichen Räte schreiben müssen – die fühlten sich nun aber von dem Abt übergangen.

Bei alledem tauchen Frauen so gut wie gar nicht auf. Erst ein Blick in die Rechnungsbände aus diesen Zeiten zeigt, dass Frauen durchaus auch im Arbeitseinsatz waren. So mussten die meisten Murrhardter dem Kloster – ein wichtiger Arbeitgeber in der Stadt – Frondienste leisten. Dabei legten dann auch Frauen mit Hand an. Nicht nur das: Frauen verrichteten auch bezahlte Arbeiten. Dabei handelte es sich allerdings häufig um schlecht bezahlte Tätigkeiten, wenn etwa der Besuch des Herzogs anstand und die Stadt herausgeputzt werden sollte.

Eine einmalige Begebenheit ist für die Jahre 1596/97 überliefert: Ein türkisches Mädchen namens Rubina wurde in Murrhardt auf den Namen Maria getauft. Das Kind war bei der Eroberung der Stadt Huniany – in der Nähe von Klausenburg in Siebenbürgen – in die Hände der Christen gefallen. Über Herzog Friedrich von Württemberg kam es letztendlich nach Murrhardt, wo das auf acht Jahre geschätzte Mädchen, das nur wenig Deutsch sprechen konnte, vom Diaconus als Vertreter des kranken Abtes im Beisein des Vogtes getauft wurde. Danach wurde es an den Herzog zurückgegeben – ein Akt, der insgesamt „eine seltsame Mischung von Brutalität und Fürsorge“ offenbarte, wie Fritz notiert.

Dass es in Murrhardt wiederholt zu Konflikten zwischen Untertanen und Obrigkeit kam, dass eine Hungersnot die Menschen verzweifeln ließ und was in der vermeintlich ereignisarmen Epoche sonst noch bewegte: Das schildert Gerhard Fritz anschaulich und detailliert.

Offizielle Präsentation

Das Buch „Murrhardter Sozialgeschichte von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges (ca. 1550 bis 1620)“ ist als Band 10 der Reihe Historegio im Verlag Manfred Hennecke, Remshalden, erschienen. Es hat 298 Seiten, enthält mehrere Karten und kostet 16,80 Euro. ISBN 978-3-948138-01-1.

Am Freitag, 10. Juli, um 19 Uhr wird das Buch im Heinrich-von-Zügel-Saal in Murrhardt der Öffentlichkeit übergeben. Es laden dazu ein der Autor Gerhard Fritz und Bürgermeister Armin Mößner. Die Herausgabe wurde von der Stadt Murrhardt finanziell unterstützt.

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Erstellt:
6. Juli 2020, 11:30 Uhr

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