Neuer Roman von Lola Randl
Keine Klöße für den Liebhaber
Lola Randl schriebt in ihrem neuen Buch „Der lebende Beweis“ über die vergebliche Suche nach Glück in der Provinz.
© Villa Massimo
Die Schriftstellerin und Filmemacherin Lola Randl hat selbst Reißaus genommen – sie lebt jetzt in dieser alten Autowerkstatt am Rande Roms.
Von Eva-Maria Manz
Es stellt sich natürlich die Frage, ob ein Liebhaber, dem man sonntags Klöße serviert, überhaupt noch einer ist. Das dämmert der Erzählerin, während sie denkt: „Ich gehe jetzt nach unten und mache einen Sonntagsbraten. Den Rest des Tages werde ich einfach nur eine gute Mutter, Tochter und Partnerin sein, Klöße kochen und den Liebhaber gleich noch mit einladen.“ Diese skurrile Familienkonstellation hat gut funktioniert, in den autofiktionalen Erzählungen von Lola Randl, wo der Mann, die Kinder, die Mutter und der Liebhaber präsentiert wurden als Vertreter gegenwärtiger Formen des Zusammenlebens. In Randls neuem Roman „Der lebende Beweis“ nun werden sie greller ausgeleuchtet: „Natürlich lade ich den Liebhaber nicht ein. Am Anfang habe ich das ein paarmal versucht, aber es gibt dafür keine Form: Familie mit Liebhaber.“
Wechseljahre als Auslöser einer tiefen Krise
Die Erzählerin, wie immer ein Alter Ego Lola Randls, ist ernüchtert. Nicht vorrangig von der Liebhaberkonstruktion, vielmehr bezüglich der Utopien rund um das Landleben in der Uckermark. Mit dem Buch über den „Großen Garten“ in Gerswalde ist Lola Randl, 46, vor einigen Jahren bekannt geworden. Über den Ort, an dem Edamame und Sushi serviert, Theater gespielt und alte Tomatensorten angebaut werden, hat sie Filme gedreht und Bücher geschrieben – ihr Debüt war 2019 für den Buchpreis nominiert. Das alles hat mittlerweile einen kleinen Tourismusboom in der Uckermark ausgelöst.
Ähnlich wie in Miranda Julys Erfolgsroman „Auf allen Vieren“ dient Randl in ihrem neuen Text nun die Lebensphase der beginnenden Wechseljahre als Auslöser einer tiefen Krise und Reflexion über ihr Leben. Es geht auch bei Randl um eine Künstlerin in der Mutterrolle, die sich fragt, wie beides überhaupt zusammengehen kann. Zur Betrachtung tritt die Erzählerin einen Schritt aus sich selbst heraus, sie kann gar nicht anders, es geschieht unwillkürlich, sie fühlt sich nämlich zunehmend als Schauspielerin.
Folglich begibt sie sich auf die Suche, fragt: Wo hat alles angefangen, mit dem Ort in der Uckermark? Sie geht zurück in der Geschichte, kartografiert das Dorf und sich selbst, analysiert Material, das von vielen Jahrhunderten im Bauernhaus aufbewahrt wurde, und sie besucht ein Stadtarchiv – wobei: Tut sie das wirklich? Manche Schilderungen wirken wie Traumsequenzen. Das Personaltableau im Roman ist eher funktional. Was äußerlich scheint, ist innerlich: Figuren, ein Anarchistenpärchen oder der Einsiedler, sind als Persönlichkeitsanteile der Erzählerin selbst zu verstehen. „Ich bin du“, sagt der Einsiedler im Traum zu ihr.
Bewegen wir uns im Inneren der Erzählerin?
Gleich zu Beginn findet die Erzählerin etwas auf der Straße, das aussieht wie ein Gehirn. Sie nimmt es mit. Ist es etwa symbolisch zu verstehen als das Hirn des Dorfes – oder spiegelt es das Innerste der Erzählerin? Ist sie selbst gar nur eine kleine Zelle im Gehirn des Dorfes? Oder bewegen wir uns im Inneren der Erzählerin?
Wir begegnen im weiteren Verlauf einigen Ichs und Über-Ichs, die von einem Es (natürlich in Gestalt der Autorin selbst) bisweilen sabotiert werden. Etwa als die Erzählerin, pubertär verspielt, im Archiv neben einem beamtenhaften Mitarbeiterduo heimlich eine sehr komische, pseudohistorische Pornosequenz auf ein DIN-A4-Blatt schreibt und sie unauffällig in einen der Archivordner zum Dreißigjährigen Krieg sortiert.
Ihren Gegenpol findet diese Spielerin in der Figur der vernünftigen Mutter, die sie nun einmal auch darstellen muss, sie tut es mit mäßigem Erfolg. Meist entgleitet ihr das Rollenspiel, etwa, als sie auf das Dach ihres alten Hofes klettert und oben feststellt, dass sie nackt ist. Die Künstlerin als Mutter ist auch ein Topos bei Miranda July, sie fühle sich gespalten, schreibt sie, sei eher „eine pulsierende amorphe Lichtkugel, die sich in eine mütterliche und ehefrauliche menschliche Form einzupassen“ versuche.
Auf ihrer Suche nach sich selbst wird die Mutter zum Fremdkörper in der Gruppe, im Gebilde Familie und im Dorf bei Lola Randl, denn eine Frau, die jenseits ihrer Funktion als Mutter eine Persönlichkeit hat mit dem individuellen Wunsch, sich auszudrücken, gilt schnell als fehlgesteuert und neurotisch.
Eine Fliege hat auch die Fähigkeit, sich auf dem Rücken im Kreis zu drehen
Dieses Hin und Her zwischen dem Wunsch nach Aufgehobensein in der Gemeinschaft und dem Streben nach Individualität ist ein typischer Konflikt von Randls Generation. Und dieser Konflikt ist es, der bei der Erzählerin zu einer Implosion des mühsam zusammengesetzten Gebildes führt, wonach gar nichts mehr Sinn ergibt. Die Frage ist nur: Hat es das je? Oder ist der Mensch einfach nur vergeblich darum bemüht, unzusammenhängende Beweisstücke zu sammeln und sie zusammenzufügen, um daraus eine Geschichte oder eine eigene Identität zu konstruieren?
Auf einer alten Postkarte entdeckt die Erzählerin den Hinweis „Roter Faden“ – ein Zwischenruf aus dem Off, bezogen sowohl auf ihre zerbröselnde Identität wie auch auf die Erzählung selbst, die ohne jenen roten Faden in bedeutungslose Beobachtungsfragmente zerfällt. Die Erzählerin verweist auf eine kleine Fliege, die zwar Flügel hat – aber auch „die Fähigkeit, sich auf dem Rücken im Kreis zu drehen“.
Verstanden werden soll all das wohl eher in einem poetologischen und biologischen als politischen Sinne: In der Ursuppe interagierender Zellhäufchen vereinen und trennen sich fortlaufend einzelne Moleküle, der Übergang zwischen Individuum und Gruppe ist fließend. Wo beginnt die individuelle Geschichte, und wo hört sie auf? Kann es immer wieder Neuanfänge geben – und wenn ja, wie findet man sie? Kann man diese Prozesse überhaupt anstoßen? Als ein Funke, den man auslöst, ein Urknall, aus dem wieder Neues entstehen kann.
„Unfassbar müde“ mache es sie, sagt die Erzählerin, sich vorzustellen, „mit jemand Neuem etwas anzufangen, zu viel zu trinken, über alles zu lachen, was der andere witzig meinen könnte, euphorisch zu erzählen, Projekte zu erfinden“. Lola Randls sezierender Blick fängt die Gegenwart oft treffsicher ein, was die Frage danach aufwirft, wo die Reise von diesem Standpunkt aus überhaupt noch hingehen kann.
Verändert sich der Zeitgeist wieder – weg von alternativen Modellen?
Obwohl man Erzählerin und Autorin natürlich streng getrennt halten muss, ist in den vergangenen Monaten verdächtigerweise bekannt geworden, dass Lola Randl den „Großen Garten“ tatsächlich verlassen hat, um etwas Neues zu beginnen. Sie hat im Speckgürtel von Rom eine alte Autowerkstatt gekauft. Hier will sie wieder einen „Lebens- und Begegnungsort“ schaffen und einen „planetarischen Garten“, was auch immer das sein soll. Es bleibt offen, inwiefern der Mentalitätswandel der Autorin, Schrägstrich Erzählerin, Symptom individueller Wechseljahrsmüdigkeit ist oder doch ein Zeichen für den sich erneut drehenden Zeitgeist – wieder weg von alternativen Lebensmodellen mit Liebhabern, Freier Schule, dem Aussteigerdasein auf dem Land.
„Der lebende Beweis“ ist der poetologisch komplexeste Text Lola Randls, aber man kann ihn auch als einen „Roman voller Humor und Tiefgang über das Älterwerden“ lesen, wie es der Verlag vorschlägt, und man liegt damit sicher nicht falsch. Das als Autorin zu erreichen, also beides, ist die Kunst.
Lola Randl: Der lebende Beweis. Matthes & Seitz,188 Seiten, 22 Euro.
