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Kellnerin steht als Aktmodell bereit

Gefälschte Hitler-Tagebücher in Backnang: Württembergische Landesbühne führt das Stück „Schtonk!“ im Bürgerhaus auf

Die gefälschten Hitler-Tagebücher führten im Jahr 1983 zu einem Riesenskandal. Ein echter Erfolg war die Verfilmung des Stoffs von Helmut Dietl. Für das Theater hat die Württembergische Landesbühne Esslingen die Geschichte adaptiert und präsentierte das Stück „Schtonk!“ im Backnanger Bürgerhaus.

Leidenschaftliche Sexszenen spielen sich versteckt hinter dem alten Sofa in der Fälscherwerkstatt mit reichlich dramatischer Musik ab. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Leidenschaftliche Sexszenen spielen sich versteckt hinter dem alten Sofa in der Fälscherwerkstatt mit reichlich dramatischer Musik ab. Foto: A. Becher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Es war die größte Blamage für das Magazin Stern, als 1983 die vermeintlichen Hitler-Tagebücher als echt angenommen, für viel Geld angekauft und der Öffentlichkeit präsentiert wurden und sich schon kurz darauf als Fälschung erwiesen. Ein echter Knüller war die Verfilmung in der Erfolgskomödie „Schtonk“, die 1993 für den Oscar nominiert wurde. Die Bühnenfassung von Marcus Grube ist die Uraufführung auf der Theaterbühne.

Das Bühnenbild ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt, in denen sich die Szenarien abspielen. Ein heruntergekommenes Maler-Atelier bildet den einen Bühnenrand. Der Fälscher „Prof. Dr.“ Fritz Knobel (herrlich schlitzohrig gespielt von Martin Theuer) hat die Kellnerin Martha (Nina Mohr) überredet, für ein Gemälde Modell zu stehen, das er als eigens von Hitler gemalten Akt von Eva Braun verkaufen will. In der Mitte der Bühne spielen sich verschiedene Handlungsorte ab. Etwa die Übergabe des Bildes an den Käufer Karl Lentz (Antonio Lallo), wobei Knobel von der Geschichte erfährt, dass kurz vor Kriegsende ein Flugzeug abgeschossen wurde, das geheime Dokumente Hitlers an Bord gehabt haben soll. Knobels Plan reift, mit frei erfundenen Tagebüchern an dem Alt-Nazi Lentz noch mehr Geld zu verdienen...

Verschiedene Handlungsorte werden auf zwei Ebenen deutlich

Brillant dargestellt von Oliver Moumouris ist der erfolglose Journalist Hermann Willié, obwohl es nicht leicht ist, in die Fußstapfen von Schauspielgrößen wie Götz George und Uwe Ochsenknecht nach der Verfilmung zu treten. Der Reporter hat sich mit dem Kauf der ehemaligen Göring-Jacht finanziell übernommen und wittert mit den Hitler-Tagebüchern die Story seines Lebens. In der Theaterinszenierung ist über Treppen der obere Bereich des Bühnenaufbaus zu erreichen, der zu den Planken der „Carin II“ wird oder zur Zeitungsredaktion des fiktiven Blatts „HHpress“.

Schnelle Szenenschnitte wie in einem Film sind natürlich auf der Bühne nicht möglich. Doch die verschiedenen Handlungsorte werden bei der Inszenierung auf zwei Ebenen deutlich. Oft spielt das Geschehen parallel in den verschiedenen Szenarien. Ein Gartenlokal bildet den anderen Bühnenrand, in dem Verschwörungsgespräche stattfinden und Knobel heftig mit der koketten Kellnerin flirtet, mit der er seine Frau Biggi (Sofie Alice Miller) betrügt. Die ins Komische gezogenen, leidenschaftlichen Sexszenen spielen sich dann versteckt hinter dem alten Sofa in der Fälscherwerkstatt mit reichlich dramatischer Musik ab.

Richard Wagner wird eingespielt und wie im Film Musik von Konstantin Wecker. Der alte Gassenhauer „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, und dann werden tausend Märchen wahr“ ist bezeichnend für das Netz aus Lügen in der Geschichte. Obwohl berechtigte Zweifel an der Echtheit der Tagebücher bestehen könnten, treibt die Gier nach der Sensation und Profit alle Beteiligten an. Knobel, der gestresst von der Produktion der Tagebücher ist, lässt seine eigenen Befindlichkeiten in den Text einfließen. So wird für die Redakteure die Beschreibung von Blähungen und Mundgeruch zu anscheinend sensationellen, persönlichen Einblicken in das Privatleben des Führers. Auf den Titel „Schtonk“ wird angespielt, der dem Film „Der große Diktator“ von Charlie Chaplin entnommen ist. Darin verwendet Chaplin als Diktator in seinen Reden eine deutschklingende Pseudosprache und benutzt mehrmals das Wort Schtonk.

In der Inszenierung wird aus der Entzifferung der Handschrift beim Vorlesen „Kotze-Schtonk“, was sich dann aber als „Gott sei Dank“ entpuppt. Witzig und satirisch kommt die Geschichte daher, die doch eigentlich einen ernsten Hintergrund hat. Aktuell ist das Thema in Zeiten von Fake News allemal.

Wie die Geschichte ausgegangen ist, ist hinlänglich bekannt. Nach Materialprüfungen werden die Tagebücher als Fälschungen entlarvt. In der Inszenierung der Württembergischen Landesbühne begibt sich der unbelehrbare Journalist Hermann Willié am Ende in die Welt auf die Suche nach Hitler, von dem er glaubt, dass er noch lebe.

Im Bürgerhaus steigt der Schauspieler von der Bühne und befragt die Zuschauer in verschiedenen Sprachen, ob sie den Mann mit dem typischen Bärtchen gesehen hätten, bevor er durch eine Tür verschwindet und kräftiger Applaus folgt.

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Erstellt:
24. Mai 2019, 11:30 Uhr

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