Neu im Kino
Kinderstimme in der Schaltzentrale des Roten Halbmonds
„Die Stimme von Hind Rajab“ zeigt die Ohnmacht der Menschen in Gaza, die helfen wollen, aber keine Handlungsspielräume haben. Im Zentrum: der Unfall eines fünfjährigen Mädchens.
© epd
Szene aus „Die Stimme von Hind Rajab“. Die fünfjährige Hind Rajab steckt im Wrack eines Autos fest, das von der israelischen Armee zerstört wurde. Ihre einzige Verbindung mit der Welt ist das Mobiltelefon, mit dem sie um Hilfe fleht.
Von Martin Schwickert
Tränen, 24-minütige Standing Ovations und die Auszeichnung mit dem Silbernen Löwen – beim letztjährigen Filmfestival in Venedig bewegte „Die Stimme von Hind Rajab“ der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania die Gemüter wie kaum ein anderer Film zuvor. Das dokumentarisch inspirierte Drama begibt sich mitten hinein in einen der wichtigsten Brennpunkte unserer konfliktreichen Gegenwart, den Krieg im Gaza, und ergreift basierend auf realen Geschehnissen Partei für die verletzlichsten unter den Opfern: die Kinder.
Die zerbrechliche, flehende Stimme des Kindes bildet den Kern des Films
Am 29. Januar 2024 gerät in Gaza-Stadt ein Auto auf der Flucht vor der heranrückenden israelischen Armee unter Beschuss. Nur die fünfjährige Hind Rajab überlebt im Wagen umgeben von ihren erschossenen Verwandten. Ein herzzerreißendes Horrorszenario, das Regisseurin und Drehbuchautoren Hania bewusst nicht ins Bild fasst. Ihr Film ist nahezu vollständig in der Notrufzentrale des palästinensischen Roten Halbmondes in Ramallah angesiedelt, wo die Notrufe aus dem 83 Kilometer entfernten Gaza eingehen. Die ausgebildeten Freiwilligen, die hier arbeiten, sind tagtäglich mit der Gewalt des Krieges konfrontiert und versuchen die Notarzteinsätze vor Ort zu koordinieren.
Über einen Onkel aus Deutschland kommen sie in Kontakt mit dem Mädchen, das sich im Auto versteckt hält, während um sie herum die Geräusche von Panzern und Gewehrfeuer zu hören sind. Diese Audioaufnahmen sind die Originalmitschnitte aus der Notrufzentrale, die damals auch über die sozialen Medien den Weg in viele Nachrichtensendungen gefunden haben. Die zarte, zerbrechliche Stimme des Mädchens, das in einfachen, erschütternden Worten seine Situation beschreibt und immer wieder um Hilfe fleht, bildet den emotionalen Kern des Films. Drumherum hat Hania eine inszenierte, an den realen Ereignissen orientierte Spielfilmhandlung entworfen, die zeigt, wie die Mitarbeitenden des Roten Halbmondes verzweifelt versuchen, das Mädchen zu retten. Der nächste Krankenwagen ist gerade einmal acht Minuten vom Ort des Geschehens entfernt, aber das Procedere für die Rettung mitten in den Kampfhandlungen ist kompliziert. Omar (Motaz Malhees), der den Anruf entgegengenommen hat und zusammen mit seiner Kollegin Rana (Saja Kilani) das Mädchen in der Leitung zu halten versucht, drängt auf einen sofortigen Einsatz der Rettungskräfte. Sein Vorgesetzter Mahdi (Amer Hlehel) hingegen besteht darauf, wie vorgeschrieben, zuerst eine sichere Route genehmigen zu lassen, um das Leben der Sanitäter nicht zu gefährden. An der Wand hängt ein Plakat mit zahlreichen Fotos von Kolleginnen und Kollegen, die im Einsatz in Gaza ihr Leben gelassen haben. Über das Rote Kreuz in Jerusalem und das Gesundheitsministerium geht der Kontakt zur israelischen Armee, die eine sichere Route ausarbeitet. Aber auch dann dürfen die Einsatzkräfte nicht gleich losfahren, sondern müssen erneut über den Dienstweg auf grünes Licht warten.
Über drei Stunden dauert es, in denen die Mitarbeitenden in der Notrufzentrale dem Mädchen gut zureden und ihm Hilfe versprechen. Als die Route schließlich freigegeben wird, sieht man auf der Google-Karte, wie sich der Rettungswagen langsam nähert und hört die Stimmen der Notärzte, bis der telefonische Kontakt mit einer lauten Explosion abbricht. Erst zwölf Tage später, als die israelische Armee sich aus dem Gebiet zurückgezogen hat, können die Rettungskräfte, wie es die Dokumentaraufnahmen zeigen, zum Ort des Geschehens vordringen und nur noch die sterblichen Überreste der Notärzte, des Mädchens und seiner Familie bergen.
Ohnmacht, die über den Gaza-Krieg hinausweist
„Die Stimme von Hind Rajab“ ist ein zutiefst erschütternder Film, gerade auch weil er die kriegerische Gewalt nie direkt ins Bild fasst. Und wie jedes Statement zum Krieg im Gaza lädt auch dieser Film zum polarisierenden Diskurs ein. Neben der emotionalen Betroffenheit wurde bald der Vorwurf der antiisraelischen Propaganda laut, die die Stimme des toten Mädchens manipulativ für eine politische Agenda nutze und die Geschehnisse ohne Kontextualisierung zeige. Aber welcher Kontext soll das sein, der den Tod eines fünfjährigen Mädchens relativiert? Natürlich kann man über die Verwendung der authentischen Kinderstimme in einem Spielfilmformat geteilter Meinung sein, aber Hania verzichtet umsichtig auf zusätzliche Emotionalisierungen etwa durch verstärkende Musik. Vielmehr richtet sie den Blick auf die verzweifelte Ohnmacht der Menschen, die helfen wollen, aber in der übermächtigen Logik des Krieges keine Handlungsspielräume mehr haben. Gerade in der Beschreibung dieser Ohnmacht verweist der Film über den Gaza-Krieg hinaus auf ein Lebensgefühl, das unsere Zeit beherrscht und wohl noch lange beherrschen wird. Natürlich könnte man einen ähnlichen Film über die Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 drehen, die den Gaza-Krieg ausgelöst haben. Und ein solcher Film hätte exakt die gleiche Existenzberechtigung wie „Die Stimme von Hind Rajab”, der den unschuldigsten Opfern des Krieges das notwendige Gehör verleiht.
Die Stimme von Hind Rajab: Tunesien/Frankreich 2025. Regie: Kaouther Ben Hania.Mit Motaz Malhees, Saja Kilani, ab 12 Jahren.
