Kirchberger Musikverein feiert 100. Geburtstag

Nicht nur Musik, auch Kameradschaft: Der Kirchberger Musikverein blickt nicht nur auf zahlreiche Herausforderungen zurück, sondern auch auf besondere Ereignisse und lustige Anekdoten. Ursprünglich zehn Gründungsmitgliedern gab es, mittlerweile sind 147 aktiv dabei.

Die Zahl der Mitglieder stieg. 1928, vier Jahre nach der Gründung, hatte man sich verdoppelt.

Die Zahl der Mitglieder stieg. 1928, vier Jahre nach der Gründung, hatte man sich verdoppelt.

Von Simone Schneider-Seebeck

Kirchberg an der Murr. Die Ursprünge des Kirchberger Musikvereins sind nicht dokumentiert. Sicher ist jedoch, dass musikbegeisterte Mitglieder des örtlichen Kriegervereins sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum gemeinsamen Spiel der Blasmusik getroffen haben. Doch die erste urkundliche Erwähnung war 1924. Zehn Musiker unter Leitung von Ernst Wahl als erstem Dirigenten gründeten ganz offiziell eine Musikkapelle, die jedoch in den ersten Jahrzehnten einige Schwierigkeiten zu meistern hatte. Beherrschend war etwa die Suche nach einem richtigen Probenraum. Zunächst stellte Mitglied Eugen Kunzi sein Heim zur Verfügung. Auch die Kirchberger Gaststuben hielten eine Zeit lang dafür her, bis sich in der örtlichen Hauptschule ein Raum fand, der sich aber auch nicht optimal eignete. Erst mit dem Vereinszimmer der 1969 gebauten Gemeindehalle fand die Raumsuche ein vorläufiges Ende. 1954 wurde die Musikkapelle in Musikverein Kirchberg an der Murr umbenannt. Paul Leuschel, früher als Militärmusiker tätig, übernahm die Leitung. Weitere vier Jahre später wurde die erste Jugendkapelle ins Leben gerufen, dirigiert von Ernst Wieland, Trompeter aus Backnang. Etwa 25 Jugendliche gehörten diesem Orchester an.

In den Anfangsjahren stieg die Mitgliederzahl stetig an

1964 war ein besonderes Jahr für den Musikverein. Man feierte nicht nur das 40-jährige Bestehen, der Verein nahm auch erfolgreich am Bezirksmusikfest in Backnang teil. Dazu erfolgte der Eintrag ins Vereinsregister. Nach 20 Jahren erfolgreicher Dirigententätigkeit übergab Paul Leuschel 1969 sein Amt an Hugo Wägerle aus Ludwigsburg-Ossweil. Damit wurde eine neue Ära, sogar eine Familientradition für die Blasmusiker eingeläutet. Die Mitgliederanzahl wuchs kontinuierlich. 1971 fand das erste Musikfest des Vereins statt. 1976 schließlich eine revolutionäre Neuentwicklung – mit Susanne Bollinger tritt die erste Frau dem Musikverein bei. Und seit dem ersten Bürgerfest 1977 gehört auch der Kirchberger Musikverein als feste Größe in der hiesigen Kelter dazu.

Jeden Dienstag finden die Proben statt. Dabei ist das gesellige Zusammensein danach ebenso wichtig wie die Musik. Fotos: Tobias Sellmaier/privat

© Tobias Sellmaier

Jeden Dienstag finden die Proben statt. Dabei ist das gesellige Zusammensein danach ebenso wichtig wie die Musik. Fotos: Tobias Sellmaier/privat

Groß wurde das 60-Jahr-Jubiläum 1984 gefeiert, mit eigener Schallplatte, einem Musikfest, einem Festumzug, an dem über 20 Gastkapellen teilnahmen, und gemeinsam mit dem Spielmannszug Alte Kameraden aus Ludwigsburg und der Kirchberger Feuerwehr gab es den großen Zapfenstreich vor dem Rathaus. Von ursprünglich zehn Gründungsvätern war das Orchester auf mittlerweile 51 Mitglieder angewachsen, die Jugendkapelle zählte schon 31 Aktive. Im Jahr 1988 ging für die Musiker ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Da das Orchester immer mehr Mitglieder anzog, platzte das Vereinszimmer fast als allen Nähten. Welch ein Glück, dass der Verein die ehemalige Discothek Quadro als Musikerheim erwerben konnte. Die vergangenen sechs Jahre waren übrigens geprägt von Umbau und Renovierung des Musikerheims. Die Musiker investierten viel Zeit, Arbeitskraft und Geld in die Modernisierung, unter anderem einen Toilettenneubau, Fußbodenheizung, Beleuchtung oder eine Akustikdecke. 2009 durfte Hugo Wägerle auf eine 40-jährige Tätigkeit als Dirigent zurückschauen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Im gleichen Jahr übergab er den Dirigentenstab an seinen Sohn Holger Wägerle, der seither das Orchester leitet. Die vergangenen Jahrzehnte des Musikvereins sind durch vielerlei Aktivitäten geprägt; bei feierlichen Anlässen im Ort sowie im ganzen Kreis trifft man auf die Musiker aus Kirchberg. Auf die Jugendarbeit wird weiterhin großer Wert gelegt und das Niveau der beiden Orchester steigt kontinuierlich an. Und selbstverständlich darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen, wie so manch eine Anekdote zeigt.

Auch das Gruppenbild aus dem Jahr 1958 zeigt die wachsende Beliebtheit des Vereins.

Auch das Gruppenbild aus dem Jahr 1958 zeigt die wachsende Beliebtheit des Vereins.

Wie in den 60er-Jahren, als die Frauen ihr Brot und ihren Kuchen noch im Backhäusle buken. Da das Proben rechtschaffen hungrig machte, schnappten sich die Musiker kurzerhand die Bleche mit dem warmen Kuchen. Die fleißigen Bäckerinnen werden nicht schlecht gestaunt haben, als sie statt Salzkuchen Pfennige auf den Backblechen gefunden haben. Auch nach 100 Jahren hat der Musikverein nicht an Attraktivität verloren. Insgesamt 147 Aktive sind dabei, davon 77 unter 18 Jahren. Zudem hat der Verein 145 fördernde Mitglieder. Etwa ein Drittel der Musikerinnen und Musiker wohnt außerhalb des Orts.

Kameradschaft und geselliges Beisammensein sind weiter wichtig

Neben der Musik spielt für die Vereinsmitglieder auch das gesellige Zusammensein eine wichtige Rolle. Nach jeder Probe am Dienstagabend bleibt immer ein Teil der Musiker noch im Musikerheim, um sich bei Speis und Trank noch auszutauschen. So kommen auch Alt und Jung zwanglos ins Gespräch. Die Förderung des Nachwuchses bleibt dem Verein ein großes Anliegen, etwa durch Kooperationsprojekte mit der Kirchberger Schule, die Zusammenarbeit mit der örtlichen Musikschule Berger sowie die Teilnahme am Sommerferienprogramm. Besonders beliebt ist auch der alljährliche Lampionumzug im November. Zur Unterstützung der Jugendausbildung wurde 2017 der Förderverein gegründet, dem der ehemalige Vorstand Herbert Mayer vorsteht.

Fordernd war die Zeit der Pandemie. Doch herausfordernde Zeiten bringen auch kreative Lösungen mit sich. Es wurde im Freien, wenn auch mit Abstand, geprobt, auch Open-Air-Konzerte waren so möglich. „Es war ein Riesenaufwand, aber wir haben es gemacht und die Leute sind gekommen“, erinnert sich Mayer. Mittlerweile haben übrigens die Frauen die Oberhand bekommen. „Früher waren das alles Männer mit Glatze“, sagt Mayer schmunzelnd. Seit 2021 ist mit Ilona Teschke als Vorstand die erste Frau in der nun 100-jährigen Geschichte in der Führungsspitze des Vereins.

100 Jahre Musikverein Kirchberg an der Murr

Gründungsmitglieder Ernst Bollinger, Jakob Mayer, Hermann Kunzi, Karl Gleich, Wilhelm Layher, Wilhelm Gleich, Gottlob Creuz, Robert Benzler, Karl Fink, Ernst Wahl.

Dirigenten 1924/25 Ernst Wahl, 1925/26 Hermann Steiner, 1926 bis 1933 Wilhelm Seyfferle, 1933 bis 1939 Hans Tittel, 1947 bis 1969 Paul Leuschel, 1969 bis 2009 Hugo Wägerle, seit 2010 Holger Wägerle.

Jubiläumsjahr Im Jubiläumsjahr veranstaltet der Musikverein neben dem bereits ausverkauften Mordsdinner zahlreiche Aktivitäten. Am 16. März findet das Jubiläumskonzert statt. Am 1.und 9. Mai gibt es Maihocketsen, am 10. Mai eine Rocknacht mit Safir und am 12. Mai das Jubiläumsfest mit Festzug. Am 20. Juli findet das Sommerkonzert statt, am 19. Oktober das Kabarett auf gut Schwäbisch mit Alois Gscheidle und am 21. Dezember das Jahreskonzert.

Vorstände Hermann Benzler (1924 bis 1927), Eugen Kunzi (1928 bis 1957), Eugen Gleich (1958 bis 1960), Erwin Schäfer (1961 bis 1985). Siegfried Hecht (1986 bis 1994), Norbert Renz (1995 bis 1998), Hansjörg Messerschmidt (1999 bis 2002), Herbert Mayer (2003 bis 2019), Ralf Teschke (2019 bis 2021), seit 2021 Ilona Teschke.

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Erstellt:
12. Februar 2024, 16:00 Uhr

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