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Klare Positionen gegen Rechtspopulismus

Objekt, Installation, Fotografie, Video: Otto Beer, Oliver Herrmann, Klaus Koppal, Peter Schmidt, Margit Stäbler-Nicolai und Günther Zitzmann thematisieren in ihrer Ausstellung im Backnanger Helferhaus „Lasst die Volksseele kochen!“ ein brandaktuelles Thema in unterschiedlichen Techniken.

Sie schließen sich mit ihren kompromisslosen Arbeiten einer breiten politischen Bewegung an und setzen mit den Mitteln der Kunst ein klares Zeichen gegen Rechtspopulismus (von links): Klaus Koppal, Oliver Herrmann, Otto Beer, Peter Schmidt, Günther Zitzmann. Nicht im Bild ist Margit Stäbler-Nicolai. Die Künstler kommen aus unterschiedlichen Landkreisen in Baden-Württemberg. Fotos: P. Wolf

Sie schließen sich mit ihren kompromisslosen Arbeiten einer breiten politischen Bewegung an und setzen mit den Mitteln der Kunst ein klares Zeichen gegen Rechtspopulismus (von links): Klaus Koppal, Oliver Herrmann, Otto Beer, Peter Schmidt, Günther Zitzmann. Nicht im Bild ist Margit Stäbler-Nicolai. Die Künstler kommen aus unterschiedlichen Landkreisen in Baden-Württemberg. Fotos: P. Wolf

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Da stehen sie nun vor dem Eingang des Backnanger Helferhauses, die von Otto Beer zu einer Skulptur aus Holz zusammengefügten Figuren, die den Neid, die Angst und den Hass symbolisieren. Zusammen mit dem Egoismus und dem Nationalismus gehören diese Gefühle zu den Kernelementen des Rechtspopulismus mit den bekannten Folgen wie Ausgrenzung, Verlust an Empathie und Solidarität bis hin zur Gewalt. Der rote Hass, die weiße Angst und der gelbe Neid stimmen nicht nur die Besucher der Ausstellung in der Galerie des Heimat- und Kunstvereins auf ein für die Demokratie herausforderndes Thema ein. Auch die Passanten müssen sich schon wegducken, wenn sie kein Auge auf das Trio werfen wollen. „Lasst die Volksseele kochen!“ ist der Titel der Ausstellung, mit der sechs Künstler klare Kante gegen Rechtspopulismus zeigen.

Otto Beer, Oliver Herrmann, Klaus Koppal, Peter Schmidt, Margit Stäbler-Nicolai und Günther Zitzmann beherrschen die hohe Kunst, in ihren Objekten, Installationen und Fotografien zum Nachdenken über rechtspopulistische Auswüchse anzuregen, ohne dabei die Ästhetik der Kunst zu verraten. Peter Schmidt, Initiator des Ausstellungsprojekts, gelingt es sogar, das Nachdenken über himmelschreiende gesellschaftliche Schräglagen, über Themen wie Bildung und die Rolle der Kunst und Kultur in der Gesellschaft mit Spielerischem zu verbinden.

Die Spieler treffen auf die „Ästhektik des Widerstands“ von Peter Weiss.

Wer sein Glück an seiner als Arcade-Spielautomat daherkommenden Ästhetikmaschine mit dem Titel „Wider die Gespenster“ versucht, wird in ein virtuelles Museum mitgenommen. Schmidt, der auch ein Ingenieurstudium absolviert hat, sagt mit einem Augenzwinkern über sich: „Basteln ist so mein Metier.“ Und so wird die klassische Konsole, wie man sie aus Spielhallen kennt, zur Kunst. Die den Spieler auch zum Mitspieler in der Kunst macht und ihn durch einen dreidimensionalen Drahtmodell-Museumsraum führt – der Film Tron stand dabei Pate. In dem Museum hängen die Bilder, die Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“ beschreibt. Wenn man sich den Exponaten nähert, werden diese zu realen Fotos. Wird jetzt der Lesungsknopf gedrückt, bekommt der Spieler die entsprechende Stelle aus Peter Weiss’ über 1000 Seiten umfassender Romantrilogie aus den 1970er-Jahren vorgelesen. Die Literatur wird so in die bildende Kunst übertragen. Schmidt hat die Ästhetikmaschine zum 100. Geburtstag von Peter Weiss im Jahr 2016 gebaut und baut damit auch eine Brücke zwischen Historie und Gegenwart – vom aufkommenden Faschismus im 19. Jahrhundert in Europa zu heutigen nationalistischen, antidemokratischen und rechtsradikalen Ausprägungen. Schmidts Videospiel und die Texte von Peter Weiss verbinden sich zu einem Bündnis wider Gespenster wie Krieg, Nazismus, Gewalt und Flucht.

In dem kinetischen Objekt „Festung Europa“ von Peter Schmidt halten sogar Modellbaukastenelemente und aus bunten Bonbonpapieren gebastelte Schiffchen für die Kunst her. Die detailreiche Miniaturwelt mit Grenzschützern und Stacheldraht, die sich dem Betrachter da eröffnet, erzählt vom Schicksal der Boatpeople, für die es an den Außengrenzen der Festung Europa nicht weitergeht. Im Gegensatz dazu erhebt sich über der Festung ein Brüsseler Glasturm, in dem Menschen dinieren. Die Frage stellt sich, ob nicht auch sie im Glashaus gefangen sind. „Große Weltpolitik wird ironisch auf die Maßstäbe einer Spielzeugburg heruntergebrochen. Die widersinnige und kontraproduktive Forderung nach Abschottung vom Rest der Welt wird von Peter Schmidt der Lächerlichkeit preisgegeben“, kommentierte Kunsthistoriker Harald Tesan bei einer Ausstellung 2010 auf der Kulmbacher Plassenburg. Peter Schmidt sagt bei einem Vorabrundgang durch die Werkschau: „Leider ist das eine Arbeit, die aktuell bleibt. Das ist traurig.“ Der alte Begriff „Festung Europa“ wird heute gerne auch von Vertretern rechtspopulistischer, rechtsradikaler und rechtsextremer Gruppierungen verwendet. Dieselbe Thematik greift Oliver Herrmann in seiner Videoinstallation „Seestück“ auf. Ein Video zeigt das Meer in seiner Endlosigkeit. Den Effekt der künstlich erzeugten Horizontlinie und des aufgewühlten Himmels, der auch aus Wasser besteht, erzielte Herrmann durch eine Glasscheibe vor der Kamera. In einem zweiten Video wird auf Höhe der Horizontlinie ein dreieinhalb Stunden dauernder Lauftext abgespielt, der als Kommentar zu dem Wasservideo zu verstehen ist. Es sind Protokolle eines Journalistenkollektivs von 2000 bis Mitte 2016, in denen es um in den Fluten des Meeres umgekommene Geflüchtete geht. Daraus ergibt sich ein Bild von der Zahl der Toten und der Umstände, die zu ihrem Tod führten, erklärt Herrmann. Die einen starben beispielsweise bei einem missglückten Rettungsversuch der Küstenwache, die anderen sind aus Verzweiflung ins Meer gesprungen. So werden die Schicksale Einzelner konkreter.

Von Herrmann stammt auch die Fotografie, die ein Parkhaus namens Vaterland zeigt, die Parkpfeile sind nach rechts gerichtet – die Arbeit entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Mit Ironie spielt auch Margit Stäbler-Nicolai bei ihrem Sortiertisch. Der Betrachter wird aufgefordert, nach einer genauen Gebrauchsanweisung Steine nach Farben zu sortieren und in die in die Tischplatte gestanzten Löcher zu werfen. In der Schublade ganz unten kommen die Steine dann wieder bunt gemischt zusammen. Etwas derber setzt die Künstlerin die Thematik in der Blutkonserven-Installation „Leah, Layla, Lisbeth...“ um. Die Aussage: Es ist völlig belanglos, woher die Hilfe kommt.

Klaus Koppal zeigt unter anderem Fotos von Politikern mit eindeutig rechter Gesinnung. Durch die Bearbeitung könnte man meinen, die Aufnahmen stammten aus den 1930er- oder 1940er-Jahren. Dazu stellt Koppal Texte wie „Euch werde ich lehren . . .“ (bei Björn Höcke).

Günther Zitzmanns zuweilen filigrane Installationen aus Gips mit Mobileelementen sind beim näheren Hinschauen alles andere als harmlos. Da finden sich beispielsweise Soldatenfiguren, die ein Hakenkreuz bilden. Ein zweiteiliges Relief besteht aus einem Dolch und einem Tafelbild, auf dem die Worte „Wovon Glatzen träumen“ steht.

Otto Beer steuert zudem eine ganz neue Arbeit zur Bewegung „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben zählen) gegen Rassismus, Polizeigewalt und Diskriminierung von Schwarzen, von „People of Colour“ bei, die spätestens seit diesem Jahr Menschen auf der ganzen Welt kennen. In dem Werk mit dem Titel „I can’t breathe“ (Ich kann nicht atmen) thematisiert Beer, wie der Afroamerikaner George Floyd im Mai bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis zu Tode kam. Auch alle weiteren Arbeiten der sechs Künstler folgen der klaren Ausrichtung der Ausstellung, jeder Künstler positioniert sich ganz eindeutig.

Die Boote der Flüchtenden stranden vor der Festung Europa, die auch mit Grenzschützern und Maschendrahtzaun auf Abschottung setzt: Kinetisches Objekt von Peter Schmidt.

Die Boote der Flüchtenden stranden vor der Festung Europa, die auch mit Grenzschützern und Maschendrahtzaun auf Abschottung setzt: Kinetisches Objekt von Peter Schmidt.

Vernissage im Markgrafenhof

Die Ausstellung „Lasst die Volksseele kochen!“ ist bis 4. Oktober in der Galerie des Heimat- und Kunstvereins im Helferhaus dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 19 Uhr zu sehen.

Am Sonntag, 13. September, um 11.30 Uhr wird zur Outdoor-Vernissage und Leseperformance im Markgrafenhof eingeladen. Die Einführung hält Ernst Hövelborn.

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Erstellt:
11. September 2020, 06:00 Uhr

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