Künstler helfen Künstlern

Sängerin Lena Sutor-Wernich und Pianist Marco Bindelli gestalten ein Benefizkonzert zugunsten des Bandhaus-Theaters.

Die 76. sogenannte Coronade der beiden Künstler Lena Sutor-Wernich und Marco Bindelli fand in Backnang zugunsten des Bandhaus-Theaters statt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die 76. sogenannte Coronade der beiden Künstler Lena Sutor-Wernich und Marco Bindelli fand in Backnang zugunsten des Bandhaus-Theaters statt. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Das Konzertkonzept unter dem Titel „Coronaden“ hatten die beiden Künstler Lena Sutor-Wernich (dem Backnanger Theaterpublikum aus ihrer Rolle im Stück „Clara Schumann – Die Patriarchin“ bestens bekannt) und Marco Bindelli vor etwa einem halben Jahr entwickelt, um in der schwierigen Lockdown-Zeit über die „Musik als Kunst des Trostes Freude und Licht in die Herzen zu bringen“, wie die Sängerin es eingangs formulierte. Für ganz unterschiedliche Leute, für alte Menschen und Menschen mit Behinderung, für Kollegen und Nachbarschaften treten sie seither in Wohngebieten, Gärten, Innenhöfen, in und vor den verschiedensten Einrichtungen auf, um Spenden zu sammeln und bestimmte Personen oder Stätten zu unterstützen. Die ersten Coronaden spielten sie noch zu zweit „vorm Haus“, weiteten ihren Wirkungskreis dann allmählich auf Stuttgart aus und begannen später 15 andere Musiker zu beteiligen.

Immer wieder empfinden Lena Sutor-Wernich und Marco Bindelli die einzigartige Atmosphäre zwischen den Menschen als bereichernd für sich selbst und das Publikum, das begeistertes Feedback gibt und natürlich sehr dankbar dafür ist, in diesen Zeiten überhaupt Kultur erleben zu dürfen beziehungsweise materiell unterstützt zu werden. „Wir sind gesegnet“, berichten die beiden über ihre eigene wirtschaftliche Situation. Zwar haben sie kräftige Ausfälle im freiberuflichen Bereich zu verzeichnen, befinden sich aber in festen Anstellungen, sie als Sängerin an der Oper Darmstadt und er als Leiter des Freien Jugendseminars Stuttgart. Zudem werden die Coronaden durch die Stuttgarter Mahle-Stiftung unterstützt.

Die Backnanger Coronade nun war die 76. und galt dem Bandhaus-Theater. Dessen Leiterinnen Jasmin Meindl und Juliane Putzmann dankten zunächst aufs Herzlichste für das Angebot eines Benefizkonzerts vonseiten der beiden Künstler, aber auch der Stadt und all jenen, die im und für das Bürgerhaus tätig sind: Technikern, Verwaltungsmitarbeiterinnen sowie allen anderen. Am Rande der Coronade informierten Meindl und Putzmann über die Situation des kleinen Theaters: Es hat Coronasoforthilfen von staatlicher Seite, Hilfe vom Förderverein und auch private Spenden erhalten und die Leiterinnen sind dankbar für ihre Festanstellungen bei der Stadt, die sichere Einkommen garantiert und in jeder erdenklichen Art, etwa auch mit Formalitäten und Genehmigungen sowie mit Vertrauen zur Seite steht. Das alles „tut auch mental gut“, sind Juliane Putzmann und Jasmin Meindl sich einig, sprechen von beeindruckender Solidarität und berichten über die derzeitige Situation. „Wie so viele können wir momentan nur auf Sicht fahren“, sagt Meindl, „aber Kultur ist möglich, wenn alle sich an Regeln halten.“ Das Theaterfestival „Vereinigt Euch!“ habe dies gezeigt. Möglich wurde auch dies dank der Förderung durch die Stadt Backnang und verschiedene Sponsoren. Denn wie alle Kultureinrichtungen ist auch das Bandhaus-Theater natürlich „finanziell immer knapp“, und Corona bescherte auch hier einen materiellen Mehraufwand bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen. Etwa 50 Veranstaltungen jährlich sind nötig, um kostendeckend zu arbeiten. Das ist seit März unmöglich, und es ist klar, dass der Zuschuss, der 80 Prozent der Fixkosten deckt, nicht sinken darf. Die verbleibenden 20 Prozent müssen „reingespielt“ werden, wobei das Theater die Produktionen vorfinanzieren muss. Die Theaterleiterinnen bleiben aber optimistisch. Im Kulturbetrieb müsse man risikofreudig sein, und im Übrigen motiviere Corona auch, Lösungen zu finden. Kleinere Formate seien angesagt, dafür habe man in der langen Pause Ideen sammeln können.

Leider drohen aktuell weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Die bisherigen zuversichtlichen Planungen sahen vor, beispielsweise die Roots-’n’-Branches-Konzerte demnächst nachzuholen, wenn irgend möglich die Produktion „Mirandolina“ für das Bürgerhaus umzuinszenieren, im Frühjahr „Clara Schumann – Die Patriarchin“ wieder aufzunehmen und aus Mitteln des Fördertopfs „Kunst trotz Abstand“ das Projekt „Über Faust. Eine inszenierte Werkeinführung“ anzugehen. Auch „Hybridgeschichten“, also teils analoge, teils digitale Konzepte schweben Meindl und Putzmann vor. Angedacht ist Hannah Arendts Biografie der Rahel Varnhagen in solch einer ganz neuen Form zu inszenieren. Alles sei besser als nichts zu machen, denn der Themen gibt es genug: Klimawandel, Migrationswellen, Rechtsruck, Tierhaltung und Ernährung sowie die Pandemie selbst – es sei Aufgabe des Theaters, das in der Gesellschaft Brennende zu thematisieren. Man wird sehen, welche Möglichkeiten die zweite Coronawelle den Künstlern lässt.

Zum Abschluss des Benefizkonzerts formulierten die Theaterleiterinnen noch eine ganz aktuelle Bitte: Für die Fortsetzung der Proben zum Stück „Die letzte Sau“ sucht die Backnanger Bürgerbühne dringend einen großen Raum, in dem (soweit erlaubt) bis zu zwölf Personen agieren können und der über sanitäre Anlagen (vor allem Toiletten) verfügt.

Zum Artikel

Erstellt:
19. Oktober 2020, 11:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Kultur im Kreis

„Jede konstruktive Begegnung hilft“

Das Interview: Der Poetry-Slammer Kai Bosch aus Backnang spricht im Zusammenhang mit seiner dritten Veröffentlichung „Titelwerden überbewertet“ über seine mit Selbstironie gewürzten Kurzgeschichten, seine Lyrik, seine Träume und die Szene.