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Künstler ziehen die Reißleine

Von Austrittsbeschluss aus Bundesverband überraschte Mitglieder wussten nichts von der Finanzmisere ihrer regionalen Berufsvertretung

Peter Haußmann und Fabian Baur aus Weissach im Tal sowie Ehrenfried Frank aus Urbach gehörten zu den Ersten, die um die Jahreswende aus dem Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg (VBKW) ausgetreten sind. In einem offenen Brief an den Vorstand des Verbands begründen sie diesen Schritt. Sie waren davon überrascht worden, dass der VBKW aus dem Bundesverband austreten wollte.

Einige VBKW-Künstler fragten sich, ob sie auch in Zukunft ihrem Verband die Treue halten sollten. Obwohl von ihren Mitgliedsbeiträgen Summen, die für den Bundesverband bestimmt waren, nicht weitergegeben wurden. Unter anderem entschieden sich deshalb drei Künstler aus dem Raum Backnang und Schorndorf nach reiflicher Überlegung, aus ihrem Verband auszutreten. Symbolfoto: Adobe Stock/1STunningART

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Einige VBKW-Künstler fragten sich, ob sie auch in Zukunft ihrem Verband die Treue halten sollten. Obwohl von ihren Mitgliedsbeiträgen Summen, die für den Bundesverband bestimmt waren, nicht weitergegeben wurden. Unter anderem entschieden sich deshalb drei Künstler aus dem Raum Backnang und Schorndorf nach reiflicher Überlegung, aus ihrem Verband auszutreten. Symbolfoto: Adobe Stock/1STunningART

Von Ingrid Knack

WEISSACH IM TAL/URBACH. Den Ausschlag für den Schritt der drei Künstler aus dem Rems-Murr-Kreis gab der Beschluss, der am 25. November in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des VBKW in Stuttgart getroffen worden war: Der VBKW hatte vor, aus dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) zum Jahresende 2019 auszutreten. Die Künstler aus dem Rems-Murr-Kreis schreiben in ihrem Brief: „Zur Abstimmung stand lediglich: Ausstieg ja, Ausstieg nein. Eine angemessene Grundsatzdiskussion über die aktuelle Problematik fand nicht statt. Offensichtlich war dies vom Vorstand von vornherein auch weder vorgesehen noch erwünscht. Mit dem Austritt des VBKWs aus dem überregionalen Bundesverband BBK gefährdet der Vorstand unseres Erachtens die Vertretung und den Zusammenhalt von uns Künstlern in Politik und Gesellschaft – und das nur wegen fragwürdiger Lösungen von Finanzproblemen.“ Denn nur der BBK in Gesamtheit als einziger bundesweiter Künstlerverband könne erfolgversprechend versuchen, politisch und gesellschaftlich Einfluss zu nehmen. „Nach unserem Selbstverständnis als Künstler kann der jetzige Vorstand des VBKWs kein wahrer Vertreter einer ernsthaften und originalen Künstlerschaft sein.“

Die Vorsitzende des BBK-Landesverbands Ursula Thiele-Zoll bestätigt kurz darauf die finanziellen Unstimmigkeiten, die zwischen ihrer Organisation und dem VBKW Baden-Württemberg bestehen, von dem übrigens ein Vertreter im Vorstand des BBK-Landesverbands sitzt. Normalerweise müsse der Verband Bildender Künstlerinnen und Künstler Baden-Württemberg von den Beiträgen seiner Mitglieder 33 Euro im Jahr an den BBK-Landesverband weitergeben, so Thiele-Zoll. Von diesen 33 Euro gingen 27 Euro an den Bundesverband, 6 Euro blieben beim Landesverband. Bei rund 500 Mitgliedern des Verbands Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg, so Thiele-Zoll, sei dies eine nicht kleine Summe. Diese Gelder, die der VBKW „treuhänderisch von den Mitgliedern eingenommen hat“, seien aber nicht weitergegeben worden. Auf die Frage, seit wann die Gelder nicht geflossen seien, sagte Thiele-Zoll: „Das geht schon ewig.“ Und: „Wir haben ihm das schon jahrelang vorfinanziert und waren zu Gesprächen bereit.“ Aber der Stuttgarter Verband habe das Problem vor sich hergeschoben und sei auch der Bitte nicht nachgekommen, einen Schuldenplan vorzulegen, „dass es eine verlässliche Basis gibt“. Die Fronten schienen derart verhärtet zu sein, dass eine einvernehmliche Lösung wohl nicht mehr möglich war. Mittlerweile sei ihrem Verband dringend geraten worden, sich einen Anwalt zu nehmen, „weil wir sonst in Schwierigkeiten kommen könnten. Wir können nicht immer vorfinanzieren. Irgendwann einmal ist natürlich Schluss“. Ursula Thiele-Zoll versicherte in diesem Zusammenhang: „Wir haben auch anderen Bezirksverbänden schon geholfen.“ Doch im aktuellen Fall war dies offenbar nicht möglich. Es gehe um verlässliche Lösungen, wiederholte die Vorsitzende. Auch der Bundesverband sei an einem Austritt des Verbands Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg nicht interessiert, „schon im Interesse der Mitglieder. Das nützt niemandem“, so Thiele-Zoll.

„Wir arbeiten daran, die Situation zu lösen und zu klären“

Nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung des VBKW am 25. November hatte sich der BBK-Landesverband nach einer jahrelangen ungeklärten Situation an die VBKW-Mitglieder gewandt. Daraufhin seien „eine ganze Reihe“ aus ihrem Verband ausgetreten, so die BBK-Landesvorsitzende. „Es ist ja eine berufsständische Organisation, es geht nicht darum, dass man in einem Verein ist.“ In diesem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, heißt es: „Irritierend war bei dieser MV des VBKW, dass der Kassenwart zum ersten Mal den Mitgliedern mitgeteilt hat, dass beim VBKW sich ein Schuldenberg (...) aufgebaut hat, obwohl in den vergangenen Jahren stets ein ausgeglichener Haushalt vorgelegt worden ist. Üblicherweise würde man eine solche Situation als Misswirtschaft bezeichnen, wenn nicht gar als Täuschung. Zumindest aber ist das höchst irritierend.“

Vom Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg war für eine Stellungnahme zu den Vorgängen zunächst nur der zweite Vorsitzende, Alfons Koller aus Winnenden, erreichbar. Koller bestätigte die Schulden beim Landes- beziehungsweise Bundesverband. „Zwischen 20000 und 24000 Euro müssten die liegen.“ Koller weiter: „Wir arbeiten daran, die Situation zu lösen und zu klären.“ Dabei seien die Austritte der Mitglieder wenig hilfreich. Es sei „unglücklich, dass die Künstler so an die Öffentlichkeit treten, weil wir mitten in den Verhandlungen sind“. Außerdem betonte Koller, die an den BBK abzuführenden Beiträge seien kein „Durchlaufposten“. Es sei auch nicht die Absicht des VBKW, für ewig nicht mehr dem Bundesverband anzugehören. Doch die „Pläne“ des VBKW seien „von der Landesebene nicht akzeptiert worden, sodass wir zu diesem Schritt genötigt waren“. Warum aber wurden die für den Bundesverband bestimmten Gelder nicht weitergegeben? Koller spricht von einer „Verzögerung von Fördergeldern und verschiedenen anderen Faktoren – die Miete wird immer teurer – und die Förderung für den VBKW ist seit 1996 dieselbe geblieben“. So seien Verwerfungen entstanden und man sei an einem Punkt angekommen, an dem es eskaliert sei. „Zwischen dem Landesverband und dem VBKW hat es ein gewisses Kommunikationsdesaster gegeben.“ Dann beklagt der zweite Vorsitzende aus Winnenden noch: „Vom Landesverband haben wir juristische Querschläge bekommen.“

Seither sind schon Wochen ins Land gegangen. Eine Stellungnahme der VBKW-Vorsitzenden Jutta Stoerl Strienz war erst einmal nicht zu bekommen. Nach weiterem Nachhaken gab es dann aber doch eine Antwort: „Wenn Sie eine ,Geschichte‘ schreiben möchten, dann verlassen Sie sich doch einfach auf Ihre Fantasie. Weshalb sollte ich verbandsinterne Vorgänge kommentieren, nur weil drei unzufriedene Mitglieder aus der VBKW-Region Rems-Murr (Fabian Baur, Ehrenfried Frank und Peter Haußmann) nicht bereit sind, einen demokratisch gefassten Beschluss der VBKW-Mitgliederversammlung mitzutragen (2/3-Mehrheit)?“ Es soll jedoch bereits zahlreiche Kündigungsschreiben gegeben haben, wie viele genau, auch darüber hüllt sich der VBKW in Schweigen.

Der Knoten wurde gelöst, der Austritt ist vollzogen

Ende Januar ließ die BBK-Landesvorsitzende Ursula Thiele-Zoll den aktuellen Schuldenstand wissen: „Ich habe die Schulden korrigiert. Inzwischen hat der VBKW 2000 Euro überwiesen, damit belaufen sich die Schulden auf 25799,75 Euro.“ Der Austritt, der rückwirkend zum 31. Dezember 2019 anvisiert war, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollzogen. Mit einem Austritt ist die sofortige Schuldenbegleichung verbunden. Zur jüngsten Entwicklung lässt Ursula Thiele-Zoll in dieser Woche wissen: „Inzwischen hat der VBKW seine Schulden bezahlt und ist aus dem BBK ausgeschieden. Woher er die Gelder hat, wissen wir nicht. Es hat wohl eine Schuldenverschiebung stattgefunden. Es sind inzwischen zahlreiche Mitglieder aus dem VBKW ausgetreten. Es wird diskutiert, einen neuen Bezirksverband zu gründen, der in den BBK eintreten soll.“

Interessierte können sich mit dem BBK-Landesverband Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg unter der E-Mail Thiele-zoll@t-online.de, Telefonnummer 0711/6366711, in Verbindung setzen.

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Erstellt:
28. Februar 2020, 06:00 Uhr

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