Launige Pausentexte und emotionale Lieder

Gruschtelkammer: Begeisterte Zuhörer klatschen und trampeln Stefan Jürgens zu zwei Zugaben zurück auf die Bühne der Auenwaldhalle. Charismatischer Schauspieler und Sänger überrascht im Rahmen seiner aktuellen „Was zählt“-Tour mit seinem virtuosen Klavierspiel.

Stefan Jürgens lockerte Liedpausen durch kabarettistischen Wortwitz auf. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Stefan Jürgens lockerte Liedpausen durch kabarettistischen Wortwitz auf. Foto: A. Becher

Von Marina Heidrich

Auenwald. Vor zehn Jahren war er schon einmal in Auenwald zu Gast und riss damals das Publikum vor Begeisterung von den Stühlen: Stefan Jürgens, Gründungsmitglied der 1993 innovativen Comedy-Sendung „RTL Samstag Nacht“, Tatortkommissar, Bühnenschauspieler – und eben auch Musiker. Charley Graf, Vorsitzender des Vereins Gruschtelkammer, schwor sich damals: Den Mann will ich wieder auf unserer Bühne sehen. Im Rahmen der hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihe 2021 in der Auenwaldhalle ist ihm dies auch erneut gelungen. Am Sonntag konnte Graf den charismatischen Stefan Jürgens begrüßen. Der 1963 in Unna geborene, ausgebildete Schauspieler präsentierte im Rahmen seiner aktuellen „Was zählt“-Tour eine poetisch-nachdenkliche musikalische Reise durch seine Gefühls- und Gedankenwelt, aufgelockert durch kabarettistischen Wortwitz voller Esprit.

„Mensch, ihr habt euch

überhaupt nicht verändert!“

Nonchalant-lässig betrat Jürgens die Bühne, setzte sich sofort ans Klavier und sorgte schon mit den ersten Takten zumindest bei denen für offene Münder, die nicht wussten, dass der passionierte Musiker ein ausgezeichneter Pianist ist. Eröffnet wurde der Abend mit einem wunderschönen Liebeslied, „Unsre Zeit“, das er bereits 2013 auf dem Album Alles immer möglich veröffentlichte. Dann wandte sich der Künstler lächelnd ans Publikum und begrüßte es mit einem schmunzelnden: „Mensch, ihr habt euch überhaupt nicht verändert!“

Man merkte Jürgens deutlich an, dass er sich auf die Liveauftritte und die anstehende Tour freut, dass er wie so viele seiner Kollegen die Bühne und den direkten Kontakt zum Publikum in den vergangenen Monaten sehr vermisst hat. Der Schauspieler besitzt auch als Sänger eine starke Bühnenpräsenz, in seiner Sensibilität und der Poesie der Texte erinnerte er bisweilen an einen jungen Konstantin Wecker. Zwar weniger radikal in den Aussagen – aber trotzdem mit klaren Standpunkten und einer facettenreichen Ausdrucksmöglichkeit der Gefühle.

Bei Stefan Jürgens hat man das Gefühl, dass zwei Menschen auf der Bühne stehen: einerseits der Comedian, der feine Spitzen und auch gelegentlich einen wohlgezielten verbalen Schlag verteilt. So blieben in sei-nen launigen Ansprachen weder die Themen Gendersprache, Landleben, Diskriminierung oder Kirche außen vor noch das Thema Mann und Alter. Was er mit einer ordentlichen Portion Selbstironie zur Sprache brachte. Andererseits ist da dieser unglaublich feinfühlige Textpoet, der in seinen Liedern sehr viel Persönliches und Privates offenbart und dadurch verletzlich scheint. Jürgens ist beides – und beides nimmt man ihm voll ab. Er wirkt durch und durch authentisch.

Kernprogramm in der Auenwaldhalle waren die Songs seines aktuellen Albums „Was zählt“. Auch in diesen Texten geht es um viel Persönliches. So besingt er in „Mein alter Tisch“ leicht melancholisch und doch lächelnd die Erinnerungen, die ihm beim Betrachten der Tischplatte kommen, Erinnerungen an die Menschen und Freunde, die an diesem Tisch saßen, die Gespräche und Feste, die dort stattgefunden haben. Mit seiner eindrücklich-präsenten Stimme, die auch am Konzertende noch frisch und unangestrengt klang, kam im vielleicht emotionalsten Lied des Abends „Vater“ die Angst vor dem Verlust der Eltern zum Ausdruck. Die Textzeile „Bin für das, was geschehen wird, nicht bereit“ berührte.

Saxofon war das instrumentale Sahnehäubchen auf den Songs

Nach der Pause gab es eine zusätzliche Überraschung für das Publikum. Jürgens sang ein jazzig-bluesig angehauchtes Arrangement seines Songs „Engel“, der bereits vor einigen Jahren erschienen ist. Aus dem abgedunkelten Saalhintergrund mischten sich melancholische Saxofonklänge dazu und Jürgens langjähriger musikalischer Begleiter Ralf Kiwit schritt langsam Richtung Bühne. Kiwit beherrscht die Kunst des Understatements meisterhaft, seine Saxofonparts bildeten die perfekte, harmonische Ergänzung zu einigen Liedern des zweiten Sets. Sozusagen das instrumentale Sahnehäubchen auf den Songs.

Nach einem Abend voller guter Musik, Lachen und der einen oder anderen kleinen Träne klatschten und trampelten die begeisterten Zuhörer in Auenwald Stefan Jürgens zu zwei Zugaben zurück auf die Bühne. Das aussagekräftige Titellied der Tour „Was zählt“ und das sehnsuchtsvolle, ältere „Fliegen können“ vom Album Grenzenlos Mensch beschlossen einen Abend, der sichtlich glückliche Zuhörer hinterließ.

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Erstellt:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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