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„Lebenszeichen“ in Zeiten von Corona

Das Theater Rietenau lädt am Wochenende zu Theaterspaziergängen durch das Dorf ein. Das ursprünglich geplante Stück mit Nachkriegsthematik wird aufs nächste Jahr verschoben.

„Lebenszeichen“-Station in Rietenau. Am 1. und 2. August gibt es sechs bereits ausverkaufte Aufführungen. Foto: Dietmar van der Linden

„Lebenszeichen“-Station in Rietenau. Am 1. und 2. August gibt es sechs bereits ausverkaufte Aufführungen. Foto: Dietmar van der Linden

Von Ingrid Knack

ASPACH. Eigentlich hätte das Theater Rietenau dieses Jahr sein Zehnjähriges mit einer Inszenierung unter dem Titel „Hurra wir leben“, einer Geschichte über die Nachkriegszeit, feiern wollen. Doch nach der ersten Leseprobe kam der Lockdown, wie Lea Butsch erzählt, die zusammen mit ihrem Mann Rolf das Theater Rietenau initiiert hat.

Nun hieß es abwarten. Auch der Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg, mit dem Butsch in Verbindung steht, konnte die Wochen darauf keine positiven Entwicklungen für die durch Corona ausgebremsten Mimen melden. Dann zeichnete sich ab, dass das Sommertheater heuer anders ausfallen musste als in den vergangenen Jahren. Denn mit Blick auf das zum runden Geburtstag ausgewählte Stück war Lea Butsch klar: „Die Zeit läuft uns davon. Wir werden das Ding nicht mehr stemmen können.“ Das Nachkriegsstück wurde notgedrungen aufs nächste Jahr verschoben. Konkret zu planen bleibt aber schwierig.

Dass allerdings gar nichts aufgeführt wird, war für die Theaterleute keine Option. Not macht erfinderisch. „Wir machen den guten alten Theaterspaziergang“, war die Idee. Und zwar mit unterschiedlichen Stationen. Ganz so weit weg von den bisherigen Darbietungen ist dies nicht. Butsch: „Stationen machen wir schon immer, weil wir keinen Indoor-Platz haben.“

Bei Überlegungen zum Inhalt der Neuinszenierung kam Butsch zu dem Schluss:„Man kommt um Corona nicht herum.“ Die Szenen, die daraufhin entwickelt wurden, stammen überwiegend aus ihrer Feder. Zusammen mit ihrem Mann Rolf führt sie Regie. Jetzt geben die Rietenauer Theaterleute und ihre Mitstreiter aus unterschiedlichen kulturellen Bereichen morgen und am Sonntag „Lebenszeichen“. Lea Butsch verrät: „Wir schauen die Dinge ein bisschen humoristisch an.“

Sie spricht über den „Heimwerkerwahn“ in Zeiten des Lockdowns und sagt lachend: „Ab 9 Uhr waren alle Geräte im Hochbetrieb.“ Zudem waren und sind da immer noch die vielfach ins Wasser gefallenen Urlaubspläne und die Fußballeuropameisterschaft, die für dieses Jahr „flöten gegangen ist“. Und freilich das leidige Thema des in vielen Fällen immer breiter werdenden grauen Scheitels auf den Köpfen der Menschen, die nicht zum Friseur gehen konnten. Der (selbst-)ironischen Sicht auf eine noch nie da gewesene Zeit sind kaum Grenzen gesetzt. Lea Butsch geht es aber auch um ernste Blicke auf die Welt. „Was nährt uns denn, wodurch beziehen wir Kräfte?“, ist so eine Frage, auf die sie einige Antworten hat. Eine davon ist „Kunst und Musik“. Bei den „Lebenszeichen“ sind deshalb nicht nur die Theaterspieler, sondern auch andere Menschen aus Rietenau und der Umgebung mit dabei, die sich mit Kultur befassen. Sänger und Instrumentalisten genauso wie die Kunsttherapeutin Heike Lenz-Eckstein, die ihre Skulpturen auf einer Wiese ausstellt. Lea Butsch freut sich überdies über die positive Resonanz der Rietenauer Bürger auf ihr Projekt: „Wir dürfen Balkone und Garagendächer bespielen.“ Kein Wunder, Erklärungsbedarf gibt es nach zehn Jahren Theaterarbeit nicht mehr.

Wegen der Coronaschutzregeln können an den beiden Aufführungstagen mit jeweils drei Aufführungen nur rund 200 Menschen in den Genuss der „Lebenszeichen“ kommen. „Normalerweise haben wir 200 pro Abend“, lässt Butsch wissen. Die Gäste, die eine Reisegruppe bilden, werden von Reisebegleiterinnen zu den Stationen geführt. Die Begleiterinnen achten darauf, dass die Abstandsregeln eingehalten werden. „Wir werden Sorge tragen, dass alle unbeschadet und freudvoll aus der Sache wieder rausgehen“, sagt Butsch. Wobei auch das Wort Restrisiko fällt. Butsch weiter: „In Coronazeiten ist es kein Schleck, Kulturschaffender zu sein.“ Aber: „Was geht, werden wir machen.“ Ein Eintritt wird nicht verlangt. Die Besucher können eine Spende in das Kässle beim Milchhäusle werfen. Eine Bewirtung gibt es nicht.

Im Vorfeld hatten die Rietenauer Theaterleute nur in Kleingruppen geprobt – zum Beispiel bei der Familie Butsch im Garten. „Wir haben immer fragmentarisch gearbeitet. Erst in der Generalprobe werden wir die Gesamtschau haben“, so Butsch. Auch Kinder sind wieder mit von der Partie, nicht aber alle Spieler, die in coronalosen Zeiten Teil des Teams sind. Und dann gibt es noch die Seifenblasenaktion, die perfekt in diese Zeit passt. „So viele Sachen sind zerplatzt durch Corona.“

Dass die Vorstellungen so schnell ausverkauft waren, ist für Butsch ein Zeichen dafür, dass die Leute „Lust aufs Echte“ haben und Theater als Gemeinschaftserlebnis schätzen.

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Erstellt:
31. Juli 2020, 06:00 Uhr

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