Neue Leiterin des Schriftstellerhauses Janina Hecht

Lesungen in der S-Bahn

Das Stuttgarter Schriftsteller-Haus hat eine neue Chefin. Die Autorin und leidenschaftliche Leserin Janina Hecht startet voller Ideen in ihre neue Aufgabe. Ihr Ziel: Literatur soll in Stuttgart neue Orte erobern.

Janina Hecht hat mit dem Schriftstellerhaus Großes vor.

© LICHTGUT/Max Kovalenko

Janina Hecht hat mit dem Schriftstellerhaus Großes vor.

Von Julian Sieler

Versteckt zwischen Obstbäumen stand im Garten von Janina Hechts Großeltern eine kleine Hütte. Dorthin zog sie sich als Kind mit einem Buch zurück und las Stunde um Stunde. An den Platz dieser persönlichen Zufluchtsstelle ist nun ein anderer Ort getreten. Er ist höher, auch ein wenig breiter und steht in der Kanalstraße 4. Das Treiben des Stuttgarter Bohnenviertels hat die Streuobstwiesen ersetzt.

Janina Hecht ist die neue Geschäftsführerin des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Die Institution nimmt eine besondere Rolle ein in der Stadt – eine ähnliche, wie die Gartenhütte in Hechts Kindheit. Sie ist eine Herberge für Schreibende und Literaturbegeisterte. Am Eingang des Hauses steht noch der Name ihrer Vorgängerin Astrid Braun, die 19 Jahre lang den Posten innehatte. Nun bricht für das Haus eine neue Zeit an.

Die Liebe zur Literatur beginnt früh

Für Janina Hecht ist es eine Rückkehr. Sie wuchs im Kirbachtal hinter Bietigheim-Bissingen auf. Ihr Literatur-Studium in Stuttgart und Tübingen finanzierte sie, indem sie als Lektorin arbeitete. Danach zog es sie „wegen der Liebe“ nach Karlsruhe, wo sie heimisch wurde. Zuletzt arbeitete sie dort im universitären Projektmanagement. Nun ist die gebürtige Schwäbin zurück in Stuttgart und im Literaturbetrieb.

Literatur hat sie bereits in ihrer Kindheit in Bann gezogen. „In den Sommerferien bin ich einmal die Woche mit dem Bus in die Stadtbibliothek gefahren. Dort habe ich mir für jeden Tag ein Buch ausgeliehen.“ In der Landwirtschaft der Großeltern gab es genug Arbeit – sie aber floh lieber mit einem Buch in fremde Welten. Häufig musste sie sich anhören: „Janina arbeitet nichts, Janina liest immer nur.“ Wie wunderbar, nun beides zu kombinieren.

Ein Teil der Bücherwand

Eine Postkarte in ihrem Arbeitszimmer ziert ein Zitat von Christa Wolf: „Denn ich, ohne Bücher, bin nicht ich.“ Während sie erzählt, scheint sie mit der Bücherwand hinter sich zu verschmelzen. Von jedem ehemaligen Gast des Hauses findet sich dort ein Buch. Auch eines von ihr ist darunter: Ihr Debütroman und bisher einziges Werk „In diesen Sommern“. Er wartete bereits auf sie, als sie im Oktober ihr neues Büro bezog.

Schließlich war sie anfang des Jahres zu Gast im schmalen Haus in der Kanalstraße 4 und las aus dem experimentellen Roman. Sie schwelgt in der Erinnerung an ihren ersten Abend im Schriftstellerhaus. In kleiner Runde kam sie ins Gespräch mit Gästen, diskutierte über ihr Werk. Damals erkannte sie: „Das hier ist ein ganz besonderer Ort.“

Rückkehr in neuer Rolle

Nun ist Janina Hecht in einer neuen Rolle zurückgekehrt. Sie streicht über die zart gelblichen Wände im Veranstaltungsraum. Ein wenig renovieren müsste man, doch die Balken des Fachwerkhauses und das rahmende Muster an den Wänden sollen sichtbar bleiben. „Mein Wunsch ist, den Kern zu bewahren, aber das Haus auch in eine neue Generation zu überführen.“ Janina Hecht möchte mit dem Schriftstellerhaus Grenzen überwinden. Die Mutter eines Neunjährigen weiß, wie schwer es für Menschen mit Care-Verantwortung ist, Veranstaltungen um 20 Uhr zu besuchen. Literatur soll daher andere Tageszeiten und ungewohnte Orte erobern. Eine ihrer Ideen: Lesungen mittags in der S-Bahn. Mitten im Alltag soll die Literatur erblühen, sowie es das Haus in der Kanalstraße, umgeben von Friseurstudios und Zahnarztpraxen, selbst vorlebt.

Aus eigener Erfahrung kennt sie die Freuden und Nöte von Schreibenden. Sie will deren Vereinzelung entgegenwirken, Räume schaffen, in denen sie sich unterstützen können. Hecht plant, die Schreibwerkstätten weiter auszubauen. Wichtig ist ihr auch das „Junge Schriftstellerhaus“, ein Förderprogramm für Nachwuchs-Autoren und -Autorinnen.

Janina Hecht weiß um die Bedürfnisse von Schreibenden

Ein Herzensprojekt ist zudem die Weiterführung von „Stuttgart liest ein Buch“. Das Lesefestival fand letztmals 2019 statt, damals stand der Roman „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger im Zentrum. Im Moment laufen die Planungen für eine Neuauflage auf Hochtouren. Im Herbst 2024 soll die Stadt erneut hinter einem Buch zusammenkommen.

Engagement statt Eskapismus

In der Gartenhütte wollte Janina Hecht in der Kindheit in Erzählungen entfliehen. Das hat sich gewandelt. In ihrem neuen literarische Zufluchtsort möchte sie ihren Einfluss auf die Stadt nutzen und sich für Schreibende und Literaturbegeisterte einsetzen. Aus dem schmalen Fachwerkhaus in der Kanalstraße heraus will sie die Stuttgarter Kulturszene prägen. Aus Weltflucht wird Engagement.

Info

Gebäude Das Haus in der Kanalstraße 4 im Stuttgarter Bohnenviertel ist 4,58 Meter breit, ungefähr genau so tief und elf Meter hoch. Das Gebäude wurde im 17. Jahrhundert erbaut und in den 1980er Jahren vor dem Abriss bewahrt. Am 4. Oktober 1983 eröffnete darin Deutschlands erstes Schriftstellerhaus.

Schriftstellerhaus Die Institution dient als Treffpunkt für Schreibende. Im Haus wohnt für je drei Monate ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin, bis Jahresende ist Janna Steenfatt als Stipendiatin zu Gast. Mit vielgestaltigen Angeboten werden Literaturbegeisterte angesprochen, etwa mit Lesungen oder dem Podcast „Aus dem Häuschen“.

Tipps Auf der Website des Hauses gibt es immer wieder literarische Empfehlungen zu entdecken: https://www.stuttgarter-schriftstellerhaus.de/ jsi

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Erstellt:
3. Januar 2024, 12:08 Uhr
Aktualisiert:
3. Januar 2024, 13:40 Uhr

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