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Live-Comedy trifft auf digitalen Applaus

Comedian Ingo Appelt glänzt bei der besonderen Freiluft-Premiere auf der Auenwalder Autokinobühne

Für Ingo Appelt war der Auftritt auf der Auenwalder Autokinobühne ein Stopp zwischen Berlin, wo er lebt, und Baden-Baden, wo sein nächster Auftritt stattfinden sollte. Den rührigen Auenwaldern ist er kein Unbekannter, gastierte er doch bereits mehrfach in der Gruschtelkammer. Dieses Mal aber kam die Einladung von der Gemeinde, die zurzeit alles unternimmt, um ihren Bürgern und Gästen trotz der schwierigen Situation etwas zu bieten.

Dank der neuen App war Ingo Appelt nicht mehr nur auf die Lichthupen und Scheibenwischer als Beifallsbekundung angewiesen, die Zuhörer konnten auch an ihrem Smartphone ein Jubel, Klatschen, Jauchzen oder Lachen auslösen. Sehr zur Freude des 53-Jährigen.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Dank der neuen App war Ingo Appelt nicht mehr nur auf die Lichthupen und Scheibenwischer als Beifallsbekundung angewiesen, die Zuhörer konnten auch an ihrem Smartphone ein Jubel, Klatschen, Jauchzen oder Lachen auslösen. Sehr zur Freude des 53-Jährigen.Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

AUENWALD. Neuestes Highlight: Ingo Appelt und die Veranstalter ließen eine Münchener Cybersecurity-Firma eine Weltpremiere, die brandneue Applaus-App präsentieren. Erst eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn ist MeinApplaus.de im App-Store freigeschaltet worden. Ihr Entwickler Viktor Mraz erläuterte das Herunterladen sowie die Funktionsweise, und Kampagnenmanager Jürgen Kreuz berichtete, dass das Tool jetzt von Künstlern und Sportlern weltweit angefragt wird, gerade eben habe er mit Buenos Aires telefoniert. Per Berührung des Bildschirms löst die App Jubel, Klatschen, Jauchzen oder Lachen aus, die Töne werden über die jeweilige UKW-Frequenz hörbar gemacht und erreichen so den dankbaren Künstler, dessen Brot bekanntlich der Applaus ist.

Ingo Appelt wusste es zu schätzen und freute sich darüber, nicht mehr nur auf Lichthupe, Blinken und Scheibenwischer als Feedback des Publikums angewiesen zu sein. Denn das Hupen war nicht erlaubt, wie Bürgermeister Karl Ostfalk zu Beginn klarstellte. „Ich brauche ja Applaus“, so Ingo Appelt und: „Ich hoffe, dass wir uns an diesen Quatsch nicht gewöhnen…“ Natürlich wolle er zurück in die Gruschtelkammer, auch wenn er jetzt viele neidische Posts von Künstlerkollegen erhalte.

Appelts Programm bot eine bunte Mischung aus Altbekanntem und Neuem und strapazierte die Lachmuskeln sowie auch die Applaus-App gehörig. Es ging Querbeet. Der 53-jährige Essener teilt seinen Geburtstag, den 20. April, mit Adolf Hitler und erinnerte sich an unerträgliche Gratulanten, schon fiel das Stichwort Verschwörungstheorien. Darauf sollte er später mehrfach zurückkommen. Aber erstmal galt es noch, die „1A Bedienung mit Liebe, Leidenschaft und Engagement hinter den Kulissen“ zu loben. Der Bürgerverein Ebersberg hatte eine Snackkarte verteilt und nahm Bestellungen per SMS und WhatsApp entgegen. Auch dieser Service wurde rege in Anspruch genommen, und Ingo Appelt ermutigte dazu: „Haut die Kohle raus!“

Seit 35 Jahren SPD-Mitglied, bewies der Comedian, dass er seine Genossen kennt, die Lebenden und die Toten. Eine geniale Willy-Brandt-Parodie ließ den legendären Kanzler von „Sozialismus und Alkoholismus“ fabulieren, und die SPDler der Gegenwart Esken, Borjans, Gabriel, Schulz sowie die abgetauchte Nahles bekamen ihr Fett weg.

Aber Appelt kann auch CDU/CSU. Frappierend, wie er Seehofer, Kohl, Strauß und Blüm imitierte, gnadenlos sein Umgang mit Angela Merkel, die er als Frau disqualifizieren zu müssen meinte. Alter Trick: Indem der Künstler sagt, dass er nicht sagt, was unsagbar sein sollte und es benennt, sagt er es eben doch. Schon ist es in der Welt und den Geschmacksnerven des Publikums ausgesetzt. Auch immer wieder gern genommen: Männer und Frauen überhaupt. Da ist Appelt manchmal nicht weit weg von Mario Barth und merkt es selbst. Ossis werden verächtlich gemacht beispielsweise als faul, und andererseits: „Schlangen in den Supermärkten und leere Regale – Die Ossis lachen uns aus!“

Schwaben in Berlin und verwöhnte Kinder (Ich bin für Kinderarbeit!“), Erinnerungen an Mallorca und Ägypten, Nazis natürlich und die Dauerbrunft des Mannes sowie seine (Un-)Ersetzbarkeit, die Shopping-Sucht der Frau („Shoppen statt Poppen“) und ihr Kommunikationsdrang. – Wenn es vom Hundertsten ins Tausendste geht, nennt man das wohl Stand-Up-Comedy. Ingo Appelt beherrscht sie und gibt seine Definition von Humor: „Sich aktiv an seiner eigenen Zerstörung zu beteiligen.“ Wir wollen es ja nicht hoffen! Er kann pausenlos reden ohne Luft zu holen. „Ich laber nur rum. Ich hab eine Meinungs-Diarrhoe.“ Durchfall also.

Man kann es als selbstkritischen Einwurf deuten. Alles in allem ein Vollblut-Comedian, der weiß, wie man die Leute zum Lachen bringt. Dem Auenwalder Publikum war’s ein Vergnügen.

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Erstellt:
11. Mai 2020, 06:00 Uhr

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