Malen und zeichnen auch mit verbundenen Augen

Arbeiten von Beate Wieselhuber-Schneider sind unter dem Titel „Mensch“ bis 17. Oktober im Unterweissacher Bürgerhaus zu sehen.

Beate Wieselhuber-Schneider stellt in Weissach im Tal Werke aus den Bereichen Malerei, Collagen und Skulpturen aus. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Beate Wieselhuber-Schneider stellt in Weissach im Tal Werke aus den Bereichen Malerei, Collagen und Skulpturen aus. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

Weissach im Tal. „In unserem schönen historischen Bürgerhaus“ begrüßte Bürgermeister Ian Schölzel die Gekommenen und freute sich, „nach allen Einschränkungen“ endlich wieder etwas Kultur in der Gemeinde zu haben. Schölzel würdigte Kunst und Kultur als „unverzichtbar in der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen“. Gerade dann, wenn Gewissheiten brüchig werden, so meinte er sinngemäß, sei das der Fall. Und natürlich sollten künstlerische Werke und kulturelle Veranstaltungen ihrem verdienten Stellenwert so schnell wie möglich wieder entsprechen dürfen.

Er dankte allen Helfern sowie Mirko Schmid (Akkorden) und Wolfgang Piller (Gitarre), die eine einfühlsame musikalische Gestaltung der Vernissage darboten. „Freuen wir uns!“, resümierte der Bürgermeister und übergab das Mikrofon an die Kunstvermittlerin Britta Ischka. Sie präsentierte eine Einordnung der ausgestellten Arbeiten und charakterisierte Beate Wieselhuber-Schneider als intensiv, wach und leidenschaftlich.

Der Bildhauer lebt vom Wegnehmen – im Gegensatz zum Maler

Die Künstlerin, von der bereits ein Werk drei Jahre lang am Weissacher Skulpturenpfad zu bewundern war, interessiere vor allem der Mensch in seiner Körperlichkeit, in der die Emotionalität bestenfalls ihren künstlerischen Ausdruck findet. Da ist die Skulptur naheliegend, denn immer seien es Figuren, kraftvoll und fragil zugleich, die sie reizen, Torsi etwa, zumindest Körperähnliches könne man bei Wieselhuber-Schneider allenthalben finden, und, so die Künstlerin selbst: „Ein großer Stein ist gut. Man kann sich herantasten.“ Der Tastsinn spielt für die 1951 geborene Wieselhuber-Schneider aber auch in ihrer Malerei und ihren Collagen eine wichtige Rolle. So versucht sie sich wiederholt in Blindtasttechniken, bei denen sie „mit verbundenen Augen und viel Gefühl“ zeichnet oder malt, nachdem sie beispielsweise den eigenen Kopf ertastet hat. Manchmal verliere sich die Hand auf dem Papier, und so werde vieles verworfen, die überzeugenden Entwürfe behält sie. Oder sie erschafft einen Abdruck ihres eigenen Körpers auf Vlies, indem sie sich einfettet und auf das Material legt. Der Abdruck wird im Anschluss nachkoloriert, wobei größte Sorgfalt vonnöten ist, „damit alles dahin läuft, wo es hin soll“.

Thema jedenfalls sei immer der Mensch, aber: „Der Mensch ist so komplex!“ Es gelte, sich der Kunst zu nähern wie ein Kind und das Meditative an sich heranzulassen.

Wenige Jahre nach dem Kriegsende in Megesheim im Nördlinger Ries geboren, hat Beate Wieselhuber-Schneider schwierige Jahre und Mangel kennengelernt. Sie sei ein kreatives Kind gewesen und habe sich als ebenso kreative Lehrmeisterin erwiesen, erzählt Britta Ischka. Denn die Künstlerin, die zunächst ihre Kinder inspirierte und künstlerisch förderte, hat später sehr viel Inspiration von eben diesen ihren Kindern empfangen. Jahrelang als Krankenschwester auf der Intensivstation tätig, half das Malen ihr, Abstand von der schweren Arbeit zu finden und zu sich selbst zu kommen. Zunächst sind Dachlandschaften ihre bevorzugten Motive, aber bald treten Figuren auf den Plan. Und Steine. Die haben ein Vorleben wie sie selbst. Etwa die Männer („Mann1“ und „Mann2“) waren früher Treppenstufen, denen die Künstlerin viel vom Kantigen genommen und dabei erfahren hat: Der Bildhauer lebt vom Wegnehmen – im Gegensatz zum Maler.

Sie habe mehr Freude am Stein als der Stein an ihr, erfährt man auch, und dass es sich um nicht weniger als einen „Ringkampf mit dem Stein“ handelt. Das Malen entwickelte sich parallel, das Lernen kam mit dem Tun. Fernweh kenne sie nicht, es sei der Alltag, der die Künstlerin interessiert, weiß Britta Ischka, die Schlange im Supermarkt oder der Sauerteig in der Schüssel. Und noch im Malen oder Zeichnen die Dreidimensionalität. So entstanden Schnittcollagen, die eine grazile Flächenebene über die andere legen. „Unsentimental“ gehe sie mit dem Material um, durchlöchert oder zerschneidet es, „ganz oder gar nicht“, „ironisch bis skurril“ die Ergebnisse. Der Zufall darf mitmischen, denn es geht um Balance zwischen ihm und dem Gestaltungswillen. Linien sind Wieselhuber-Schneider wichtiger als Flächen, als ginge es um Spurensuche oder Spurenlegung. Sie ist eine Suchende mit Meißel, Pinsel und Stift, mit Auge, Ohr und Tastsinn. Und dann auch kann sie sich in ihrem Garten ebenso vergessen wie in ihrem Atelier.

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Erstellt:
7. Oktober 2021, 16:00 Uhr

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