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Malerhiebe im Qualitätsgewitter

Götz Adriani präsentiert in der Staatsgalerie Stuttgart die Schau „Baselitz-Richter-Polke-Kiefer. Die jungen Jahre der Alten Meister“

Georg Baselitz, Sigmar Polke, Gerhard Richter und Anselm Kiefer sind Stars der Kunst. Nun sind sie in der Staatsgalerie Kronzeugen der Frage, was Kunst kann: den Blick auf eine Nation verändern. Dabei kommt die Freude an der ­Behauptung nicht zu kurz.

Stuttgart Der Kerl in seiner abgerissenen Militärjacke ist nicht zu beneiden. Eingeklemmt in einen eher lächerlichen Gartenzaun steht er da, inmitten einer sich weit ziehenden Einöde. Ein Vergessener in einer vergessenen Welt. Die linke Hand im Nichts festgezurrt, die Rechte hält gerade so eine Malerpalette und zwei Pinsel davon ab, von den Zaunspitzen zu rutschen. Georg Baselitz malt diesen Verlorenen 1965. Eigentümliche Erdtöne und gezielte Setzungen in Rot bestimmen das Szenario „Verschiedene Zeichen“.

Um ebendiese „Verschiedene Zeichen“ und um die von Georg Baselitz zwischen 1963 und 1969 immer wieder beschworenen Antihelden eigener, stiller Kraft geht es in der Ausstellung „Baselitz-Richter-Polke-Kiefer. Die jungen Jahre der Alten Meister“, die von diesem Freitag an in der Staatsgalerie Stuttgart (im Herbst in den Hamburger Deichtorhallen) zu sehen ist. Um den Antritt der Ende der 1980er Jahre international gefeierten Maler. Um die Frage, wie Baselitz, Richter, Polke und Kiefer in jungen Jahren auf ihre eigene Zeit reagieren. Und um die Frage, wie sie mit ihrer Kunst den Blick auf die deutsche Kunst mit ­verändert haben.

Götz Adriani, Wegbegleiter der vier Maler über Jahrzehnte, hat das Projekt, in dem Ausstellung und das mit umfassenden Interviews aufwartende Begleitbuch untrennbar zusammengehören, erarbeitet. Adriani setzt in der Ausstellungshalle des Stirlingbaus auf „vier kontrastierende Monologe“. Das Ergebnis? Jeder Block eine Welt für sich, das Ganze ein Qualitätsgewitter.

Ein Beben schon zum Auftakt: Georg Baselitz’ „Hommage à Wrubel“ (1963, Sammlung Froehlich), deren wüster Gnom auch durch das „Geschlecht mit Klößen“ und die „Große Nacht im Eimer“ geistert. „Hommage à Wrubel“ ist ein Bild, das die West­abstraktion ebenso hinwegfegt wie den durch Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt“ von 1988 auch offiziell auf das Abstellgleis geschobenen Ost-Realismus. Es ist ein Werk, das dem 25-jährigen Baselitz in seiner Dichte keine andere Möglichkeit lässt, als seine Bildwelt zu öffnen. Die Nachtmahre treten in der Folge bei Tag auf – als Phalanx innerlich und äußerlich zerrissener männlicher Helden.

Ist dies aber auch ein Spiegel des Landes? Ein Reflex auf deutsche und deutsch-deutsche Realitäten? Der Anspruch der Ausstellung provoziert die Frage. Immerhin soll es – 30 Jahre nach dem Mauerfall, 70 Jahre nach Verabschiedung des Grundgesetzes – darum gehen, über die Kunst den 1960er Jahren nachzuspüren. Als Jahren der Neubestimmung zwischen Revolte und ­Restauration.

Eigenwillige Diskussionen begleiten die Schau. Und sie bietet tatsächlich Angriffsflächen genug. Vier Männer sollen für den internationalen Durchbruch der deutschen Kunst stehen? Lediglich Maler dazu? Und das in einer Präsentation, die ganz auf die Kunst selbst vertraut? Unkorrekter geht es kaum.

Und doch stimmt es ja: Erst mit der US-Tournee einer Kiefer-Werkschau 1988/1989, gefolgt von Erfolgen für Richter, Baselitz und Polke, öffnen sich jene Bühnen, auf denen Rosemarie Trockel oder Martin Kippenberger gefeiert werden, auf denen Thomas Ruff oder Andreas Gursky internationale Leitfiguren der Kunst mit Fotografie werden und auf denen nicht zuletzt auch die Ensemblekunst von Anna Oppermann neu entdeckt wird.

Kiefers so wichtiger USA-Triumph ist ­indes vorbereitet. Beginnend mit „A New Spirit in Painting“ 1981 in London rücken Ausstellungsprojekte wie „Zeitgeist“ 1982 in London oder 1985 die in ­London und Berlin nahezu zeitgleich zu erlebenden „German Art in the Twentieth Century“ beziehungsweise „Kunst in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1985“ deutsche Kunst und die Frage nach dem Deutschen in der Kunst in den Blick.

Anselm Kiefer fegt denn auch Ende der 1980er Jahre nicht nur alle Vorbehalte gegenüber deutscher Kunst beiseite, er stoppt zugleich den Höhenflug der Heftigen Malerei. Das Aufrufen deutscher Mythen ­allein aber erklärt Kiefers Erfolg nicht. Umso wichtiger ist der jetzt in der Staatsgalerie mögliche konzentrierte Blick auf die frühen Arbeiten. 1945 in Donaueschingen geboren, agiert Kiefer um 1968 als Künstlerforscher. „Du bist Maler“ notiert er auf einem seiner zahllosen Schreibhefte. Beobachtungen und Thesen durchdringen sich in diesen Heften, die zu Büchern werden und schließlich – in Blei – zu Skulpturen.

Auch die „Heroischen Sinnbilder“ finden sich zunächst in Heften, als Fotos, die den 23-jährigen Kiefer in den Armee-Hosen und der Uniform-Jacke seines Vaters zeigen. Eher hilflos steht er da, den rechten Arm mehr erhoben, denn ausgestreckt. Kiefers „Besetzungen“ sind absurd, aber doch real genug, um sich selbst befragen zu können, sich selbst der unterstellten Wirkung des Hitler-Grußes aussetzen zu können. Nur – da ist nichts außer jener Leere, in der Kiefer die Figur, in der er sich dann auch auf Leinwand auftreten lässt. Kiefer, das wird in der Staatsgalerie deutlich, nimmt reichlich Konzept und Performance mit auf den ­weiteren Weg – und bleibt als Maler auch deshalb spannend.

Im gleichen Jahr, als Anselm Kiefer durch Europa zieht, spielt der vier Jahre jüngere Sigmar Polke virtuos die Kunst-über-Kunst-Karte. Die 1968 weltweit gefeierten Bodeninstallationen aus dünnen Stahlquadraten des US-Amerikaners Carl Andre kommentiert er mit „Carl Andre in Delft“ in Kacheloptik, eine bestechende Summierung der Frage, was Kunst ist, bietet er im Szenario „Moderne Kunst“. Polkes Ironie kommt locker-leicht daher – gräbt unter dem Vorhang des Kunst-Konkreten nach der Strandidylle als doch wahrem Ideal der ­eigenen Zeit („Urlaubsbild“, 1966).

Was kann Malerei, wenn doch vor allem das Foto über die wahrgenommene Realität entscheidet? Gerhard Richter, 1932 geboren, macht das Foto selbst zum Bild – und schafft so eine Distanz, in der es keinen Text braucht, um aus einem „Phantom Abfang­jäger“ (1964) das Sinnbild verheerender Wiederaufrüstungs-Eskalation zu sehen.

Die Begeisterung für Georg Baselitz, ­Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer in den 1980er Jahren öffnete der deutschen Kunst viele internationale Türen. Die Schau „Baselitz-Richter-Polke-Kiefer“ belegt, welch hochqualitative Intensität die „jungen Jahre“ des Quartetts prägt.

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Erstellt:
12. April 2019, 03:12 Uhr

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