Neu im Kino: „Michael“
Michael Jacksons Weg zum Superstar
Der Musikfilm „Michael“ bietet wenig Neues über das Leben von Popikone Michael Jackson. Für Fans liefert das Werk mit dem fabelhaften Jaafar Jackson viel Stoff, um zu schwelgen.
© IMAGO/Landmark Media
Michael Jackson auf einem der Höhepunkte seiner Karriere, im Musikfilm „Michael“ gespielt von Jafaar Jackson.
Von Martin Schwickert
Während die Band bereits das Intro zu „Wanna Be Startin’ Somethin“ anstimmt, hüpft sich Michael Jackson in den Gängen des Wembley Stadions warm für seinen Auftritt und geht mit beschwingtem Schritt hinaus auf die Bühne, wo ihm 72 000 Fans entgegenfiebern. Die „Bad“-Tour, mit der Jackson 1988 allein das Londoner Stadion für sieben Konzerte füllte, markiert seinen endgültigen Durchbruch als Solo-Künstler und seine Ablösung von der Familienband „Jackson 5“.
In Antoine Fuquas „Michael“ bildet der Auftritt in London den klassischen Ausgangspunkt für die Rahmenhandlung, in die der frühe Werdegang des Popstars eingebettet wird. Aber eigentlich, so weiß das Branchenmagazin „Variety“ zu berichten, sollte der Film ganz anders beginnen. Mit Polizeisirenen und Blaulichtern auf der Neverland Ranch, wo die anrückenden Beamten 1993 nach Beweisen für die Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen Michael Jackson suchten. Aber mit einem aufwendigen, 10 Millionen Dollar teuren Nach-Dreh musste ein anderer Anfang gefunden und der letzte Akt zum Teil neu in Szene gesetzt werden.
Eine Vertragsklausel ist verantwortlich für den neuen Einstieg in den Film
Die Jackson-Erbengemeinschaft, die den Film von Anfang an als Produzent unterstützte, hatte eine Vertragsklausel im außergerichtlichen Vergleich übersehen, die dem damaligen Hauptankläger zusicherte, dass seine Person in keinem Film auftauchen werde. Statt im dunkelsten Kapitel im Leben des Popstars, beginnt der Film nun auf dem Höhepunkt seiner Karriere, um von dort zurück in die Kindheit zu spulen.
Mit dem gewählten Zeitausschnitt von 1966 bis 1988 werden die Problemzonen in Jacksons Biografie – von den (nicht bewiesenen) Missbrauchsvorwürfen, den zahllosen Schönheits-OPs über die Medikamentensucht bis hin zu den mysteriösen Todesumständen – weitgehend ausgeblendet. Aber kann man ein Michael-Jackson-Biopic anschauen, das die dunkleren Seiten seines Lebens kaum thematisiert?
Die Frage nach der Trennung von Werk und Musiker hat Jacksons breite Fanbasis, die bis heute generationsübergreifend dem King of Pop huldigt, längst für sich beantwortet. Ohnehin sollte man Fuquas „Michael“ weniger als Biopic, denn als Musikfilm sehen. Und als solcher funktioniert er verdammt gut. Schließlich fungiert hier Graham King als Produzent, der schon den „Queen“-Film „Bohemian Rhapsody“ (2018) fulminant orchestriert hat. Als Gerüst dienen hier auch weniger die biografischen als die musikalischen Eckdaten.
Mit gerade einmal acht Jahren steht Michael Jackson (Juliano Valdi) schon als Frontboy der „Jackson 5“ mit seinen älteren Brüdern auf der Bühne und verzückt das Publikum mit seiner Stimme und agilen Tanzeinlagen. Vater Joseph (Colman Domingo) lässt die Söhne im Schlafanzug zur Probe antreten, um an den Arrangements zu feilen. Gerade Michael wird immer wieder mit dem Gürtel verprügelt, wenn seine gesanglichen Leistungen nicht den väterlichen Vorstellungen entsprechen.
Als Mowtown das Quintett unter Vertrag nimmt, muss Michael seinen Part alleine im Studio einsingen und soll dabei die Füße still halten. Ein Ding der Unmöglichkeit für den Kleinen, dessen Körper vollständig von der Musik durchdrungen ist. Der junge Juliano Valdi ist hinreißend in der Rolle. Vom ersten Song an hat er das Publikum auf seiner Seite. Der ältere Michael wird dann von dessen Neffen Jaafar Jackson gespielt, der die weitaus schwierigere Aufgabe hat, sich zwischen Aberhunderten von Jackson-Imitatoren seinen Platz zu erobern.
Im Fokus: Hits wie „Beat It“ und „Thriller“ aber auch der gewalttätige Vater
Von der hellen Sprechstimme, über die gesangliche Brillanz bis zu den zahlreichen Tanzchoreografien gelingt ihm das perfekt. Von „Beat It“, „Billy Jean“, „Human Nature“ bis hin zu den Dreharbeiten des legendären „Thriller“-Videos reicht das Hit-Spektrum, das mit einen ekstatischen, finalen Konzert-Performance von „Bad“ abgerundet wird.
Die insgesamt 13 Songeinlagen bilden das mentale Gerüst des Films, der die Rhythmik der Musik mit hochbeweglicher Kamera und dynamischen Schnitt ins Filmische übersetzt. Zwischen den musikalischen Teilen streift „Michael“ eher punktuell durch die Biografie des Titelhelden. Ausführlich widmen sich Fuqua und sein Drehbuchautor John Logan („Skyfall“) der Beziehung zum gewalttätigen Vater und Manager, der seine Söhne zu Höchstleistungen anstachelt, finanziell ausbeutet und am Ende als Patriarch demontiert wird. Colman Domingo gibt diesen Joseph als veritablen Bösewicht und es ist beachtlich, wie kompromisslos der (von der Jackson-Familie koproduzierte) Film mit dieser Vaterfigur abrechnet.
Auch als erwachsener, erfolgreicher Musiker fällt es Michael Jackson schwer sich aus dem autoritären Schatten zu lösen. Die Verhandlungen mit dem Alten für sein erstes Soloalbum überlässt er den CEOs der Plattenfirma. Jafaar Jackson spielt Michael Jackson als zarte, nur langsam zu Selbstbewusstsein heranreifende Persönlichkeit. Aufgrund seiner Popularität hatte er schon als Kind keine Freunde und entwickelt eine illustre Tierliebe. Eine Schlange, ein Schimpanse, ein Lama und eine Giraffe gehören zum Streichelzoo im Garten.
Die herannahenden Krisen von der ersten Nasen-OP bis hin zu den verhängnisvollen Kopfhautverbrennungen bei einem Drehunfall, deren medikamentöse Behandlung ihn in die Drogenabhängigkeit führen wird, werden nur vage angedeutet.
Immerhin lässt der Film am Ende die Tür für eine Fortsetzung offen. Es ist jedoch sehr fraglich, ob die Filmproduzenten, die Jackson-Familie und die Fans bereit dafür sind, sich der komplexeren und umstritteneren, zweiten Lebenshälfte des King of Pop in einem Sequel zu stellen.
Michael. USA 2026. Regie: Antoine Fuqua. Mit Jafaar Jackson, Juliano Valdi, Colman Domingo. 127 Minuten. Ab 6 Jahren.
