Neu im Kino: Marty Supreme

Mit Chuzpe, Charme und Gumminoppen

Josh Safdie liefert mit „Marty Supreme“ wahrhaftiges Kino über einen kleinen Mann mit großen Träumen. Oscar-verdächtig – nicht nur wegen Hauptdarsteller Timothée Chalamet.

Marty Mauser (Timothée Chalamet) hat mehr sein eigenes Vorankommen im Blick als das Wohl seiner Mitmenschen.

© dpa/Tobis Film

Marty Mauser (Timothée Chalamet) hat mehr sein eigenes Vorankommen im Blick als das Wohl seiner Mitmenschen.

Von Kathrin Horster

Für die einen ist es bloß Pingpong. Für Marty Mauser ist es das Spiel seines Lebens, die Chance, das eigene grinsende Konterfei irgendwann auf einer Cornflakes-Packung verewigt zu sehen. In den frühen 1950ern ist Marty Mauser (Timothée Chalamet) ein Niemand, ein Schuhverkäufer im Laden seines Onkels Murray, allerdings mit herausragendem Gespür für die Bedürfnisse der Kundschaft. Onkel Murray krönt Marty deshalb sogar anstelle seines Sohnes Ira (Emory Cohen) zum Filialleiter. Doch Marty pfeift auf die Ehre und zieht lieber mit seinem Freund Wally (Tyler Okonma) durch die Spielhallen von Downtown Manhattan, wo er bei Tischtennis-Wettkämpfen minderbegabte Kontrahenten um den Inhalt ihrer Lohntüten erleichtert.

Chalamet glänzt als „charmantes Arschloch“

Zwischendurch schwängert er die verheiratete Rachel Mizler (Odessa A’Zion) im Schuhlager. Marty Mauser, der titelgebende Antiheld in Josh Safdies Meisterwerk „Marty Supreme“, ist also das, was manche als „charmantes Arschloch“ bezeichnen würden. Auch in der Literatur sind solche Typen beliebt, wie etwa Thomas Manns Hochstapler Felix Krull. Safdies Marty ist zwar kein Blender, der über seine Fähigkeiten lügt, aber jemand, der leidenschaftlich das eigene Fortkommen betreibt, ohne Regeln des Anstands oder die entnervten Kommentare seiner Mutter (Fran Drescher) zu beachten.

Der New Yorker Safdie lehnt seine Fiktion lose an die Biografie des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reismann an, interessiert sich aber hauptsächlich für die Lebensumstände der jüdischen und afroamerikanischen Working Poor im Hexenkessel von Downtown Manhattan und nur am Rande für den Sport. Sowohl für Marty als auch dessen Freund Wally ist Pingpong ein Fluchtvehikel aus der Armut in die weite Welt. Josh Safdie legt seine Erzählung als turbulentes, manchmal wild übertreibendes Schelmenstück an, als moderne Odyssee eines kleinen Mannes mit großen Träumen, der sich mit spitzen Ellbogen aus den Spelunken seines heimischen Kiezes bis zur Weltmeisterschaft in Japan drängelt, um vor den Augen der Weltöffentlichkeit sein Talent zu präsentieren.

Der Film sprudelt über vor schrägen Typen und bizarren Ereignissen

Auf seinem Weg begegnet Marty der alternden Theaterdiva Kay Stone (Gwyneth Paltrow) und deren stinkreichem Gatten Milton Rockwell (Kevin O’ Leary), aber auch dem vermeintlich harmlosen Hundebesitzer Ezra Mishkin (Abel Ferrara), dessen von Marty schlecht gehütetes Tier eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen wird.

Das Drehbuch von Safdie und dessen Co-Autor Ronald Bronstein sprudelt über vor sozialen Details, schrägen Typen und bizarren Ereignissen; mal bricht Marty mit einer Badewanne durch die morsche Zimmerdecke in einer New Yorker Absteige, mal rammt er mit dem Auto das Haus eines bewaffneten Kidnappers. Martys Furor resultiert aus dem unbedingten Willen, die Schmach eines verlorenen Tischtennis-Matches gegen den mutmaßlich tricksenden Japaner Koto Endo (Koto Kawaguchi) zu tilgen und den Beweis zu liefern, dass er, Marty Mauser, nur mit perfekter Technik und einfachem Noppengummi-Schläger bewaffnet, wirklich jeden Gegner in die Knie zwingen kann.

Marty versteht sich selbst also nicht als Gauner, sondern als Verteidiger einer eigenen hehren Agenda. Diese Psychologie ist bedeutsam für den Film, weil sie Marty blind macht für den Schlamassel, den er anderen durch seinen egozentrischen Tunnelblick verursacht. Safdie geht es auch um Martys Entwicklung vom dreisten Schelm zum Mann mit Verantwortungsgefühl und auch um die sozialen Ungleichheiten in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg, wo ein Industrieller wie Milton Rockwell die Not armer Schlucker wie Marty ausnutzt, um sich zu amüsieren. Während Rockwell Marty erniedrigt, legt Marty dessen Gattin flach, um ihr anschließend das Diamantcollier vom Nacken zu fummeln. Was sich beim Pfandleiher wiederum als billige Kopie erweisen wird.

New York als Sehnsuchtsort der Zocker, Tellerwäscher und Schuhverkäufer

Wie Safdie anhand solcher Episoden das Lebensgefühl im Land der unbegrenzten Möglichkeiten abbildet und den egoistischen Geist der hierarchischen Gesellschaft der 1950er Jahre ohne Bitterkeit offenlegt, ist grandios. In den Dialogen und Charakterzeichnungen besitzt der Film die Qualitäten eines großen Romans und das Zeug zum Klassiker, weil er New York als historischen Sehnsuchtsort der Zocker, Tellerwäscher und Schuhverkäufer wieder auferstehen lässt, lange, bevor der übergeschnappte Technofaschismus heutiger Oligarchen den nostalgischen Nimbus der USA ruinierten.

Für Marty geht es letztendlich weniger um Sieg, Niederlage und den großen Erfolg. Das echte Glück liegt eben doch jenseits der Pingpong-Platte.

Marty Supreme. USA 2025. Regie: Josh Safdie. Mit Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Abel Ferrara. 150 Minuten. Ab 12 Jahren.

Waschechte New Yorker

MacherJosh Safdie, geboren 1984 in New York City, ist der Ältere der Safdie Brothers, die u.a. mit dem Triller „Schwarzer Diamant“ (2019) Furore machten. Safdie stammt aus einem jüdischen Elternhaus und porträtiert auch in „Marty Supreme“ die jüdische Gemeinschaft in Downtown Manhattan.

Cast Neben Timothée Chalamet glänzen Fran Drescher („Die Nanny“) und der Independent-Filmemacher Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) in Nebenrollen – beide wie Chalamet waschechte New Yorker.

Spielhölle Der für Martys Aufstieg bedeutsame Lawcrence’s Broadway Table Tennis Club diente auch dem historischen Vorbild als Einnahmequelle: Marty Reismann spielte gegen Amateure, wettete dabei immer auf den eigenen Sieg.

Oscar Auch bei den diesjährigen Oscars könnte „Marty Supreme“ ein Gewinner sein; Safdies Werk gilt als Favorit.

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Erstellt:
24. Februar 2026, 16:22 Uhr

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