„Mit der Schreibarbeit lasse ich mir Zeit“

Das Interview: Der junge Backnanger Autor Kai Wieland spricht über die Auswirkungen der Coronazeit auf seine schriftstellerische Arbeit und über den Buchmarkt.

Corona hat Kai Wielands Roman „Zeit der Wildschweine“ eine unerwartete Aktualität verliehen. Darin geht es auch um Lost Places und Vereinsamung. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Corona hat Kai Wielands Roman „Zeit der Wildschweine“ eine unerwartete Aktualität verliehen. Darin geht es auch um Lost Places und Vereinsamung. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

Zwei Romane haben Sie schon veröffentlicht, „Amerika“ und „Zeit der Wildschweine“. Wann kommt der dritte?

Aktuell nehme ich mir eine Auszeit vom Schreiben. Die Arbeit am zweiten Buch parallel zu meinem „Brotberuf“ war sehr beanspruchend, und die Coronazeit direkt im Anschluss hat nicht unbedingt zur erneuten Inspiration beigetragen. Ich notiere zwar immer wieder Gedanken und Ideen, aber mit der eigentlichen Schreibarbeit werde ich mir Zeit lassen, bis die Lust wieder voll da ist.

Im ersten Coronajahr 2020 erhielten Sie ein Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin. Wie sah dies konkret aus?

Der Plan sah eigentlich so aus, dass ich zwei Monate im Literarischen Colloquium am Wannsee wohnen, dort in Ruhe an einem neuen Projekt arbeiten und nebenbei mit anderen Künstlern ins Gespräch kommen würde. Corona machte mir allerdings einen Strich durch die Rechnung, was den Aufenthalt betrifft. Den Förderbetrag habe ich aber erhalten. Die beiden arbeitsfreien Monate verbrachte ich dann stattdessen hier in Backnang.

Im Jahr zuvor hatten Sie ja schon einmal an einem Literarischen Colloquium in Berlin teilgenommen...

Bei meinem ersten Aufenthalt dort handelte es sich lediglich um einen Nachmittag im Rahmen des Wettbewerbs um den Alfred-Döblin-Preis, in dessen Finale ich stand. Bei diesem Anlass kam der Kontakt mit den für das Förderprogramm im Literarischen Colloquium Berlin zuständigen Personen zustande.

Sie haben Ihr zweites Buch „Zeit der Wildschweine“ mitten in der Pandemie veröffentlicht. Hatten Sie überhaupt eine Gelegenheit, es bei Lesungen vorzustellen?

Verglichen mit meinem Debütroman „Amerika“ konnte ich nur sehr wenige Lesungen machen. Die meisten Veranstaltungen wurden pandemiebedingt abgesagt und können, da der Buchmarkt sich ständig weiterdreht, größtenteils auch nicht nachgeholt werden.

Sind Sie digitale Wege gegangen?

Es gab einige digitale Formate, die waren aber eher eine Art Trostpflaster und verloren dann auch recht schnell ihren Reiz. Die persönliche Begegnung vor Ort kann man damit eben nicht ersetzen.

Ihr Verlag schreibt über „Zeit der Wildschweine“ unter anderem: „Was bleibt, wenn das Streben nach Individualität alles beherrscht? Ein dringlicher Roman über Halt und Entwurzelung in der globalisierten Welt.“ Mir scheint das ein Thema zu sein, das durch Corona noch eine weitere Dimension bekommen hat. Das alles beherrschende Streben nach Individualität etwa könnte in Pandemiezeiten ja sogar richtig gefährlich werden. Bleiben Sie als Autor an diesem Thema dran?

Stimmt, Corona hat dem Roman in mancherlei Hinsicht eine unerwartete Aktualität verliehen. Ein Teil der Handlung spielt ja auch an sogenannten Lost Places, was schon ein wenig absurd war in einer Zeit, in der sich gewissermaßen die halbe Welt in einen Lost Place verwandelt hatte. Das Motiv der Selbstverwirklichung, die zwanghafte Jagd nach der Individualität bis an den Rand der Vereinsamung ist aber auf jeden Fall etwas, das mich – ganz unabhängig von Corona – auch in Zukunft beschäftigen wird.

Die Buchhandlungen erlebten seit März 2020 eine spezielle Berg-und-Tal-Fahrt. Einmal hatten sie einen Sonderstatus als Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs, ein anderes Mal wieder nicht. Was sagen Sie als Autor und Beschäftigter in einem Verlag dazu?

Die Schließungen waren für die Buchhandlungen, aber auch für viele Verlage und überhaupt alle, die an der Wertschöpfungskette beteiligt sind, zumeist fatal. Zwar sind Bücher Güter, die auch über den Online-Handel gut verkauft werden können, aber es wird dort anders eingekauft als im Laden und zudem leider eher bei Amazon als im Webshop der Buchhandlung nebenan. Insbesondere unbekanntere Autorinnen und Autoren und Kleinverlage fielen dabei oft durch das Aufmerksamkeitsraster. Ich hätte mir insofern natürlich geöffnete Buchhandlungen gewünscht, aber letztlich ist der Sonderstatus schwierig zu argumentieren.

Haben Sie die schwierigeren Vermarktungsmöglichkeiten am Verkauf Ihres zweiten Romans gespürt?

Absolut. Es ist zwar schwierig zu sagen, wie sich die Verkaufszahlen unter normalen Umständen entwickelt hätten, aber zweifellos hätten ein paar zusätzliche Lesungen dem Roman gutgetan.

Waren Sie in irgendeiner Weise bei der Leipziger Buchmesse 2021 Ende Mai mit dabei?

Nein, tatsächlich überhaupt nicht. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst, die ja auch schon fast nur virtuell stattgefunden hat, war ich noch für eine meiner wenigen Lesungen vor Ort, aber da ich im Frühjahrsprogramm keinen eigenen Titel habe, ist die Leipziger Messe eher an mir vorbeigegangen.

Kennen Sie die Autorin Iris Hanika, die den Belletristikpreis der Leipziger Buchmesse für „Echos Kammern“ erhalten hat? Hätten Sie einen anderen Favoriten, eine andere Favoritin gehabt oder konzentrieren Sie sich eher auf andere Dinge?

Ich kenne die Autorin nicht persönlich und habe auch den Roman noch nicht gelesen, insofern habe ich mir dazu keine Meinung gebildet. Aktuell nutze ich die Zeit eher, um einige verpasste oder ältere Titel nachzuholen, darunter auch „Faserland“ von Christian Kracht, der mit seinem neuen Roman „Eurotrash“ ja ebenfalls für den Preis nominiert war. Sie arbeiten in einem Verlagsbüro in Stuttgart. Wie hat sich da die Krise auf Ihren Bereich, die Reise- und Wanderliteratur, ausgewirkt?

Zwiespältig. Während die Reiseführer, von innerdeutschen Destinationen abgesehen, noch immer massiv unter der Pandemie leiden – die Produktion steht nach wie vor weitgehend still –, haben die regionalen Wanderführer ein Stück weit von der Krise profitiert. Es ist wie überall, man findet Gewinner und Verlierer.

Zwei Romane veröffentlicht

Kai Wieland wurde im Jahr 1989 in Backnang geboren. Er wuchs in Allmersbach im Tal auf und ging am Bildungszentrum Weissacher Tal zur Schule. Danach absolvierte er eine Ausbildung zum Medienkaufmann, anschließend studierte er Buchwissenschaft an der LMU München. Seit 2016 arbeitet er hauptberuflich im Verlagsbüro Wais&Partner in Stuttgart.

Im Jahr 2017 kam Wieland ins Finale des erstmals ausgerichteten Blogbuster-Literaturwettbewerbs in Hamburg. 2018 wurde sein Debütroman „Amerika“ veröffentlicht, für den er mit dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet wurde. 2019 war Wieland mit seinem Romanmanuskript „Zeit der Wildschweine“ für den Alfred-Döblin-Preis nominiert. Der Roman erschien 2020.

Zum Artikel

Erstellt:
4. Juni 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!
Der Eindruck, es geht viel ruhiger zu als in früheren Jahren, hängt auch mit den streng eingehaltenen Abstandsregeln zusammen. Trotzdem waren die Besucher glücklich über das lang vermisste Angebot.
Top

Kultur im Kreis

Schwungvoller Auftakt für den Kultursommer

Die Musical-Gala „On Broadway“ läutet das sechswöchige Festival auf dem Backnanger Marktplatz und weiteren Standorten ein. Die Solisten und die Band um Rainer Roos verwöhnen das dankbare Publikum mit Musicalmelodien von Andrew Lloyd Webber bis Elton John und sorgen für einen rundum gelungenen Start des Festivals.

Kultur im Kreis

Von Tratschtanten und Oberlehrern

Mit seiner neuen Inszenierung zieht das Stationentheater Rietenau in die „Sommerfrische“. Die Bandbreite des Programms ist riesengroß, es reicht von klassischer und populärer Musik über Dietrich Bonhoeffers Gedichte bis zum Baustellen-Pandemie-ABC.