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„Qualität zu senken, ist keine Lösung“

Verliert die Oper in Stuttgart ihr Publikum? Ein Gespräch mit den Intendanten Viktor Schoner und Marc-Oliver Hendriks

Auslastung - Die Premieren sind voll, aber im Repertoire bleibt das Haus oft halb leer: Wie geht die Intendanz der Staatsoper damit um? Wie plant sie Programm, Präsentation, Vermittlung: Fragen an die zwei verantwortlichen Chefs.

Stuttgart

Frage: Herr Hendriks, Herr Schoner, gibt es in der Oper zu viele freie Plätze?

Antwort: Hendriks Wir haben gerade eine historische Sondersituation, einen Intendantenwechsel in allen drei Sparten. Da verschiebt sich einiges – vor allem, wenn man, wie es meine Aufgabe ist, auf die Gesamtentwicklung des Hauses schaut. Wir haben Interesse an einer hohen Gesamtbesucherzahl, und wenn sich das auf alle Sparten gleichmäßig verteilt, dann bin ich als kaufmännisch Verantwortlicher für die Staatstheater glücklich.

Frage: Das ist die wirtschaftliche Perspektive. Und die künstlerische?

Antwort: Hendriks Das greift beides ineinander. Die Premieren werden in allen Sparten exzellent angenommen. Unser Publikum ist extrem neugierig. Man kann hier etwas wagen und ein großes Spektrum anbieten. Wir haben allerdings beobachtet, dass bei manchen Wiederaufnahmen älterer oder schon oft gespielter Werke die Nachfrage anfangs sehr zögerlich war. Eine gültige Bilanz können wir aber erst am Ende der Spielzeit ziehen.

Frage: Das Stuttgarter Ballett ist fast immer ausverkauft. Was macht man dort besser?

Antwort: Hendriks Das Ballett hatte hier über Dekaden immer 94 oder 95 Prozent Auslastung. Das ist vor allem der Marke John Cranko geschuldet.

Antwort: Schoner Die Sanierungsdebatte tut der Oper auch nicht gut. Ich kann nur immer wieder betonen, dass wir noch bis mindestens 2024 an Ort und Stelle bleiben.

Frage: Ist für Sie auch die Publikumsstruktur ein Thema? Also das Alter der Besucher?

Antwort: Schoner Im Parkett sehen Sie vielleicht eher die älteren Besucher, die sich die teureren Karten leisten können, aber im dritten Rang, wo die meisten Karten zwischen 8 und 40 Euro kosten, sitzen jeden Abend viele junge Menschen. DieJunge Oper im Nordist ein Riesenerfolg, die „Drei Orangen“ im Großen Haus laufen hervorragend. Im Übrigen finde ich es großartig, dass viele ältere Menschen in die Oper kommen.

Frage: Wie macht man einen Spielplan so attraktiv, dass möglichst viele Leute kommen?

Antwort: Schoner Stuttgart war schon immer ein Repertoirehaus, und das finde ich super, weil das Repertoire hier einzigartig ist. Jetzt freue ich mich zum Beispiel sehr, dass wir unsere nächste Saison mit der „Traviata“ von Ruth Berghaus eröffnen werden, einem Kultobjekt. Übrigens ist das Repertoire hier nur so gut, weil irgendwann mal die Premieren der Produktionen herausragend wurden, und das versuchen wir mit den unseren ebenfalls.

Frage: Ich habe den Eindruck, dass Sie bei der Besetzung des Repertoires in der nächsten Saison sehr viel Wert auf Qualität, auch auf bekannte Namen, legen. Stimmt das?

Antwort: Schoner Ich finde es wichtig, die qualitativ hochwertigen Stuttgarter Operninszenierungen auch im Repertoire sängerisch richtig gut zu besetzen. Und viele Sänger kommen besonders gerne nach Stuttgart: Sie können hier im Repertoirebetrieb unter besten Bedingungen ihre Partien neu lernen und damit dann in die Welt gehen. So wird es Daniel Behle mit dem Lohengrin machen. Manchmal fragen mich Besucher: Warum singt Jonas Kaufmann hier nicht?

Antwort: Hendriks Weil er hier schon gesungen hat (lacht) . . .

Antwort: Schoner (lacht auch) Nein, ernsthaft, ich antworte dann: Vor zwanzig Jahren hat Herr Kaufmann hier gesungen. Jetzt singt hier Herr Behle, und in zwanzig Jahren bringt er die Partie dann in die Welt. Okay, vielleicht auch früher. Im Übrigen mag Daniel Behle zwar noch nicht allen im Publikum ein Begriff sein, in Fachkreisen aber ist er schon jetzt eine ganz große Nummer. Die Identität und die Qualität dieses Hauses besteht auch darin, eine Sensibilität zu entwickeln für die Jonas Kaufmänner der Zukunft.

Frage: Sind solche unter den 34 Mitgliedern des Sängerensembles in der nächsten Saison?

Antwort: Schoner Das wird sich weisen. Es ist eine Kunst, Leute wieAtalla Ayanzu finden, deren Seele hier bleiben, obwohl sie Karriere an der Met machen. Um hier Qualität zu entwickeln, braucht es viel Zeit.

Frage: Und um Publikum zu gewinnen, braucht es große Namen?

Antwort: Schoner Nein, gute Sänger. Simone Schneider hat vielleicht nicht die Medienpräsenz von anderen Kolleginnen ihrer Klasse. Aber sie ist eine der Besten ihres Fachs. Solche Sängerinnen und Sänger hat Stuttgart immer gehabt.

Frage: Welches Publikum wollen Sie haben: Menschen aus Stadt und Region ?

Antwort: Schoner Ja. Deswegen bin ich ja auch ganz bei mir. Wir arbeiten mit vielen Kooperationspartnern aus der Stadt und der Region zusammen, und ich glaube, man muss vor allem auch unkonventionell denken und neue Formate erfinden. Im Jahr 2020 ist eine „Aida“ nicht mehr automatisch voll. Wie mache ich also das „Alte“ attraktiv? Die Qualität oder den Anspruch zu senken, ist nicht die Lösung. Vielmehr muss man das, was man tut, gut ausbalancieren, so wie es zum Beispiel Elena Tzavara in der Jungen Oper tut: In Beeten draußen vor dem Join pflanzt sie mit Kindern Tulpen, drinnen spielt sie „Antigone-Tribunal“. Das finde ich klasse.

Frage: Hat das Opernhaus zu viele Schließtage?

Antwort: Hendriks Diese Frage stellen wir uns so nicht. Bei unserer Planung geht es um Proben, Disposition, Verfügbarkeit, auch um die Frage der Synchronisierung mit dem Ballettspielplan. Das Ballett spielt etwa an 60, die Oper etwa an 170 Abenden, aber das ist nicht exakt fixierbar, da die Anzahl der Bühnenbildwechsel ja auch eine Rolle spielt. Schließtage sind eher das Ergebnis unserer Planungen. Wichtiger sind Besucherzahlen oder der Anteil der Eigenfinanzierung, daran werden wir gemessen. Auch über Ticketpreise diskutieren wir: Wollen wir aufwändige Produktionen preislich höher ansetzen als weniger aufwändige? Sollen Karten für die Wochenendvorstellungen teurer sein? Es ist ein komplexes Geschäft. Aber die günstigste Karte im regulären Verkauf, einschließlich VVS-Nutzung, kostet 8 Euro, und das wird sich so bald nicht ändern.

Frage: Warum ersetzen Sie in der nächsten Spielzeit ausgerechnet den lustigen und noch gut funktionierenden „Figaro“ von Nigel Lowery, und warum haben Sie unter Vivaldis vielen Opern und Oratorien ausgerechnet „Juditha triumphans“ ausgewählt, also diejenige, die 2009 im Schauspielhaus gegeben wurde?

Antwort: Schoner Wenn man ein Ensembletheater pflegt, dann muss man Mozart-Opern programmieren. „Così fan tutte“ ist relativ neu, der „Don Giovanni“ läuft sehr gut, deshalb haben wir uns für den „Figaro“ entschieden, der hier am Haus ja auch eine große Tradition hat. Und die Lowery-Produktion war nun auch schon 18 Jahre alt.

Frage: Hätten Sie geglaubt, dass „Die Liebe zu den drei Orangen“ ein Zuschauer-Hit wird?

Antwort: Hendriks Nein. Aber hier bestätigt sich die Lust des Stuttgarter Publikums, sich auch auf weniger Bekanntes einzulassen. Der von Axel Ranisch geschaffene Rezeptionsrahmen hat gerade bei jüngeren Menschen einen guten Zugang zur Kunstform Oper ermöglicht – und das bei einem Stück, das mir bei der Suche einer Familienoper nie als erstes eingefallen wäre.

Antwort: Schoner Auch der Erfolg von „Blaubart“ im Paketpostamt war so nicht vorhersehbar.

Frage: Doch. Er gründete in der Attraktivität des Paketpostamts als unbekannter Spielstätte.

Antwort: Schoner Das hätte schiefgehen können.

Frage: Nein, denn attraktiv wurde es auch durch die begrenzte Zahl von Vorstellungen.

Antwort: Hendriks Wir sind aber nicht da, um wenig zu spielen, sondern um Reichweitenrezeption zu erfahren. Auch wenn der Ort natürlich ein Trigger war.

Frage: Gibt es etwas Neues in SachenInterimsspielstätte bei den Wagenhallen?

Antwort: Hendriks Es gibt einen Fahrplan, der aktuell bis zur übernächsten Verwaltungsratssitzung im Juli läuft. Dann will man sich mit den Fragen rund um die Wagenhallen intensiv auseinandersetzen. Die bisherigen Prüfungsschritte legen nicht nahe, dass dieser Standort unmöglich wäre. Im Juli wird es aber nicht nur um die technische und betriebliche Umsetzbarkeit gehen, sondern auch etwa um die banale Frage, ob das Areal überhaupt verfügbar ist. Das ist eine rein politische Frage, da haben wir uns ganz zurückgezogen und signalisiert, dass wir keine Kollision unterschiedlicher kultureller Interessen und Anbieter innerhalb der Stadt wollen. Das ist nicht unser Spiel.

Frage: Attraktiv wäre der Standort aber schon . . .

Antwort: Hendriks Wir haben ja auch nicht laut Nein geschrien, als der Gedanke aufkam. Aber wir sind vorsichtig geworden mit unserer Begeisterung.

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Erstellt:
15. April 2019, 03:14 Uhr

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