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Radikale Umbrüche treffen auf Dorfidyll

Theater Rietenau führt das Publikum an den verschiedenen Spielstationen in die Zeit der 70er-Jahre zurück

Das Theater Rietenau spielt am Wochenende sein neues Stück „Blaues Wunder – Chronik eines Falls“. Dabei handelt es sich um eine Geschichte mit tragikomischen Zügen; sie wird an mehreren Stationen präsentiert. Den historischen Hintergrund bilden die 70er-Jahre, die mit ihren radikalen Umbrüchen im Kontrast zum Dorfidyll stehen.

Präsentieren mit ihrem neuen Stück eine hintersinnige Zeitreise in die 70er-Jahre: Akteure des Theaters Rietenau. Fotos: T. Sellmaier

Präsentieren mit ihrem neuen Stück eine hintersinnige Zeitreise in die 70er-Jahre: Akteure des Theaters Rietenau. Fotos: T. Sellmaier

Von Heidrun Gehrke

ASPACH. Erst sieht alles nach einem schrecklichen Unfall aus: Die Frau vom Busfahrer ist tot. Treppensturz. Schnell mehren sich die Zweifel: Hatte der Lebemensch Siggi seine Finger mit im Spiel? Diesen Fall löst das Theater Rietenau im neuen Stationentheater-Stück „Blaues Wunder – Chronik eines Falls“ aus der Feder von Lea Butsch. Premiere ist am Freitag, 2. August.

Die Rietenauer lieben ihren Busunternehmer Siggi – dies ist die erste Anleihe an die 70er-Jahre im neuen Stück des Theaters Rietenau. Die Amateurtheatergruppe nimmt das Publikum wieder mit auf eine hintersinnige und lustige Zeitreise, dieses Mal ins Jahr 1972. Eine Südsehnsucht beflügelt die Fantasie der Menschen, eine Busfahrt nach Italien ist das Höchste der Gefühle und der Busfahrer ein angeschmachteter Held. In diese Stimmung werden die Zuschauer an sieben verschiedenen Stationen eintauchen. An einer werden sie regelrecht abtauchen, in eine „Black Box“, in der sie eine simulierte Busfahrt an den Gardasee samt Mendocino-Singen unternehmen. Die Idee, einen historischen Bus zu besteigen, schied aus Platzgründen aus, dafür geht es mit effektvoller Videotechnik simuliert südwärts.

Die Leute zerreißen sich über Siggi das Maul

Mit von der Partie sind einige Kegeldamen, die im Bus „vorglühen“ und sich einig sind: Den Siggi würden sie nicht von der Bettkante stoßen. Ein Pfundskerl eben. Die Stimmung kippt, als ein Todesfall ins Spiel kommt. Siggis Frau ist die Treppe heruntergestürzt. Ein Unfall. Oder Mord? Immerhin hat Siggi eine Lebensversicherung auf ihren Namen abgeschlossen. Von einem erklecklichen Sümmchen ist die Rede. Im Örtchen stecken die Leute die Köpfe zusammen. Ein „Gspusi“ soll er auch gehabt haben. Einzig seine Sekretärin, mit der er kein Liebesverhältnis hatte, und Totengräber Jakob schicken sich an, Siggis Unschuld zu beweisen. Dies vor einer teils heiteren, teils nachdenklichen 70er-Jahre-Kulisse, in der der Kommissar in einem hellblauen Original-Variant anrollt.

Die Amateurtheatergruppe erzählt Ortshistorie wieder, basierend auf einer fiktiven Geschichte, die sie mit realen und gründlich recherchierten Zeitbezügen ausstaffiert. Es war das Jahr der Gemeindereform, „als Rietenau verschwunden ist als eigenständiger Ort“, so Lea Butsch. Um zu realisieren, in welcher Zeit sich das Publikum befindet, fließen die „große“ Weltpolitik und die Gemeindereform mit lokalen Umbrüchen ein. Ostpolitik, RAF oder sexuelle Freizügigkeit wenige Jahre nach Markteinführung der Antibabypille kommen ins Spiel, ebenso die Angst der Rietenauer um ihre Autonomie.

Es war die Zeit des beginnenden Bauernsterbens. Rolf Butsch hat recherchiert: 1972 gab es 25 Bauern in Rietenau, heuer nurmehr einen – dieser arbeite im Nebenerwerb. Busfahrer Siggi Schenk steht für die Veränderung in der heimischen Landwirtschaft. Er hat dem Leben als Landwirt den Rücken gekehrt, steht für Aufbruch, Erneuerung, kommt rum in der Welt. Regisseurin Lea Butsch ist von dieser „Zeit des Umbruchs“ fasziniert und nahm sie als Vorlage für die als Stationentheater konzipierte Tragikomödie. Die Spielorte, die nahezu barrierefrei oder aber mit dem Rollator oder Rollstuhl über kurze Umwege zu erreichen sind, tragen mit ihrer speziellen Umgebung und Ausstrahlung bei zu der besonderen Atmosphäre des Theaterabends. Beginn ist am Gemeindehaus unterhalb der Kirche in Rietenau, wo die Zuschauer bewirtet werden – zeitgemäß mit Toast Hawaii. Nach dem Prolog geht es in vier Gruppen, geführt von „Reiseleitern“, als Erstes zum Friedhof. Zur Beerdigung von Siggis Frau stimmt der Theaterpfarrer den Choral „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ an und ruft die „Gemeinde“ zum Mitsingen auf.

Kirchenvorplatz, Bushaltestelle und die Mühle werden bespielt. Zum Finale beim Musikverein gibt es Livemusik. Auch unterwegs hat wie in den Vorjahren die Musik in der Zeitreise eine zentrale Rolle inne: „Nights in white satin“ – die Mutter des Stehblues – darf nicht fehlen.

Feine Akkordeonklänge beim Schlendern durch schöne Schrebergärten untermalen ein Dorfidyll, in dem die Welt nur oberflächlich betrachtet noch „in Ordnung“ ist. Thematisiert werden die Auswirkungen von Dorfklatsch und Verleumdung – auf jeden Einzelnen und auf eine Gemeinschaft. Dem Wunsch nach Aufbruch begegnet die Inszenierung mit den gezeigten Mühen, die dieser Aufbruch bedeutet. Es geht um die Frage nach Freiheit: „Darf ich jetzt alles oder muss ich Freiheit lernen?“

Das Stück stammt aus der Feder von Lea Butsch und verbindet Weltpolitik mit lokalen Umbrüchen.

© Tobias Sellmaier

Das Stück stammt aus der Feder von Lea Butsch und verbindet Weltpolitik mit lokalen Umbrüchen.

Info
Akteure und Musiker

Den Text für „Blaues Wunder – Chronik eines Falls“ hat Lea Butsch geschrieben, die zusammen mit ihrem Mann Rolf Butsch Regie führt.

In dem Stationentheater-Stück treten folgende Akteure auf: Fritz Bareiß, Bärbel Hesser, Hans Erk, Siegfried Mauthe, Rudolf Körner, Silvia Jilg, Maria Mandl, Cornelia Seitz, Gerlinde Maier, Simone Kirschbaum, Gaby Gruber, Rolf Butsch, Andreas Gekeler und Dieter Knoll. Sogar eine ganze Familie spielt mit: Maik und Carina Balleyer mit ihren Kindern Frida und Leni. Weitere Kinderrollen haben Karim Scheppart und Hannes Michler.

Als Musiker sind dabei: Sonja Michler, Matze Hesser, Thomas Weber und Hanse Höhn. Als Reiseleiter treten in Aktion: Mico Nowak, Regine Hochhuth, Rüdiger Erk und Lea Butsch.

Die Aufführungen am Freitag, Samstag und Sonntag beginnen jeweils um 19.30 Uhr. Es können keine Karten mehr reserviert werden, es gibt aber noch einige wenige Restkarten an der Abendkasse.

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Erstellt:
30. Juli 2019, 06:00 Uhr

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