Schule wird zum Digitalisierungsvorreiter

Die Jugendmusik- und Kunstschule Backnang führt eine eigene App als Kommunikations- und Infoplattform ein. Zusätzlich wird mit der Erna-App das Präsenzüben im Unterricht mit digitalem Lernen verbunden. Zu den neuen Projekten zählt auch eine Bläserklasse für Erwachsene.

Jugendmusikschulgitarrenlehrer Burkhardt Wörnle und Schüler Joshua üben mit einer App. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Jugendmusikschulgitarrenlehrer Burkhardt Wörnle und Schüler Joshua üben mit einer App. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

Backnang. „Wir haben eine eigene, für uns individualisierte Musik-und-Kunstschul-App, die auch eine Videoplattform beinhaltet. Da gehören wir zu den Vorreitern in Deutschland.“ Dies ist eine der Neuigkeiten, die der Leiter der Backnanger Jugendmusik- und Kunstschule, Michael Unger, zum Start ins neue Schuljahr präsentiert. Im April begann die Testphase, ab diesem Monat können Lehrer sowie Eltern und Schüler mit der Informations- und Kommunikationsplattform arbeiten. Zum Beispiel wenn es um Stundenpläne, das Vormerken von Online-Unterricht, eine Veranstaltung oder einfach um direkte Absprachen geht. Auf einer Pinnwand kann überdies etwa die Suche nach einem Drummer für eine Band oder der Verkauf eines Instruments angezeigt werden. Die „JMKS Backnang“-App ist die ideale Plattform für die unterschiedlichsten, vor allem organisatorischen Belange.

Mit digitalem Arbeiten hat die Jugendmusik- und Kunstschule in den Lockdowns schon viele Erfahrungen gemacht. Los ging’s mit WhatsApp-Chats, dann wurden Skype, Zoom und Facetime als Hauptkommunikationsebenen eingesetzt. Das neue, nun datenschutzkonforme Anwenderprogramm war übrigens schon 2018 angedacht worden. Eine solche App ist aber immer auch eine finanzielle Frage. „Die JMKS-App haben wir aus eigenen Mitteln aus dem Haushalt der Jugendmusik- und Kunstschule finanziert“, sagt Unger. Die App ist für die Nutzer kostenlos. Jeder Lehrer habe ein Tablet und überall im Haus gebe es WLAN, so Michael Unger.

Als Ergänzung dazu dient die Erna-App. Sie wurde von den Arbeitsgemeinschaften „Digitales“ und „Zukunftswerkstatt“ des Landesverbands der Musikschulen Baden-Württemberg, der Musikschule Lahr sowie der Ernani GmbH entwickelt und soll an der Backnanger Jugendmusik- und Kunstschule mehr und mehr eingesetzt werden. Unger: „Während die Musikschul-App einen organisatorischen Schwerpunkt hat, hat die Erna-App einen musikalischen.“ Die App macht es beispielsweise möglich, dass Musikschüler jederzeit zusätzlich zum Musikschulunterricht üben und gemeinsam mit einem Profi am Klavier musizieren können. In der Mediathek der App warten die unterschiedlichsten Werke darauf, entdeckt zu werden. „Erna“, mit der man unter anderem Stücke transponieren kann, die eine Loop-Funktion hat und die einem beim Recording weiterhilft – die Schule hat einen eigenen Youtube-Kanal –, soll den Präsenzunterricht ergänzen und zusätzlich motivieren. Alle öffentlichen Musikschulen Baden-Württembergs bekommen dank Fördermitteln „Erna“ nach den Worten Ungers zehn Jahre lang kostenfrei zur Verfügung gestellt und die Schüler müssen lediglich fünf Euro im Monat bezahlen. „Ein sehr günstiges Modell“, findet Unger, der in diesem Zusammenhang auch von der Vermittlung eines sinnstiftenden Umgangs mit digitalen Medien spricht.

Im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ will die Schule eine Bandklasse als Angebot für Schüler der Klassen 5 bis 7 realisieren. Für das sogenannte Groove-Lab haben schon mehrere Gemeinschaftsschulen Interesse angemeldet. Die Idee ist, dass die Schüler die typischen Bandinstrumente E-Gitarre, E-Bass, Schlagzeug und Keyboard im Gruppenunterricht erlernen und auch in einer Doppelstunde pro Woche an einem Nachmittag ein Bandcoaching bekommen. Dabei soll ebenfalls der kreative Umgang mit digitalen Medien trainiert werden. Die Erna-App wird auch hier eingesetzt.

Ganz aktuell ist überdies das Thema Bläserklasse nun auch für Erwachsene, diese startet ebenfalls in diesem Herbst und läuft zwei Jahre. Die Bläserklasse wird in Kooperation mit dem Städtischen Blasorchester Backnang, den Musikvereinen Maubach, Sachsenweiler, Althütte, Burgstetten, Unterweissach und dem Blasmusikverband Rems-Murr realisiert. Jeder kann mitmachen, Altersgrenzen gibt es nicht und auch musikalische Vorkenntnisse werden nicht verlangt. Zu Beginn können in einem Instrumentenzirkel alle Instrumente ausprobiert werden, um das für einen selbst ideale Instrument zu finden. Lehrkräfte der Jugendmusik- und Kunstschule geben Instrumentalunterricht in Kleingruppen.

„Einmal in der Woche wird gemeinsam musiziert“, so Unger. „Es ist ein großartiges Gemeinschaftsprojekt.“ Die Jugendmusik- und Kunstschule und die beteiligten Vereine wollen für regelmäßige Auftritte sorgen. Ziel ist es allerdings nicht, ein neues Erwachsenenblasorchester zu gründen, vielmehr sollen die Bläser letztlich an die bestehenden Orchester im Raum Backnang herangeführt werden. Dies ist nach den Worten Ungers im Großraum Stuttgart das erste Projekt dieser Art. Der Bereich Bläser ist ohnehin in der Backnanger Schule gut aufgestellt und wächst mehr und mehr. Unter anderem gibt es nun an der Gemeinschaftsschule in der Taus eine neue Schülerbläserklasse, die zehnte im Raum Backnang. Und am Samstag startet der Workshop „Tiefes Blech für die Instrumente Tuba, Tenorhorn und Euphonium“, der von Ruben Dura de Lamo geleitet wird. Der professionelle Tubist Ruben Dura de Lamo ist neu im Kollegium der Jugendmusik- und Kunstschule Backnang. Ein „Hochkaräter“ und ein Spezialist im Bereich Tuba und Euphonium, freut sich Unger. „Die nächsten ausgesprochenen Tubalehrer sind in Stuttgart und in Bietigheim.“ Ruben Dura de Lamo, der schon bei einem Konzert beim ersten Backnanger Kultursommer mitgespielt hat, steht für den Generationenwechsel an der Jugendmusik- und Kunstschule. Etliche langjährige Lehrer sind in jüngster Zeit in den Ruhestand gegangen.

Im Zusammenhang mit dem Projekt „Musik.Macht.Menschen“ der gemeinnützigen Stiftung von Kabarettist Christoph Sonntag, das von der „Herzenssache“, der Kinderhilfsaktion von SWR, SR und Sparda Bank gefördert wird, sollen auch 75 Backnanger Kinder gefördert werden. „Unser neues Projekt Musik.Macht.Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass Kindern aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien der Zugang zu einem Musikinstrument ermöglicht werden soll“, so Christoph Sonntag. Michael Unger: „Für ein Schuljahr und gerne darüber hinaus.“ Zusammen mit der Schiller- und der Mörikeschule soll das Projekt realisiert werden, für das zusätzliche Leihinstrumente gebraucht werden. Die Schule ist deshalb auf der Suche nach Unterstützern. Neu ist auch die Kooperation mit Künstlern, die ins Bürgerhaus kommen. Zu den Auftritten des Ensembles „Power!Percussion“ und den Golden Voices of Gospel gibt es im Vorfeld jeweils einen Workshop an zwei Abenden, bei dem ein Titel eingeübt wird. Am Aufführungstag stehen die Workshopteilnehmer für die Dauer des einstudierten Titels dann mit auf der Bühne. Der Workshop ist kostenlos, die Teilnehmer müssen sich nur eine Eintrittskarte kaufen, um beim Konzertabend mit dabei sein zu können. Dieses Konzept hat Kulturamtsleiter Johannes Ellrott bereits in seiner Kornwestheimer Zeit umgesetzt.

Auch im Kunstbereich hat sich in der Coronazeit viel getan. „Wir waren sehr schnell sehr aktiv“, erklärt Unger. Zahlreiche Ideen wurden umgesetzt. Und es geht gerade so weiter. Die Kunstschule ist etwa mit dabei, wenn für den abgespeckten Backnanger Gänsemarkt Holzgänse bemalt werden. Und für eine Ausstellung im November in Stuttgart porträtieren die Backnanger wie auch andere Schulen drei Landtagsabgeordnete. Obendrein ist eine Ausstellung an der PH in Ludwigsburg geplant. In Anbetracht all dieser Aktivitäten bilanziert der Jugendmusik- und Kunstschulleiter: „Es ist eine enorme Dynamik drin.“

Michael Unger (JMKS Backnang),
zur eigenen Musikschul-App „Während die Musikschul-App einen organisatorischen Schwerpunkt hat, hat die Erna-App einen musikalischen.“ Christoph Sonntag (Kabarettist),
zu einem Projekt seiner Stiphtung „Kindern aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien soll der Zugang zu einem Musikinstrument ermöglicht werden.“

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Erstellt:
7. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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