Neue Musik findet die Töne wieder

Seit Januar im Handel: „electroacoustic works“ von Lothar Heinle

Der Kompositionen Lothar Heinles entfalten einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.

Seit Jahren eine feste Größte in der Szene für Neue Musik: Lothar Heinle

© Neos

Seit Jahren eine feste Größte in der Szene für Neue Musik: Lothar Heinle

Von Ulrich Stolte

Der Heilbronner Komponist Lothar Heinle ist einer der wichtigen Protagonisten der Neuen Musik in Baden-Württemberg. Mit der CD „electroacoustic works“, die seit Januar im Handel ist, ist dem 60-Jährigen ein großer Wurf geglückt. Darauf sind sieben Stücke eingespielt, die zusammen etwa 70 Minuten lang sind. Zu hören sind Toncluster, die sich in Harmonien zusammen finden und wieder wegmäandrieren, sie beschreiben von „Tholos“ bis „Quia non sunt III“ oder „end/no end“ die Odyssee, den Tod eines teuren Freundes oder das Ende der Corona-Pandemie.

Er zeigt die Poesie der Musik

Lothar Heinle versteht seine Werke als Programm-Musik. Nicht in dem Sinn, dass sie Realitäten erzeugen oder abbilden soll, sondern im ursprünglichen Sinn: „Ich will die Poesie der Musik zeigen“, sagt er, und vielleicht ist es mehr, es ist die musikalische Poesie der Wirklichkeit, die er aufzeichnet.

Dabei bewegt er sich hauptsächlich in der Tonalität. Die Zeiten, wo die Neue Musik das Publikum vor den Kopf stoßen wollte, sind für ihn überwunden. „Ich will meine Musik selbst gerne hören, und das Publikum soll sie gerne hören“. Doch ganz eindringen in die Neoromantik wird er nicht: „Meine Stücke brauchen eine gewisse Rauheit, um die Hörer herauszufordern.“

Neue aufregende Klänge

Was er in dieser Rauheit erschafft, sind Klangräume, in denen sich Gedanken und Ideen entfalten können. Er experimentiert auch mit dem Rhythmus, dem er aber keinen festen Rahmen gibt. Er lässt ihn aufflackern oder teilt ihn gegenläufig, und er spricht nicht von Takten, sondern von Impulsen, die er in seine Klänge setzt.

Heinle arbeitet vollelektronisch, entweder mit Klangmaterial aus früheren Kompositionen, oder er durchstreift Natur- und Kulturlandschaften auf der Suche nach aufregenden Klängen. Seine Ausrüstung hat er im Rucksack oder Rollkoffer dabei. Deswegen braucht er auch kein Tonstudio, sondern kann sich überall zur Komposition einrichten.

Es gibt keine allgemeine Richtung mehr

Obwohl die Neue Musik sich generell wieder zur Tonalität entwickelt, kann man kaum von einer neuen musikalischen Schule reden, der er anhängt. „Jeder macht sein Ding“, sagt Heinle und meint damit, dass es keine musikalischen Protagonisten mehr gibt, die eine allgemeine Richtung vorgeben.

Heinle ist nicht nur als Musikwissenschaftler bekannt, er hat sich unter anderem einen Namen gemacht beim Internationalen Pianoforum für Neue Musik in Heilbronn und als künstlerischer Leiter der „Perspektiven Heilbronn - Konzertreihe für Neue Musik“ des Kulturrings Heilbronn. Heinle weiß selbst, dass eine CD fast schon ein Anachronismus ist. Er wollte seine Kompositionen aber nicht, wie so viele, einfach bei Youtube veröffentlichen, wo „jeder damit machen kann, was er will.“

Immer wieder durcharbeiten

Das Album sollte geschlossen sein, auch das Titelbild mit dem Moos und den Herbstblättern stammt aus jenen Naturräumen, in denen er seine Klänge findet. Heinle arbeitet langsam, „sehr, sehr langsam. Ich muss die Stücke ausprobieren können, ob sie funktionieren, dann wieder neu arrangieren, noch mal anhören und wieder und wieder durcharbeiten“. Von diesem Prozess bekommt der Hörer allerdings nichts mit. Von Anfang entfaltet die Musik einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.

Lothar Heinle: electroacoustic works. Audio-CD. Neos Music, München. 17,99 Euro.

Zum Artikel

Erstellt:
27. Januar 2026, 11:16 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2026, 11:28 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen