„Heated Rivalry“: das Finale
„Sex gehört nun mal zu dieser Story“
Am 13. März läuft bei HBO das Finale von „Heated Rivalry“. Auch in Deutschland feiert die Serie um schwule Eishockeyspieler Erfolge. Wie hat ihr Erfinder Jacob Tierney das gemacht?
© HBO/Sabrina Lantos
Heated, aber hier nicht in Rivalry: die Eishockeyspieler Ilya Rozanov (Connor Storrie, l.) und Shane Hollander (Hudson Williams)
Von Patrick Heidmann
Jacob Tierney, geboren 1979 in Montreal, stand in seiner Kindheit zunächst als Schauspieler vor der Kamera, bevor er später dahinter als Drehbuchautor und Regisseur Karriere machte. Nach Filmen wie „The Trotsky“ oder „Good Neighbours“ sowie der erfolgreichen Sitcom „Letterkenny“ zeichnet er für die Serie „Heated Rivalry“ verantwortlich, die mit ihrer Geschichte über die heimliche Affäre zwischen zwei Eishockey-Profis seit Wochen auch in Deutschland für Furore sorgt. Ob er im Gespräch verrät, worin er das Erfolgsgeheimnis der Serie sieht?
Mr. Tierney, Ihre Serie „Heated Rivalry“ wird seit Wochen gefeiert, sowohl für ihre heißen Sex-Szenen als auch dafür, sich ernsthaft mit Themen wie Liebe, Männlichkeit und queerem Begehren zu beschäftigen. Ein Balanceakt?
Ehrlich gesagt fand ich es nicht sonderlich schwierig, all diese Elemente in einer Serie zu vereinen. Denn Sex gehört doch untrennbar zu den von Ihnen genannten Themen dazu. Ich wusste von Beginn an, dass Sexszenen ein ganz wesentlicher Teil der Sprache dieser Serie sein würden, weil man durch sie die Figuren besser versteht und sie auch die Handlung vorantreiben. Die Intimität zwischen diesen Männern, ihre körperliche Verbindung und ihre Sexualität erstreckt sich allerdings eben auch weit über diese Szenen hinaus und steckt in allen Aspekten der Geschichte. Die eigentliche Herausforderung war für mich eine andere.
Nämlich?
Sicherzugehen, dass das Publikum versteht, worum es uns geht und dass die Sex-Szenen nicht als Soft-Porno abgetan werden. Wir leben aktuell in einer Zeit, in der Sex in Filmen und Serien nicht mehr sonderlich präsent ist. Zumindest nicht die Art, die wir zeigen: verspielt, lustvoll, einvernehmlich. Wenn überhaupt scheinen viele Leute erschreckenderweise inzwischen daran gewöhnt zu sein, dass Sex als erzählerisches Mittel nur noch als verstörend oder traumatisch gezeigt wird.
Stimmt es, dass US-amerikanische Produktionsfirmen und Sender erst einmal nichts mit der Serie zu tun haben wollen, gerade wegen der Sex-Szenen?
Nicht nur die Amerikaner schreckten davor zurück. Auch in Kanada gab es vielerorts Berührungsängste. Wie schon gesagt: wir befinden uns kulturell und gesellschaftlich nicht in sonderlich sex-positiven Zeiten. Und die Sexualität von so genannten Randgruppen macht den Verantwortlichen erst recht Angst, weil sie die Sorge haben, das Publikum könnte daran nicht gewöhnt und deswegen verschreckt sein. Davon habe ich mich nicht beirren lassen, denn ohne Sex hätte ich diese Geschichte nicht erzählen können und wollen. Außerdem sollte man nie sein Publikum unterschätzen oder glauben, es besser zu wissen. Zumal in einem Fall wie diesem, wo ja schon die Vorlage gerade wegen des Sex so beliebt war. Letztlich fand ich glücklicherweise Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die meine Vision teilten und mich unterstützten.
Empfanden Sie es dann trotzdem als nervig, dass anfangs im Kontext von „Heated Rivalry“ über nichts anderes gesprochen wurde als über nackte Männerhintern und expliziten schwulen Sex?
Kein bisschen. Meine Devise war von Beginn an: Je heißer wir die Serie machen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen wird. Da war schon auch ein wenig Kalkül dabei, denn wir hatten weder ein üppiges Budget noch große Stars auf unserer Seite. Und irgendwie muss man ja auffallen. Ich will aber noch mal betonen, dass es Berührungsängste und Vorbehalte nicht nur in den USA gab. Sicherlich verschärft sich da gerade in vieler Hinsicht das gesellschaftliche Klima, aber Amerika ist nicht das einzige Land, in dem sehr viele Menschen prüde und konservativ sind. Vorbehalte gegen queere Sexualität und gegen Lust und Begehren, die nicht weiß, männlich und heterosexuell konnotiert sind, gibt es überall. Wir machen es uns zu leicht, diesbezüglich immer nur auf die USA zu gucken, bloß weil deren Stimme die lauteste ist.
Sie erwähnten eben schon die Vorlage zu „Heated Rivalry“, nämlich die „Game Change“-Romane von Rachel Reid. Wie wurden Sie auf die aufmerksam?
Als schwuler Eishockey-Anhänger stieß ich bei Audible auf die Hörbücher und wurde zum Fan. Ich verliebte mich auf Anhieb in diese Figuren und fieberte mit ihnen mit. Die Bücher sind sehr witzig, sehr sexy und einfach gute Unterhaltung. Darüber, diese Geschichte zu verfilmen, dachte ich anfangs allerdings noch gar nicht nach. Erst mit der Zeit realisierte ich, wie erfolgreich Rachels Bücher und ähnlich gelagerte Romane sind – und wie wenig ernst sie genommen werden, auch was Adaptionen angeht. Das weckte ein wenig meinen Ehrgeiz. Auf Liebesromane wird ja gerne mal herabgesehen, doch ich wollte gegensteuern, was diese Geringschätzung angeht. Ich wollte diese Geschichte als Romanze, Fantasiebild und nicht zuletzt als Entertainment ernstnehmen und sie trotzdem als wahrhaftig und in der Realität verankert umsetzen.
Von queerer Seite gab es allerdings mit Blick auf die Vorlage auch schon den Einwand, dass diese Geschichte von einer heterosexuellen Frau stammt und sich in erster Linie auch an ein ebensolches Publikum richtet…
Man darf hier gerne mal das Stichwort Intersektionalität ins Feld führen und daran erinnern, dass die weibliche Perspektive in den Geschichten, die in der Literatur oder auch in Film und Fernsehen erzählt werden, nicht sehr viel weniger diskriminiert wird als die queere. Je bewusster wir uns machen, dass wir im Kulturbereich und letztlich in der Welt allgemein Verbündete sind, desto mehr profitieren wir davon. Dass die Liebesgeschichte dieser beiden Männer Hetero-Frauen und Schwule oder überhaupt weibliche Personen und queere Menschen gleichermaßen begeistert, ist doch wundervoll. Und offenkundig ja auch einige heterosexuelle Männer! Mir zeigt das, so kitschig es klingen mag, dass Liebe wirklich sehr viele Grenzen zu überwinden vermag.
Wie in den meisten Sportarten ist auch im Eishockey Homosexualität weiterhin ein Tabu, geoutete Profispieler gibt es praktisch nicht. Hegen Sie die Hoffnung, dass „Heated Rivalry“ diesbezüglich zu einer Veränderung beitragen könnte?
Noch vor zwei Monaten hätte ich bei dieser Frage herzhaft gelacht und sie mit „niemals“ beantwortet. Aber der unerwartete Erfolg dieser Serie und all die Reaktionen auf ihre Geschichte verblüffen mich nun schon seit Wochen. Wer weiß also, was noch alles möglich ist. Sollte es tatsächlich aktive Eishockey-Spieler irgendwo auf der Welt geben, die sich durch „Heated Rivalry“ ermutigt fühlen, ihre Queerness öffentlich zu machen, wäre ich begeistert. Allerdings mach ich mir auch keine Illusionen darüber, dass auch die Serie nichts daran ändert, wie schwer ein solcher Schritt in der Realität ist und wie viel Mut es braucht, ihn zu gehen.
Die Eishockey-Szene als solche scheint in jedem Fall recht positiv auf die Serie reagiert zu haben, oder?
Ja, ich habe deutlich mehr positive als negative Reaktionen erlebt. Was aber natürlich auch mit der unerwarteten Popularität zu tun hat. Bei Spielen der Teams in Montreal, Toronto oder Boston wurden die Songs aus der Serie gespielt, wir waren alle zusammen Gast bei den Los Angeles Kings, und auch in Vancouver oder Seattle wurden wir gefeiert. Gerade in Kanada, wo Eishockey wirklich eine riesige Sache ist, scheint man sehr angetan zu sein davon, mal ein Bild dieses Sports zu sehen, das nicht bloß mit dem üblichen, sehr heteronormativen und übermaskulinen Blick gezeichnet ist. Dass auch die Frauen-Liga bei uns inzwischen enorm beliebt ist, spricht diesbezüglich Bände. Und ich glaube, dass man in Kanada auch wirklich zu schätzen weiß und spürt, dass sowohl Rachel Reed als auch ich riesige Eishockey-Fans sind. Das merkt man sowohl ihren Büchern als auch „Heated Rivalry“ ohne Zweifel an.
Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihren Hauptdarstellern Hudson Williams und Connor Storrie. Die Serie lebt von der Chemie der beiden Schauspieler, die bislang eigentlich vollkommen unbekannt waren. Haben Sie das bereits beim Casting erkannt?
Ich hatte darauf gehofft, dass die beiden zusammen so gut funktionieren. Aber sicher kann man sich nie sein, dass das vor der laufenden Kamera dann auch tatsächlich alles so gut funktioniert, wie man sich das beim Casting ausmalt. Allerdings habe ich schon beim ersten Kennenlernen der beiden via Zoom gemerkt, wie explosiv die Chemie zwischen ihnen geradezu war. Ich mochte beide auf Anhieb wahnsinnig gerne und habe dann in langen Gesprächen sichergestellt, dass sie wissen, worauf sie sich einlassen, gerade auch was die körperlichen Herausforderungen ihrer Rollen angeht. Von der Nacktheit und den Sexszenen bis hin zum Eishockey. Aber am Ende ist der Besetzungsprozess eben keine Mathematik, sondern Magie. Ich hatte einfach Glück, dass mein Instinkt der richtige war und die beiden sehr schnell zu echten Freunden wurden, zwischen denen eine Intimität und Nähe entstand, die sich nun auch in „Heated Rivalry“ niederschlägt.
Das Gespräch führte Patrick Heidmann
