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Sie singen wieder

Die Coronastille ist für einige Chöre vorbei, wie beispielsweise für den Backnanger Sängerhaufen. Andere Gesangsgruppen, wie der Kirchberger Colores-Chor, pausieren noch.

„Chorsingen ist ja ein Lebenselixier“ – Die CJE-Sänger des Backnanger Sängerhaufens proben wieder, und zwar seit Juni im Freien im Wohnhof in Maubach. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

„Chorsingen ist ja ein Lebenselixier“ – Die CJE-Sänger des Backnanger Sängerhaufens proben wieder, und zwar seit Juni im Freien im Wohnhof in Maubach. Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. „Das Positive ist, dass man aus der Routine gerissen wird und alles neu denken muss“, sagt Reiner Schulte, Dekanatskirchenmusiker und Regionalkantor der katholischen Kirche in Backnang. Zugegeben: Ein bisschen nachdenken muss er schon im Gespräch, bis ihm etwas Positives zur Coronakrise einfallen will – zu verstörend sind die Auswirkungen der Infektionsschutzregeln auf die Kirchenmusik. Denn Gesang – sei es nun Gemeinde- oder Chorgesang – ist, neben dem Orgelspiel, die wichtigste Säule des kirchenmusikalischen Alltags und die ist jetzt verboten oder zumindest ganz stark eingeschränkt. „Im großen Saal der Christkönigskirche dürften theoretisch elf Personen mit großem Abstand singen“, so berichtet er weiter – „aber nur, wenn sonst niemand im Raum ist, also auch keine Zuhörer und keine Gemeinde.“ Wozu soll da ein Kirchenchor proben, wenn er dann nicht im Gottesdienst auftreten darf?

„Wirklich verzweifelt dran sind die Konzertchöre und Gesangvereine.“

„Wirklich verzweifelt dran sind die Konzertchöre und Gesangvereine“, macht sich Schulte, der bei der Kirche fest angestellt ist, Gedanken über seine Kirche hinaus. „Sie haben keine Perspektive mehr, auch für den Herbst nicht, und sie müssen ihre freiberuflichen Dirigenten bezahlen und Sänger motivieren, die nicht singen dürfen.“ Colores in Kirchberg an der Murr ist so ein Chor – erst 2017 unter dem Dach des Gesangvereins Frohsinn gegründet, alles im Aufbau und es lief richtig gut: 10 Sängerinnen und Sänger waren beim Gründungstreffen gewesen, inzwischen sind sie 40 und ihre letzten Konzerte waren bestens besucht.

Konzerte gibt es von Colores nicht mehr und der Probenbetrieb wurde eingestellt. „Nicht ein einziges Mitglied hat sich bis jetzt über den Monatsbeitrag beschwert“, so berichtet Lothar Schatz, Mitbegründer, Vorstand und Sprecher des Chors, und da klingt hörbar Stolz auf seine Sangesfreunde mit. „Schlimmer ist, dass die Leute den Mittwochabend irgendwann anders besetzen werden, wenn da auf unabsehbare Zeit keine Chorprobe stattfinden kann.“ Johanna Gauß ist erst letztes Jahr, als Musikstudentin noch, eingestiegen und dirigiert den Chor seitdem. „Sie hat sich richtig reingekniet“, begeistert sich Schatz, „und geholfen, das Beste aus der finsteren Coronazeit zu machen.“ Erst mit „digitalem Musikunterricht“, bei dem es um Rhythmus und Noten, Taktarten und Harmonielehre ging, denn längst nicht alle Chormitglieder können Noten und Pausenzeichen lesen, dann mit Singen vorm PC, bei dem allerdings jeder nur sich selbst und die Dirigentin hören kann.

„Es war ein Riesenaufwand, das für alle, die wollten, einzurichten, aber dann hat es ganz viel Spaß gemacht: Da stehst du allein vorm Bildschirm, die Frau ist im Garten, das Kind verkrümelt sich und du stampfst mit den Füßen und klatscht den Takt und singst wie der Weltmeister.“ Ende Juli soll das Online-Singen ein Ende haben und noch in den Ferien trifft sich der Chor zur analogen „Probier-Probe“: In zwei Gruppen aufgeteilt werden sie in der Turnhalle mit großem Abstand singen. „Auf einmal ist Singen das gefährlichste Hobby der Welt geworden“, seufzt Schatz, „und ob der Chor das überlebt, wissen wir noch nicht.“

„Zurzeit sieht es leider so aus: Keiner da dank Corona...“, so heißt der Bildtext auf der Homepage des Kirchberger Chores Colores zu dem vielsagenden Foto. Foto: privat

„Zurzeit sieht es leider so aus: Keiner da dank Corona...“, so heißt der Bildtext auf der Homepage des Kirchberger Chores Colores zu dem vielsagenden Foto. Foto: privat

Colores hat noch nicht einmal drei Chorjahre auf dem Buckel und wurde im vollen Lauf der Anfangseuphorie ausgebremst – ganz anders der Backnanger Sängerhaufen. Dessen Sänger singen seit 1990 zusammen. Unter dem Dach des Vereins Club Junges Europa (CJE) sind sie zu einer echten Gemeinschaft zusammengewachsen. Dorothee Knaupp ist eines der Gründungsmitglieder und seitdem mit großer Freude dabei. „Chorsingen ist ja ein Lebenselixier“, sagt sie. „Auch als ich noch gearbeitet habe, konnte ich noch so müde sein – von der Chorprobe kam ich immer aufgebrezelt nach Hause. Und so ist das auch jetzt im Ruhestand noch.“ Kein Wunder, dass ihr das Singen schrecklich fehlt. Ja, sicher, die Chorleiterin, Victoria Konarkowski, hat digitale Singstunden gegeben und von einigen Liedern sämtliche Stimmen zum heimischen Mitsingen und Üben eingesungen – „das war schon gut, aber es ist doch nicht dasselbe. Mir fehlt der Kontakt und ich bin erschrocken, wie schnell man das Singen verlernt.“

Natürlich hat so ein langjährig bestehender Chor auch Mitglieder, für die das einsame gemeinsame Singen am PC einfach keine gute Alternative ist. „Seit Juni schon treffen wir uns beim Wohnhof in Maubach, um bei schönem Wetter im Freien zu singen – aber das traut sich nicht jeder, denn viele sind Risikogruppe“, erzählt Knaupp. Dann singen sie zu zwölft vierstimmig – eine echte Herausforderung für die Singenden, die noch größer wird durch das Abstandhalten: Sich stimmlich am Nebenmann oder der Nebenfrau zu orientieren, ist da nicht drin. „Trotzdem ist es richtig schön für alle, die mitmachen – und offenbar sogar für die Wohnhof-Leute. Wenn sie vorbeikommen, bleiben sie stehen und hören ein bisschen zu“ – ein gutes Zeichen. Zweimal ist die Probe aber auch schon wegen des schlechten Wetters ausgefallen.

„Singen ohne Unbeschwertheit funktioniert einfach nicht.“

„Am meisten fehlt die Unbeschwertheit“, sagt Lothar Schatz. „Singen und Zuhören ohne Unbeschwertheit funktioniert einfach nicht. Und keiner weiß, ob wir die jemals zurückkriegen – zumindest wird es lange dauern.“ Hans-Joachim Renz, Kirchenmusikdirektor der evangelischen Kirche, hat deshalb einfach wieder angefangen: einstimmig singen, Kanons, bekannte Lieder aus dem Kirchengesangbuch (wir berichteten). „Es ist keine Chorprobe und auch nicht nur für Chorsängerinnen und -sänger – es ist einfach offenes Singen für alle, die Lust haben. Es ist völlig unspektakulär und es tut allen gut.“ Gemeinsam singen ist wichtig – für jeden Einzelnen und fürs große Ganze. Gut, dass es Chöre gibt und Menschen, die dafür kämpfen, dass sie weiterleben und -singen können.

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Erstellt:
24. Juli 2020, 06:00 Uhr

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