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Sie singt und die Welt steht still

Gaby Moreno zu Gast im Backnanger Kulturgut – Eine Stimme wie Samt und Seide

Gesang wie weich fallender Schnee vor dem Fenster: Gaby Moreno beim Kulturgut. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Gesang wie weich fallender Schnee vor dem Fenster: Gaby Moreno beim Kulturgut. Foto: J. Fiedler

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Gaby Moreno, die aus Guatemala stammende Singer-Songwriterin und Gitarristin, gastierte mit Band im Kulturgut Hagenbach. Die charismatische Sängerin lebt in Los Angeles und verzauberte ihr Publikum mit ihren spanisch-englischen Songs aus allen Amerikas: Nord-, Süd- und Mittelamerika.

Zwei Jahre hat es gedauert, und die Kulturgutmacher waren ganz schön stolz darauf, sie endlich doch an Land gezogen zu haben: Gaby Moreno kennt die große weite Welt und ihre Bühnen, aber nach Deutschland kommt sie nicht alle Tage – und nun entfaltete sie Charme und Samtstimme im doch eher intimen Rahmen der Kulturscheuer auf dem Hagenbach. Alle Stühle im Raum sind besetzt. Stimmengewirr; wer keinen Sitzplatz ergattert hat, steht, viele mit einem Glas Wein in der Hand. Da betritt Moreno die Bühne, Schlagzeuger (Sebastian Aymanns), Bassist (Kimon Kirk) und Keyboarder (Martin Meixner) nehmen ihre Plätze ein, alles ganz unaufgeregt und entspannt, und sie beginnt zu singen, leise, weich und warm – und die Welt steht still. Gaby Moreno singt, wie Sommerregen fällt, ohne erkennbare Anstrengung, und man merkt gar nicht, dass man nass wird bis auf die Haut. Ihre Stimme ist wie ein Streicheln, wie Himbeereis und Zartbitterschokolade, wie weich fallender Schnee vor dem Fenster, wenn im Kamin ein Feuer brennt. Das Publikum wiegt sich sanft. Die Band, allesamt Könner ihres Fachs, begleiten sie federleicht, extrem flexibel, aber es hilft nichts: Nach 30 Sekunden hat man vergessen, dass sie existieren. (Glücklicherweise spielen sie trotzdem weiter.) Nach noch einer halben Minute hat man auch alles andere vergessen. (Glücklicherweise dreht die Welt sich weiter.) Und schließlich will man nur noch diese Stimme, und zwar bis in alle Ewigkeit.

Zwei Lieder erzählen von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, der großen Mauer: eines alt, eines neu, so neu, dass es noch nirgends aufgenommen wurde. Kein Zorn ist da zu hören, nur abgrundtiefe Traurigkeit. Samt und Seide. Und unwillkürlich fragt man sich, wie aus etwas so hässlichem wie dieser Grenze so schöne Musik werden kann. Ist es Blues, ist es Soul, ist es Jazz, ist es alles das oder nichts davon?

Nach der Pause ändert sich der Charakter des Konzerts. Die ersten beiden Songs spielt und singt sie alleine, und ihr Gitarrenspiel wirkt ganz ebenso anstrengungslos wie ihr Gesang. Als wären es zwei Seiten derselben Medaille. Dann stößt die Band wieder dazu und darf jetzt mehr aufdrehen, ab und zu steuert Meixner am Keyboard perlende Melodielinien bei – lateinamerikanisches Temperament und Rhythmen brechen sich Bahn (die Zuhörer wippen jetzt und wollen tanzen), und manchmal springt die Musik über die besagte große Mauer, dann klingt sie nach Bluegrass, nach groovendem Old-School-Jazz oder nach Rock und Röhre. Es sind, wie versprochen, Songs aus allen Amerikas. Beifall tobt. Zugabe, eine, zwei und noch mal zwei... – ein super Abend. Wie es kommt, dass eine Frau aus Guatemala ausgerechnet Gaby mit Vornamen heißt? Geboren ist sie als Maria Gabriela Moreno Bonilla. Hauptsache, sie singt.

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Erstellt:
14. Oktober 2019, 16:00 Uhr

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