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So erfüllend wie die Karriere als Tänzerin

Nach 16 Jahren endet Birgit Keils Zeit als Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater

Abschied - Sie ist eine Ermöglicherin. Vielen Künstlern hat Birgit Keil als Ballettdirektorin in Karlsruhe und als Leiterin der Akademie des Tanzes Türen geöffnet. Nun verabschiedet sie sich.

Karlsruhe Was sind 16 Jahre vor dem Hintergrund einer drei Jahrhunderte währenden Geschichte? So weit zurück reichen die Anfänge des Karlsruher Kulturlebens; der Startschuss fiel unter Markgraf Carl Wilhelm, der 1715 mit dem Bau eines neuen Schlosses auch die Fächerstadt gründete, Theater inklusive. Seit 16 Jahren leitet Birgit Keil hier das Ballett amBadischen Staatstheater; die relativ gesehen kurze Zeit war eine besonders erfolgreiche für die Sparte. Das zeigt die Bilanz, die nicht nur ansteht, weil das Theater 300. Geburtstag feiert. Die Jubiläumssaison ist zugleich die letzte von Birgit Keil als Ballettdirektorin in Karlsruhe.

Wer erlebt, wie die 74-Jährige mit glänzenden Augen das Tun der von ihr geförderten Talente verfolgt, ahnt, dass die Ballettdirektorin nicht viel Aufhebens um ihr Scheiden machen wird. So ist auch die letzte Produktion der Ära Keil vor allem ein Fest: „Zukunft braucht Herkunft“ heißt es, hat an diesem Samstag Premiere und ist eine Liebeserklärung an den Tanz sowie eine Verbeugung vor seiner Geschichte in Karlsruhe.

„Zukunft braucht Herkunft“, das könnte auch das Motto von Birgit Keils Arbeit sein. Im Repertoire ihrer Kompanie findet sich Peter Wrights „Giselle“ ebenso wie das von Davide Bombana in der Ausstattung Rosalies realisierte Kafka-Ballett „Der Prozess“. Und weil Birgit Keil eine Ermöglicherin ist, ist auch die letzte Produktion eine Chance – dieses Mal für Thiago Bordin, den Keil einst über ihre Stiftung als Tänzer förderte und der nun den ersten abendfüllenden Auftrag als Choreograf erhielt.

Eine Ermöglicherin – als solche tratBirgit Keil2003 in Karlsruhe mit ihrem Verbündeten Vladimir Klos an der Seite ihr Amt als Direktorin an. „Als ich hier begonnen habe, gab es eigentlich kein Ballettpublikum“, blickt sie zurück auf ihren Start. Der damalige Generalintendant Achim Thorwald hatte die Stuttgarter Kammertänzerin geholt, weil er ihr zutraute, die Sparte wieder zukunftsfähig zu machen. Die trieb manövrierunfähig dahin; weder Olaf Schmidt noch Pierre Wyss war es in der Nachfolge von Germinal Casado gelungen, das Publikum auf einen neuen, einer modernen Tanzsprache verpflichteten Kurs mitzunehmen.

Birgit Keil drehte das Ruder zurück Richtung Ballett und brachte das 32-köpfige Ensemble in kurzer Zeit auf die Erfolgsspur. „Karlsruher Weg“ nennt sie ihren Kurs, 16 Jahre lang hat sie ihn mithilfe von drei Motoren gehalten: Neben der Pflege des klassischen Repertoires setzt Keil auf Neukreationen und Nachwuchsförderung. Dass sie seit 1997 auch die Akademie des Tanzes in Mannheim leitet und mit ihrer 1995 gegründeten Tanzstiftung gezielt Künstler unterstützen kann, half ihr dabei, ihre Ansprüche an eine erstklassig aufgestellte Kompanie umzusetzen. Die Hälfte ihrer Tänzer sind heute Eigengewächse.

Aus Stuttgarter Perspektive wirkt vieles vertraut. „Ja, der Karlsruher Weg ist die Fortsetzung dessen, was ich in Stuttgart an Entwicklungen erlebt habe“, bestätigt die ehemalige Tänzerin, die eine der prägenden Figuren des Stuttgarter Ballettwunders war. „Alles, auf was ich als Direktorin vertraue, habe ich aus Stuttgart mitgenommen. Für John Cranko waren wir nie zu jung, er hat uns mit Neuem gefüttert. Meinem Ensemble diese Möglichkeiten zu bieten war mir wichtig“, sagt Birgit Keil.

Das Publikum ging den Karlsruher Weg mit, freute sich über Stationen wie Ray Barras „Carmen“, Kenneth MacMillans „Romeo und Julia“, Crankos „Zähmung“. Bei 99,7 Prozent lag in der zurückliegenden Spielzeit die Auslastung. „Das ist in der aktuellen Zeit schon ungewöhnlich“, sagt Birgit Keil ohne Stolz, eher mit Staunen. „Wir haben ein tolles Publikum, das unsere Arbeit von Beginn an sehr treu begleitet hat.“ Insgesamt haben Keils Tänzer bei 41 Premieren siebzig Ballette präsentiert, davon waren 27 abendfüllend. „Wir haben zwölf neue Handlungsballette erarbeitet und konnten beim Spielzeitmotto des Theaters oft eigene Akzente setzen“, erinnert Birgit Keil an die „Helden“-Saison 2011/12, für die sie dem neuen „Siegfried“-Ballett Peter Breuers eine weibliche Heldin gegenüberstellen wollte und Tim Plegge mit „Momo“ beauftragte.

Nicht nur für Tim Plegge zahlte sich das in ihn gesetzte Vertrauen aus; heute leitet er das Hessische Staatsballett. Auch Terence Kohler und Thiago Bordin, die ihre Karrieren als Keils Schüler begannen, konnten dank umfassender Förderung neben tänzerischen choreografische Begabungen entfalten. Kohler brachte 2006 in Karlsruhe mit „Anna Karenina“ sein erstes abendfüllendes Handlungsballett heraus und machte dann Karriere als freier Choreograf.

In die Hände von Thiago Bordin hat Birgit Keil die letzte Produktion ihrer Direktion gelegt. Die Rauminstallation des Bühnenbildteams Numen & Ivana Jonke macht sie zum ästhetischen Experiment: Gespannte Seile greifen die Fächerstadt auf, ein aufblasbarer Plastikwürfel steht für das neue Hoftheater, das erst ein Brand, dann Bombenhagel vernichteten. Thiago Bordin lässt den Wind der Zeit, eine Ballerina auf Spitze federleicht vorbeiwehen, er erinnert mit kantigen Gesten an Nijinskis Faun und fügt aus Mosaikstücken ein Ballettbild, das sich als Einladung an die Zukunft versteht.

Für Birgit Keil ist Karlsruhe nun so gut wie Vergangenheit, die Zeichen stehen auf Abschied. Dass mit Bridget Breiner eine ehemalige Stuttgarterin ihre Nachfolgerin wird und einige Ensemblemitglieder übernimmt, ist Keil kein Trost. „Mir tut es um die Kompanie leid, aber jeder muss seinen eigenen Weg gehen“, verweist sie auf unterschiedliche Konzepte. „Bridget Breiner ist Choreografin und sucht die Talente, die ihre Stücke tanzen können. Bei mir war es genau umgekehrt. Ich habe die Dinge ermöglicht für meine Tänzer, damit sie sich weiterentwickeln können.“

Persönlich, sagt Birgit Keil, brauche sie aber keinen Trost. „Ich finde den Zeitpunkt meines Abschieds genau richtig.“ Auch die Leitung der Mannheimer Akademie wird sie zum Schuljahresende abgeben – falls sich eine Nachfolge findet. In ihre eigene Zukunft schaut sie hoffnungsvoll. „Vladimir Klos und ich freuen uns auf diese wichtige Zeit danach. Wir können auf wunderbare Jahre als Tänzer und eine beglückende Zeit als Pädagogen und Kompanieleiter zurückblicken. Zu sehen, wie sich unsere Solisten entwickeln, rührt uns. Dass wir so etwas nach unserer aktiven Karriere erreichen durften, ist genauso erfüllend wie die Zeit als Tänzer.“

Ruhestand? Den wird es für Birgit Keil, die weiterhin mit ihrer Tanzstiftung Künstler fördert, nicht geben. „Ich könnte jeden Tag woanders sein, in einer Jury oder einem Kuratorium. Da will ich Prioritäten setzen“, sagt sie, auch die letzte Gala unter ihrer Direktion konzentriert sie aufs Wesentliche: Keine Stargäste sind geladen, der Abend soll ein Fest für die Tänzer und ihr Publikum sein. Aber natürlich bleibt Birgit Keil Ermöglicherin bis zum Schluss und hat Neues bestellt, unter anderem beim Gauthier-Tänzer Jonathan dos Santos.

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Erstellt:
26. April 2019, 03:12 Uhr

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