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Sollen sie doch das Chaos fressen!

Stuttgarts Schauspiel zeigt im Nord eine wütende Jugend: „Rage“

Theater - Stuttgarts Schauspiel zeigt im Nord die wütenden Enthemmungen einer berauschten Jugend.

Stuttgart Der Rausch beginnt mit elektronischer Musik. Acht junge Menschen geben sich an Silvester ausgelassen den pulsierenden Rhythmen in einem Club hin. Die Figuren ohne Namen nehmen Drogen, trinken Alkohol und bald offenbaren sie sich in unkontrollierten Emotionen, enthemmter Lust, roher Gewalt – Wut. Wut auf das System, auf sich selbst, die Vergangenheit, die Zukunft.

Sophia Bodamer inszeniert im Nord das Stück „Rage“ des britischen Dramatikers Simon Stephens, eine Koproduktion mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Dabei handelt es sich um die exzessiven Ausschreitungen einer orientierungslosen und hedonistischen Jugend. Bei Stephens war es die Nacht 2015/16 auf einer Straßenkreuzung in Manchester und entstand vor dem Hintergrund des Brexit-Referendums. Die online verbreitete Bilderserie eines Fotografen gab den Anlass: Polizisten und Randalierer geraten aneinander, es kommt zu Chaos und Gewalt.

Bei Bodamer zeichnen sich die Protagonisten nicht minder durch Hass und Ressentiments aus. Da wird auf der Bühne gespuckt, gepinkelt, geblutet. Alles scheißegal. Rassismus und Faschismus sind allgegenwärtig, ebenso antisemitische Parolen. Die Polizei zeigt sich als sadistischer Provokateur. Man umarmt sich, trinkt und streitet, bevor eine aus der Clique ein wenig hoffnungsvoll daran erinnert, dass es Neujahr ist: „Das wird unser Jahr“, sagt sie.

In szenischen Bildern reihen sich unerhörte Momente aneinander: Inzest, Psychotrips, Pöbeleien. Zuweilen erinnert das Spiel an Gaspar Noés Film „Climax“, bei dem ein Tanzensemble im Drogenrausch abstürzt. Ein anderer Anknüpfungspunkt ist das Album „Let them eat Chaos“ („Sollen sie doch Chaos fressen“) der britischen Rapperin Kate Tempest, die die Probleme Europas thematisiert. Die Figuren, gespielt von Claus Becker, Otiti Engelhardt, Laurenz Lerch, Konrad Mutschler, Antonije Stankovic, Carina Anna Thurner, Laura-Sophie Warachewicz und Antonia Wolf, sind authentisch. Überzeugend ist, wenn Lerch wütend erklärt, dass ihm nichts leidtut, oder Carina Anna Thurner die fiese Polizistin mimt.

Das Bühnenbild zeigt Jalousien und Folien in kaltem Licht, die im Verlauf zu unterschiedlichen Räumen geformt werden. Per Live-Kamera gibt es auch ein paar Videoprojektionen. Dann immer wieder der elek­tronische Schlag für den Takt. Glücklicherweise ist, was dort geschieht, nur gespielt. Aber wer schon einmal samstagnachts am Rotebühlplatz unterwegs war, erkennt vermutlich das eine oder andere Szenario wieder und weiß, dass es dafür gar keine Theaterkulisse braucht. Da ist das die Regel.

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Erstellt:
8. April 2019, 06:07 Uhr

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