Spielewelten und Zukunftsvisionen

Im 25. Jahr ihres Bestehens lädt die Galerie der Stadt Backnang zu einer Doppelausstellung ein. Präsentiert werden Malerei von Maik Wolf und eine Klangkunstinstallation von Olga Neuwirth und Peter Conradin Zumthor im Gotischen Chor. Zudem ist im „Tom“ Grafik zu sehen.

Die Landschaften von Maik Wolf wirken künstlich. Reales wird in unwirkliche Zusammenhänge gebracht. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Die Landschaften von Maik Wolf wirken künstlich. Reales wird in unwirkliche Zusammenhänge gebracht. Fotos: Alexander Becher

Von Ingrid Knack

Backnang. Wer die Ausstellungen in der Galerie der Stadt Backnang regelmäßig besucht, dem könnte der Name Maik Wolf schon aufgefallen sein. 2018 war er bei der Werkschau „Neue Schwarze Romantik“ vertreten, die in der Galerie der Stadt und im Helferhaus zu sehen war. Der aus Pirna stammende und in Berlin lebende Maik Wolf (geboren 1964) zeigte damals in seiner Prognostikon-Serie Wanddurchbrüche, die auf etwas Fantastisches da draußen hinweisen, ein Spiel mit verschiedenen Ebenen.

In der aktuellen Einzelausstellung „Rokovoko“ in der Galerie der Stadt Backnang trifft man gleich im Erdgeschoss auf Bilder, die einen an die Ästhetik von Spielewelten erinnern. Was aber nicht die ursprüngliche Absicht des Künstlers war, der sich mit formalen Themen beschäftigt, illustrative Effekte setzt er nicht. „Das hat sich so ergeben“, sagt der Maler bei einem Vorabrundgang. „Ich mache immer Bilder aus Bildern. Alles, was da drin ist, gibt es in der Realität.“ Indem er aber Einzelteile aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausnimmt und mit anderen Teilen in ein Bild (ver-)setzt, konstruiert er neue surreale, artifizielle Landschaften.

Wolf hat über die Jahre ein Bildarchiv bestückt und thematische Rubriken wie Bäume, Hintergründe oder Zeichen angelegt. Auch Buchstaben sind dort zu finden, die vordergründig eine Bedeutung haben, im Sinne von Dada allerdings im Bild nichts abbilden oder darstellen sollen. „Meine Absicht ist es, dass alle möglichen Deutungen zulässig sind“, versichert der Maler.

Eine Figur trägt das K aus dem Schriftzug der Linken aus dem Bild hinaus

Manchmal aber kann einem schon vieles entgehen, wenn der Künstler Hintergrundinformationen für sich behält. Doch bei dem Rundgang lässt sich Wolf die eine oder andere Geschichte hinter einzelnen Szenen im Bild entlocken. Beispielsweise was es auf sich hat, dass da jemand ein K auf den Schultern trägt. Das K sei Teil eines Pressefotos von einem Parteitag der Linken, verrät Wolf. Die Linke ist hier praktisch am Gehen, sie läuft links aus dem Bild hinaus.

Die Bildtitel bezeichnet Wolf als eine Art Patchworktitel, „die dasselbe Prinzip verfolgen wie die Bilder an sich“. So heißen die Gemälde etwa „Astral Magma 8 Vexiere 3“ (bezieht sich auch auf das magmaartige Rot-Orange. Und auf Vexiere, wobei die Assoziation hier war, dass man viele Teile hat und so lange probiert, bis sie zusammenpassen) oder „Soos-X-Gate-1-Roter Cluster 2“ (hier wurden Schriftzeichen verwendet, die auf Eindrücke von den Asienreisen des Künstlers schließen lassen).

In die Werke Wolfs sind viele architektonische Elemente eingeflossen, die in unterschiedlichsten Ländern zu finden sind. „Ich sage aus Spaß, dass es eine Art ästhetische Globalisierung ist, die da stattfindet“, kommentiert der Künstler diesen Aspekt. Dabei kann schon mal eine „überspitzte Architektur“ herauskommen, wie Galerieleiter Martin Schick bemerkt.

Auffallend ist auch die Farbgebung der Bilder, beispielsweise mit viel Rot, in das man aber nicht zu viel hineininterpretieren sollte. „Ehrlich gesagt ist es oft so, dass man gar nicht einen bestimmten Ausdruck sucht, wenn man einfach mal als Künstler in einer bestimmten Arbeitsphase Lust hat, ein rotes Bild zu machen“, so Wolf. Auch das habe etwas kindlich Spielerisches. Maik Wolf gelingt es dabei auch, extreme Bildtiefen auf der Fläche zu entwickeln.

Martin Schick, der bei der Vernissage heute Abend in der Galerie die Einführung halten wird, geht auf Interpretationen ein, die in Richtung Endzeitbilder zielen. Maik Wolf indes sieht seine Arbeiten vor allem in einem anderen Licht: „Was mich zur Kunst gebracht hat, ist eher die Zukunft, das Progressive und Visionäre, das da drin liegt. Oder vielleicht auch das, was nach der sogenannten Apokalypse kommen könnte, nach der Dystopie.“

Die Landschaften sind das eine. Doch nach ungefähr einem Jahrzehnt Malerei ohne Figuren, tauchen diese nun wieder in der Bilderwelt Wolfs auf. Martin Schick: „In seine überzuckerten, postapokalyptischen Landschaften stellt Maik Wolf neuerdings wieder Figuren. Nicht ohne Ironie zeigt sie der Künstler als ländlich-schick gestylte Protagonistinnen und Protagonisten einer jungen Erwachsenengeneration, die als Gärtnerinnen oder spirituell Verzückte ihr Glück versuchen, wenngleich sie meistens am Abgrund stehen. Maik Wolfs Malerei ist von einer hintergründigen, gebrochenen Romantik geprägt, die jedoch nicht melancholisch wird, sondern stets druckvoll, energiegeladen und pulsierend wirkt.“

In diesen Bildern schwingen Zukunftsfragen und Zukunftsmodelle mit. Und was haben die Romantiker damit zu tun? Sie hätten schon die Umweltzerstörung wahrgenommen, sagt Wolf. Zur Zeit von Caspar David Friedrich seien in Deutschland im Zuge der Industrialisierung Wälder in großem Stil abgeholzt worden. Das hätten die Romantiker als Bedrohung wahrgenommen. „Deshalb hat die deutsche Romantik auch so einen Touch von Dystopie.“

Und weil Kitsch nach den Worten Wolfs noch als Provokation funktioniert, kann man sich auch in dieser Hinsicht überraschen lassen.

Eine Besonderheit ist die Spieluhr „Twinkle for P. Z.“ im Gotischen Chor. Sie ist mit einem 16 Meter langen, auf Spulen hängenden Endlos-Lochband ausgestattet. Die Idee dazu hatte der Schweizer Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor, die Komposition stammt von der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth. Besucher der Ausstellung dürfen selbst an der Kurbel drehen und damit die Abspielgeschwindigkeit bestimmen. Doch es gibt noch mehr zu sehen. Im „Tom“ sind grafische Arbeiten Wolfs ausgestellt.

Spieluhr als Installation im Chor.

© Alexander Becher

Spieluhr als Installation im Chor.

Externe Erweiterung im „Tom“

Galerie außer Haus Die Doppelausstellung (bis 10. Juli) ist Teil des Jubiläumsprogramms „25 Jahre Galerie der Stadt Backnang“. Im Anschluss an die Eröffnung in der Galerie um 20 Uhr im Petrus-Jacobi- Weg 1 in Backnang wird um 21.30 Uhr eine grafische Edition von Maik Wolf vorgestellt: im „Tom“, dem von Bildhauer Norbert Kempf errichteten Gebäude am Bahnübergang beim ehemaligen Spinnereibahnhof, Spinnerei 2, in Backnang. Die Ausstellung im „Tom“ ist ab 21 Uhr zu betrachten, dazu gibt es Livemusik von Markus Merkle und Michael Fiedler. Das „Tom“ ist sonntags von 14 bis 16 Uhr geöffnet, es gibt Kaffee und Musik. Weitere Infos gibt es unter 0152/04934675 oder auf Instagram @spinnerei2.

Musik in der Galerie: Schlagzeuger Zumthor wird zur Vernissage in der Galerie eine musikalische Überraschung beisteuern.

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Erstellt:
13. Mai 2022, 10:30 Uhr

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