Spritzige Texte und tiefsinniger Humor

Yasmina Rezas Stück „Kunst“ habe man schon ewig machen wollen, teilt Jasmin Meindl dem Publikum am Samstag im Bandhaus-Theater in Backnang mit. Vordergründig geht es in dem Stück um ein Gemälde und seine Wirkung auf die Betrachter. Doch dahinter steckt viel mehr.

Unser Foto zeigt die Szene in dem Stück „Kunst“ im Bandhaus-Theater, in der Serge (Dirk Waanders) sein neu gekauftes Bild vor Yvan (Jörg Pauly) enthüllt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Unser Foto zeigt die Szene in dem Stück „Kunst“ im Bandhaus-Theater, in der Serge (Dirk Waanders) sein neu gekauftes Bild vor Yvan (Jörg Pauly) enthüllt. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

Backnang. „Wer jetzt zu uns ins Theater kommt, der will wirklich kommen“: Mit diesen Worten dankte Jasmin Meindl dem Publikum am zweiten Abend im Bandhaus-Theater in Backnang seit etwa eineinhalb Jahren. Zwar war man im Angesicht der Pandemie alles andere als untätig gewesen. Beispielsweise ein Theaterfestival und der erste Backnanger Kultursommer zeugten davon. Jedoch musste das kleine Stammhaus lange geschlossen bleiben und kann auch jetzt nur mit halber Besucherzahl spielen. Es sei wegen der „tausend Hürden im Wald der Bestimmungen“ sehr schwer, Karten zu verkaufen. Die Theaterleiterin rief mit einem beherzten „Gehen Sie aus!“ dazu auf, weiterhin ins Theater zu gehen, damit die Kulturlandschaft die Pandemie überleben kann.

Yasmina Rezas Stück „Kunst“ habe man schon ewig machen wollen, jetzt habe endlich alles gepasst und geklappt. Der moderne Klassiker der Theaterliteratur erlebte seine erste Inszenierung 1994 in Paris und wurde sofort zum Renner. Auch „die schrecklichsten Menschen“ seien begeistert gewesen, sagte die Autorin Yasmina Reza einmal und beanstandete, dass ihr Stück von vielen einseitig als Kritik am Kunstbetrieb verstanden worden sei. Tatsächlich handelt es sich um weitaus mehr: Eine Männerfreundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Überaus unterhaltsam und amüsant

ist das Ganze

Es geht um Toleranz und Streitkultur, ist also hoch aktuell. Es geht um die Bedeutung des Lachens, das hier sowohl Thema als auch Vehikel ist. Ein wenig fühlt man sich erinnert an den alten Spruch: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Oder an des Vaters endlose Scherze über die Tapete: „Ein Streifen, kein Streifen, ein Streifen, kein Streifen...“ Erste Lektionen in Sachen Dialektik und Paradoxie, die das Kind nicht vergessen sollte. Denn Serge, einer der drei Freunde in „Kunst“, hat ein Bild gekauft: 1,60 mal 1,20 Meter, und es ist weiß, weiß auf weißem Untergrund, mit weißen Streifen. Querstreifen wohlgemerkt. Absolut verständnislos die Reaktion des Freundes Marc, vor allem auch angesichts des Preises von 20000 Francs. Er lacht sich kaputt, aber Serge kann nicht mitlachen, will nicht mitlachen, was zum Streit führt und den Dritten der Männer ins Spiel bringt, Yvan. Der soll nun entscheiden über den Wert des Werkes und reagiert zunächst wunschgemäß. „Bescheuert“ findet er es, „keinen Centime“ würde er bezahlen dafür. Sie lachen also, Marc und Yvan. „Ja, obwohl“, sagt Letzterer dann doch und beginnt zu lavieren. Schließlich kommt es zu einer Art Wette: Yvan ist sicher, mit Serge, dem Käufer des weißen Bildes, darüber lachen zu können und soll Recht behalten. Obwohl... Der Kunstliebhaber Serge dreht die sparsamen Requisiten in Gestalt boxenförmiger Sitzgelegenheiten einfach herum und damit den Spieß – er lacht selbst über sein Bild und seinen Preis: „20 Riesen!“ Sie lachen. Und reden über den abwesenden Marc. Der habe keinen Humor. Eine große Diskussion über das Lachen folgt.

„Ich glaube an nichts“ und „Ich bin nicht egoistisch“. Solche Sätze fallen. Ein Kabinettstück nach dem anderen, wenn sie sich gegenseitig oder sich selbst charakterisieren. Der spritzige Text hat es in sich und lässt das Humor-Lot fallen in Abgrundtiefes, Andeutungen davon, Ahnungen. Als Yvan, Serge und Marc brillieren Jörg Pauly, Dirk Waanders und Thomas Fritsche. „Profis eben“, kommentiert Theaterleiterin Jasmin Meindl im Anschluss und stellt auch zwei alte Bekannte vor: Michael Bleiziffer, der schon die „Judith von Backnang“ und „Die letzte Sau“ betreute, hat wieder Regie geführt. Das Bühnenbild wurde von Manuel Kolip gestaltet, der auch schon für „Arsen und Spitzenhäubchen“, „Ab ins Paradies“ und „Wunder gibt es immer wieder“ in Backnang tätig war. Die Regieassistenz teilten sich Benny Adlung und Gitte Cocks.

Überaus unterhaltsam und amüsant ist das Ganze, tiefgründig komisch, irre witzig. „Kunst“ wird wieder am 18. und 19. Dezember gezeigt und in zwei Vorstellungen auch zu Silvester. Mit „Bandhaus außer Haus“ geht „Kunst“ außerdem auf Gastspielreise an geeignete Spielstätten der Region. „Wir spielen in Kulturscheunen, Gemeindehäusern, Galerien und auf anderen Bühnen“, sagt Theaterleiterin Juliane Putzmann und bittet: „Sprechen Sie uns an.“

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Erstellt:
13. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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