Stadtmotive mit Kitsch aufgehübscht

Zur Kaiserzeit um 1900 waren kitschige Ansichtskarten schwer in Mode und der Gegenpol zu den ansonsten angesagten preußischen Tugenden. Peter Wolf zeigt in seiner Ausstellung im Kabinett im Backnanger Helferhaus Exponate aus dieser Zeit aus der Sammlung von Daniel Waack.

Die Ansichtskarten werden um 1900 immer nur vorne beschrieben. Hier wurde ein Backnang-Motiv in eine Art Muschelbilderrahmen gesetzt. Abgestempelt wurde die Karte 1906.

Die Ansichtskarten werden um 1900 immer nur vorne beschrieben. Hier wurde ein Backnang-Motiv in eine Art Muschelbilderrahmen gesetzt. Abgestempelt wurde die Karte 1906.

Von Ingrid Knack

Backnang. Ein Putto schaut auf das Schwarz-Weiß-Foto auf einer Ansichtskarte, auf der die Gerberstraße mit Präparandenanstalt zu sehen ist. Blumengirlanden ranken um die Szene und erinnern an den Jugendstil. Der Absender hat seinen Text auf die Vorderseite der Karte geschrieben, wie das früher üblich war. Die Rückseite diente allein für die Briefmarke und das Adressfeld. Kleinode wie diese zeigt der Fotodesigner Peter Wolf in seiner neuen Ausstellung im Kabinett im Backnanger Helferhaus. Sie stammen allesamt aus der Sammlung des Backnangers Daniel Waack.

Peter Wolf hat die Originale vergrößert, um sie für die Ausstellung angemessen präsentieren zu können. Die Präparandenanstalt, so erklärt Wolf, sei die Vorschule für das Lehrerseminar gewesen. Sie ist auf dem Foto links zu sehen. Ernst Hövelborn, der langjährige Vorsitzende des Heimat- und Kunstvereins, schreibt dazu in einem Text zur Ausstellung von einer Karte, „die dann wohl von manchem Aspiranten auf das Lehramt verschickt wurde, um den Studienort ins rechte Licht zu rücken“. Das Haus mit dem Türmchen in der Mitte der Aufnahme ist das ehemalige Gasthaus Schiff.

Backnang erscheint auf den Ansichten in schönstem Licht. Ansichtskarte von 1906. Repros: P. Wolf

Backnang erscheint auf den Ansichten in schönstem Licht. Ansichtskarte von 1906. Repros: P. Wolf

Dass Ansichtskarten zwischen den Jahren 1895 und 1920 mit romantischen Motiven überzogen wurden, war zu jener Zeit ein Massenphänomen. So war es möglich, Gefühle zu zeigen, ohne die preußischen Tugenden zu verraten.

Bei der Ausstellung im Kabinett im Helferhaus sticht auch eine 1906 versendete Karte heraus, bei der das Backnang-Motiv mit Muscheln umrahmt ist. Peter Wolf: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man 1906 schon von der Backnanger Bucht gesprochen hat.“ Was die Äpfel bedeuten sollen, die als eine Art Bilderrahmen für ein anderes Backnang-Motiv dienen, ist ebenso nicht zweifelsfrei erklärbar. Hier könnte man allerdings immerhin noch den Bezug zu Streuobstwiesen herstellen.

Die Gerber mit Scherbaum und Scherdegen dürfen nicht fehlen

Dagegen gehören die auf einigen Karten dargestellten Gerber am Scherbaum und mit dem Scherdegen in der Hand, mit dem früher Häute entfleischt wurden, zu Backnang wie die Rechenmacher zu Althütte. Auf einer anderen Ansicht von früher ist das Gebiet „Walk/Gartenstrasse“ zu sehen, Gerberei reiht sich an Gerberei. Auch ein Bild von der Unteren Au erzählt von der Backnanger Gerbertradition.

Immer wieder tauchen auf den Ansichtskarten dieselben Motive auf: das Rathaus beispielsweise, der Bahnhof, die obere Marktstraße, die obere Vorstadt, das Königliche Oberamt und das Königliche Amtsgericht. Schwarz-Weiß-Fotos wechseln sich ab mit kolorierten Aufnahmen und Zeichnungen, bei denen die Proportionen schon mal aus den Fugen geraten sind, wie bei dem allzu hoch daherkommenden Rathaus auf einer der Karten. Auch Wappen tauchen immer wieder auf: das Gerberwappen, das Stadtwappen Backnangs und das württembergische Wappenschild. „Insgesamt geht es bei diesen Ansichtskarten vom Städtle um Schönheit, den schönen Effekt und die Dekoration – und dies auf Ansichtskarten, die es vom Preis her allen Bevölkerungsschichten ermöglichten, sie zu erwerben und mit der Post zu verschicken. Die Ansichtskarte, dieses der Masse zugängliche Kommunikationssystem, wird gerade Anfang des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts vielfach als eine unerschöpfliche Quelle des Kitsches mit ihren Bildern für alle angesehen. In diesem Zusammenhang passt auch die Herkunft des Begriffs Kitsch, der womöglich aus dem deutschen Verb ‚etwas verkitschen‘ kommt, das heißt, etwas billig losschlagen“, so Hövelborn.

Fast jeder freie Platz auf der Karte (Ausschnitt) wurde zum Schreiben genutzt.

Fast jeder freie Platz auf der Karte (Ausschnitt) wurde zum Schreiben genutzt.

Was das Wesen der Ansichtskarten aus dieser Zeit anbelange, so sei es ihre Übertragung von der fotografischen Dokumentation in das erzählerische Bild, was wiederum auch einen werbenden Aspekt besitze. Hövelborn: „Insofern sind diese Kitschansichtskarten durchaus auch als eine gezielte Werbung, mit einem für die damalige Zeit poetisch ansprechenden Outfit gestaltet, für die aufstrebende Industrie- und Gewerbestadt Backnang zu verstehen und für uns heute eine schöne Kuriosität, die man mit Freude und einem leichten Schmunzeln betrachten kann.“ Schmunzeln werden auch diejenigen können, die die Handschriften zu lesen vermögen. Zum Beispiel, wenn man Anreden wie „Liebes Bäsle“ entziffert.

Ach ja, selbst Turnvater Jahn ist mit von der Partie. Mit einem gezeichneten Porträt von ihm sendeten Sportler „Grüße vom Gauturnfest“ am 12. August 1900 in Backnang. Und da wäre noch als Besonderheit die Karte mit dem über Backnang schwebenden Zeppelin zu erwähnen, der fast die Dimension eines ganzen Stadtviertels aufweist. Eine Fotomontage macht’s möglich.

Das Backnang-Buch

Öffnungszeiten Die Ausstellung „Kitschansichtskarten“ im Kabinett des Backnanger Helferhauses, realisiert von Fotodesigner Peter Wolf, ist ab heute bis 18. April zu sehen. Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr.

Veröffentlichung Das Backnang-Buch von Claudia Ackermann und Peter Wolf „Backnang – Rückblicke. Bilder und Geschichten“ ist im Helferhaus während der Öffnungszeiten der Ausstellung erhältlich. Auf Wunsch kann dort auch eine Signierung der Urheber angefragt werden. Zudem ist das Buch in der Geschäftsstelle der Backnanger Kreiszeitung in der Postgasse 7 erhältlich. Es kostet 27 Euro.

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Erstellt:
15. Januar 2022, 06:00 Uhr

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