Neu im Kino „In the Grey“
Stiernacken, Bizeps und viel Kabumm
Logik ist was für Weicheier, zumindest in der Welt von Guy Ritchie. Das ist auch in seinem neuen Action-Knaller „In the Grey“ nicht anders.
© Imago/Landmark Media
Henry Cavill, Jake Gyllenhaal und Eiza González in „ In the Grey“
Von Kathrin Horster
„Wenn uns jemand aufhalten will, schieß ihm ins Gesicht!“ - Das klingt nicht gerade nach feiner englischer Art, aber für sie ist der Brite Guy Ritchie auch nicht berühmt. Ritchie mag dicke Wummen und noch fettere Karren, und könnte man seine Filme riechen, läge ein Parfum von Kerosin und Testosteron in der Kinoluft. Auch im neuesten Werk „In the Grey“ ist das nicht anders; da fallen Sätze wie der eingangs zitierte, aber auch Sentenzen wie „Fick mich nicht an!“. Nichts für Menschen also, die Wert auf Etikette legen.
Dabei bewegt sich Ritchie mit seinem Plot in der Welt der obszön Reichen und Schönen, denen man gern ein paar Manieren zugestanden hätte. Im Fall von Ritchies zentraler Heldin Sophia (Eiza González) stimmt das sogar. Als juristisch und verbal beschlagene Freelance-Geldeintreiberin soll sie für den milliardenschweren Goldstein-Konzern in rechtlicher Grauzone, daher der Titel, eine Milliarde Dollar vom Wirtschaftskriminellen Salazar (Carlos Bardem) zurück holen. Als letzte Hoffnung ihrer arroganten Auftraggeberin Bobby (Rosamunde Pike), weil Salazar den vorherigen Goldstein-Unterhändler auf seiner abgeschotteten Insel ermordet hat. Sophia übernimmt die Denkarbeit, das blutig Grobe erledigt ein Team hartgesottener Spezialisten, angeführt vom Duo Sid (Henry Cavill) und Bronco (Jake Gyllenhaal), das Sophia einmal aus irgendeiner misslichen Lage freigepaukt hat.
Die Planentwicklung nimmt großen Raum ein
Aus dieser Dankbarkeit erklärt Guy Ritchie den fast unterwürfigen Respekt der Männer gegenüber Sophia, vielleicht aber auch bloß als Zugeständnis an das weibliche, rollensensible Publikum, das er zu umgarnen versucht. Wenn die rustikal fluchenden Kerle Sophia ehrfurchtsvoll mit „Ma’am“ und „Boss“ anhimmeln, ist das zwar lustig, aber eben auch als pure Masche des Filmemachers durchschaubar. Überhaupt ist „In the Grey“ kein Film, der den Intellekt überbeanspruchen würde, trotz mancher eleganter Taschenspielertricks, mit Hilfe derer Guy Ritchie irrwitzige Plotvolten vorzutäuschen versucht. Die ausgeklügelte Planentwicklung zur Überwältigung des Proto-Schurken Salazar nimmt enormen Raum ein, die Ausführung wirkt da nur noch wie brave Pflichterfüllung.
Dass man dem Trio trotzdem halbwegs interessiert in den mit schicken Klamotten, schwarzen SUVs und allen nur erdenklichen Waffen ausstaffierten Privatkrieg folgt, ist Guy Ritchies schnörkelloser, auf Effizienz getrimmter Regiearbeit zu verdanken. Wer Action will, bekommt Action. Ohne Psychologie, ohne Subtext, Logik, Gequatsche oder Moral. Die Schnellschusswaffen rattern ohrenbetäubend, die Autoreifen quietschen nicht, sie kreischen bei der Vollbremsung auf qualmendem Asphalt. Wenn Ritchie etwas in die Luft fliegen lässt, macht es nicht bloß „Rumms“ sondern „Kabuuuuuummm!“, da liegen eindeutig die Qualitäten.
Wummen, Explosionen und Rollenklischees
Grinsen kann man dafür über Ritchies exzessiv eitle Würdigung männlicher Kinnlinien, gestählter Oberarmmuskeln, Brustkästen und Stiernacken, über dessen kindliche Freude an Pennälerwitzen und Rollenklischees. Denn obwohl Sophia die Männer mit ihrer Intelligenz überstrahlt, braucht sie doch die geballte Manpower, die sie aus Salazars mörderischer Umklammerung rettet. Dem differenzierteren Charakterdarsteller Jake Gyllenhaal gibt Ritchie dagegen wenig zu tun. Einem heldenhaft im Kampf gefallenen Kollegen widmet dessen Figur Bronco nur ein versteinertes ‚Nein‘, als ein anderer nach seinem Verbleib fragt. ‚Trauer ist was für Weicheier, weiter geht’s!‘, scheint Ritchie uns zuzurufen. Wenn doch bloß alles so einfach wäre wie in einem Guy-Richie-Reißer.
In the Grey. USA, UK, 2026. Regie: Guy Ritchie. Mit Jake Gyllenhaal, Eiza González. 98 Minuten. Ab 16 Jahren.
