Schirn Frankfurt: Thomas Bayrle

Tausende Schuhe für den Papst

Thomas Bayrles Kunst begeistert das Publikum: Er druckt tausende Handyfotos oder andere Motive für seine Vexierbilder nebeneinander.

Das Papst-Bild  wurde aus einer tausendfach wiederholten Schuh-Zeichnung zusammengesetzt.

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Das Papst-Bild wurde aus einer tausendfach wiederholten Schuh-Zeichnung zusammengesetzt.

Von Adrienne Braun

Eines würde man in einer Kunstausstellung definitiv nicht erwarten: Scheibenwischer. Gewöhnlich verschaffen sie Autofahrern bessere Sicht an Regentagen, jetzt aber wedeln sie im Museum emsig in der Luft, quietschen dabei aber wie auf der Frontscheibe. Den Sound steuert ein Lautsprecher bei, aus dem man auch den Regen prasseln hört.

Thomas Bayrle scheint eine besondere Vorliebe fürs Auto zu haben. Fast könnte man von einer Obsession sprechen. Deshalb greift er auch immer wieder zur Pappe, aus der er komplexes Straßenwirrwarr baut, auf dem winzige Spielzeugautos scheinbar über Brücken und durch Unterführungen sausen. Eine Welt, die vollkommen vom Automobil bestimmt ist.

Einzelteile bilden die große „Superform“

Thomas Bayrle gehört zu den Künstlern, die auch beim breiten Publikum beliebt sind, weil der Zugang zu seinen Arbeiten leicht fällt. Deshalb ist die Schirn in Frankfurt derzeit meist gut besucht, die jetzt in ihrer neuen Ausstellung zeigen will, womit sich der inzwischen 88-Jährige in den vergangenen Jahren beschäftigt hat. Bayrle, der gern der Pop Art zugerechnet wird, war einer der ersten deutschen Künstler, die computergenerierte und animierte Kunst produzierten. Inzwischen ist das Smartphone zu seinem Lieblingsmotiv geworden: Hundertfach druckt er Handys so auf die Fläche, dass ein anderes Bild entsteht – zum Beispiel ein Roboter oder auch eine Pietà. Man sieht Maria mit dem Leichnam ihres Sohnes Jesus Christus auf dem Schoß, deren Bild doch aus nichts als Handys besteht.

Das gefällt, sodass in der Ausstellung gern und viel fotografiert wird, was bestens zum Werk von Thomas Bayrle passt, der mit der Reproduktion genauso spielt wie mit seriellen Elementen. Seit Ende der 1960er Jahre greift er immer wieder auf seine Methode zurück, aus kleinen Einzelteilen eine große „Superform“ zusammenzusetzen, wie er es nennt. Da erscheint das Bild von Papst Benedikt XVI., das aus zahllosen gezeichneten Schuhen zusammengesetzt wurde. Oder Lippenstifte, die auf einem Druck zu Tausenden so angeordnet wurden, dass man plötzlich Kim Kardashian erkennt. Mehr noch: Ihre Konturen sind eindeutig von Vermeers berühmtem Gemälde „Mädchen mit Perlenohrring“ übernommen, gerade so, als wolle der US-Promi das ikonische Motiv kapern.

Es weckt eine kindliche Lust, diesen Vexierbildern auf den Grund zu gehen. Dass Thomas Bayrle so populär zu sein scheint, hat aber auch damit zu tun, dass sich seine künstlerischen Ideen gut mit seiner Biografie erklären lassen.

In Göppingen machte Bayrle eine Ausbildung zum Weber

Der gebürtige Berliner wollte eigentlich Textilingenieur werden. Deshalb zog er 1956 nach Göppingen, um sich zum Musterzeichner und Weber ausbilden zu lassen. In der Maschinenweberei Gutmann arbeitete er am Webstuhl, was ihn inspirierte. Bayrles reliefartige Straßen-Bilder sind im Grunde nichts anderes, als Webarbeiten aus Papier oder Pappstreifen, die gleichmäßig ineinander verflochten wurden.

In Offenbach studierte Bayrle dann noch an der Werkkunstschule, danach druckte und verlegte er Kunstbücher – und machte sich doch schnell auch als Künstler einen Namen. Dreimal wurde er auf die Documenta in Kassel eingeladen. Auf der documenta 13 überraschte er das Publikum mit einem laufenden Motor, der Rosenkränze beten kann. An der Frankfurter Ausstellung steht wiederum ein aufgeschnittener Citroën-Motor, zu dessen monotonem Rattern Bayrle ein gleichförmiges „Ave Maria“ einspielt.

Der „Singsang der Maschinen“ hat ihn immer an alte Frauen erinnert, die in der Kirche den Rosenkranz beten. Religion findet sich vielfach im Werk von Thomas Bayrle.

In der aktuellen Ausstellung entdeckt man hier den segnenden Gottvater, dort hat er aus zahllosen Totenköpfen eine „Pietà“ zusammengesetzt, die gleichzeitig auch als Flugzeug gedeutet werden kann. Wenn Jesus am Kreuz riesenhaft über einem Autobahnmodell aus Pappe aufragt, kann man mit etwas gutem Willen Bezüge erstellen, dass Kirche und Verkehr gleichermaßen organisierte Systeme sind und zahllose wiederholte Elemente gemeinsam etwas Großes bilden können.

Intellektuell hat Thomas Bayrle aber nie allzu tief geschürft. Und manche Studierenden, die er fast dreißig Jahre lang als Professor an der Frankfurter Städel-Schule unterrichtete, erinnern sich vor allem an seine optimistische Grundhaltung, die auch der Ausstellungstitel zum Ausdruck bringen soll: „Fröhlich sein!“

Letztlich stand seine Methode der wiederholten Formen immer im Vordergrund , während Anspielungen auf Industrialisierung, Massenproduktion und Warenwelt eher beiläufig mitschwingen. Auch die Dialektik zwischen Individuum und Kollektiv wird in seinen Arbeiten zwar benannt, aber nicht ernsthaft analysiert. Letztlich wollte sich Thomas Bayrle nie positionieren. Schon als er als junger Mann für die Studentenbewegung die Plakate erstellte, fühlte er sich zwischen den Stühlen sitzend. „Ich gehörte weder den Studenten noch den Kapitalisten an. Am Ende musste ich Künstler sein.“

So kann man seine Faszination für Straßen aber auch ganz unterschiedlich lesen. Einerseits wollte Thomas Bayrle damit zeigen, wie Städte heute organisiert werden. Die großen Einfallstraßen seien wie „Därme“, durch die der ganze Kram in die Stadt gedrückt werde, sodass die Versorgungsstränge längst wichtiger seien als der Stadtkern selbst. So verführerisch die Lust an der Ordnung einerseits ist, die er vom Weben übernommen hat, kann man andererseits in der Ausstellung aber auch Störungen im System entdecken. Das präzise Modell eines Autobahnsystems scheint da von einem Hurrikan zerstört worden zu sein, sodass die Straßen eingebrochen sind oder ins Nichts führen.

Museumsbaustelle

AusweichquartierDie Schirn Kunsthalle Frankfurt am Römer muss - wie derzeit viele Museen - saniert werden. Vorübergehend ist sie daher in der ehemaligen Dondorf Druckerei in Bockenheim untergebracht, die vom Hauptbahnhof schnell mit der U-Bahn erreicht werden kann. Hier hat man zwar weniger Ausstellungsfläche, doch die Industriearchitektur hat ihren Charme.

Ausstellung„Thomas Bayrle. Fröhlich sein!“ Bis 10. Mai in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Gabriel-Riesser-Weg 3, geöffnet Di bis So 10 bis 19 Uhr, Do 10 bis 22 Uhr. adr

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Erstellt:
5. März 2026, 10:10 Uhr

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