Doku „The Taylor Swift Years“

Taylor Swift – die beste Freundin

Eine selbst für Nicht-Swifties sehr sehenswerte ARD-Doku sucht nach den Gründen für den phänomenalen Erfolg von Taylor Swift. Der Dreiteiler setzt auch einige Fragezeichen.

Was ist echt? Was ist Inszenierung? Fragen, die sich beim Phänomen Taylor Swift unweigerlich stellen: die Popsängerin bei den Video Music Awards 2024.

© SWR/Imago/Cover-Images

Was ist echt? Was ist Inszenierung? Fragen, die sich beim Phänomen Taylor Swift unweigerlich stellen: die Popsängerin bei den Video Music Awards 2024.

Von Tilmann P. Gangloff

„Schicksalsjahre eines Superstars“: Das klingt nach Drama, womöglich gar nach Tragödie. Der Titelzusatz ist allerdings rasch erklärt: Die ARD zeigt „The Taylor Swift Years“ im Rahmen einer Reihe, die sich bereits mit den „Schicksalsjahren“ von Angela Merkel und Elizabeth II. befasst hat. Swifts erstaunliche Karriere hat rein gar nichts mit Schicksal zu tun, und tragisch ist ihre Geschichte erst recht nicht, schließlich gilt die Milliardärin als erfolgreichste Frau der Musikgeschichte. Viele Menschen können das nicht nachvollziehen, weil die Lieder in ihren Ohren allzu sehr nach Mainstream klingen, aber die Amerikanerin ist eine der wenigen Künstlerinnen, die zumindest auf weiblicher Seite die Generationen vereinigt: „Swifties“ gibt es in allen Altersgruppen.

Vom Country-Girl zum Weltstar

Von diesem Phänomen profitiert auch die überaus kurzweilige Doku-Reihe „The Taylor Swift Years“: Die drei jeweils nur knapp dreißig Minuten langen Episoden sind selbst dann ein Vergnügen, wenn man kein Swift-Fan ist, was sich anschließend allerdings ändern könnte. Natürlich sparen Anna Bilger und Inga Turczyn nicht mit Musik und Ausschnitten aus entsprechenden Videos, und selbstverständlich skizzieren sie den Werdegang des Mädchens aus Pennsylvania vom Country-Girl zum Weltstar.

Das ZDF bietet in seinem Streamingportal die ganz ähnlich konzipierte, aber etwas ältere zweiteilige britische Doku „Becoming Taylor Swift“ an (2025, Regie: Guy King). Die Sendungen überschneiden sich fast zwangsläufig in vielerlei Hinsicht; mit der amerikanischen Swift-Biografin Annie Zaleski und der Londoner Journalistin Zing Tsjeng wirken zum Teil sogar die gleichen Gesprächspartnerinnen mit. Beide Produktionen suchen nach Swifts Erfolgsgeheimnis, beide befassen sich mit dem berüchtigten Auftritt von Rapper Kanye West, der ihr bei der Preisverleihung des MTV Video Music Awards 2009 die Show stahl, weil die Auszeichnung seiner Meinung nach Beyoncé gebührte; die deutschen Autorinnen setzen jedoch zusätzliche weitere interessante Schwerpunkte.

Zu Beginn von Teil eins heißt es mit Blick auf die bevorstehende Hochzeit Swifts mit dem Football-Star Travis Kelce: „Was geht uns das alles an?“ Die Frage ist aus Sicht der „Non-Swifties“ berechtigt, aber Swifts Karriere steht nicht zuletzt für „female empowerment“: weil sie sich als Frau in einer hinter den Kulissen von Männern dominierten Welt behauptet hat. Drei Schlaglichter genügen, um dies zu verdeutlichen: Erst hat sie Wests Rüpelei clever zu ihren eigenen Gunsten genutzt, später hat sie Spotify verlassen, weil der schwedische Streamingdienst mit Sitz in Luxemburg Künstlerinnen und Künstler miserabel vergütet. Höhepunkt ihrer Selbstbehauptung war die Auseinandersetzung mit ihrem Manager, der nach der Trennung die Rechte an den Master-Bändern ihrer ersten Alben behielt; die hat sie dann kurzerhand neu aufgenommen.

Spätestens dieser feministische Aspekt macht „The Taylor Swift Years“ auch für all jene interessant, die Swifts Musik für „Bubblegum-Pop“ halten. Über ihren künstlerischen Wert mag man streiten können, aber Ohrwürmer produziert die einstige „Country-Maus“ wie am Fließband.

Weitaus kritischer als die ZDF-Doku betrachten Bilger und Turczyn jedoch das Verhältnis der 1989 geborenen Sängerin zu den „Swifties“, denen sie von Anfang an das Gefühl gegeben hat, sie sei ihre beste Freundin. Das erklärt ihren enormen Erfolg gerade bei weiblichen Popfans, zu denen neben den spätgeborenen „Millennials“ (bis Ende der Neunziger) gerade auch die mit dem Smartphone aufgewachsene „Generation Alpha“ gehört. Digitale Netzwerke bieten perfekte Voraussetzungen für sogenannte parasoziale Beziehungen. Doch was ist echt, was ist reine Inszenierung? So fragen sich die Gesprächspartnerinnen in der Doku. Ausgerechnet auf diesem „Schlachtfeld“ habe Swift zudem einige „digitale Hinrichtungen“ erlebt. Dank ihrer sehr sympathischen Fähigkeit zur Selbstironie ging sie allerdings jedes Mal nur umso stärker daraus hervor.

Fragezeichen hinter dem gesellschaftspolitischen Engagement von Swift

Ein Fragezeichen setzt zum Beispiel die Influencerin und Buchautorin Alicia Joe („Falsche Vorbilder“) zudem hinter das gesellschaftspolitische Engagement der Musikerin, weil sie das Gefühl habe: Swift äußere sich nur dann, wenn sie sicher sei, dass die Stellungnahmen nicht ihrer Karriere schadeten. Auch dieser Aspekt, das Spannungsfeld Pop und Politik, markiert einen Unterschied zu „Becoming Taylor Swift“, ebenso wie die Angriffe auf den vermeintlichen „Safe Space“, für den das „All American Girl“ lange stand: Die Terror-Absage ihrer Wiener Konzerte im Rahmen der diverse Rekorde brechenden „Eras“-Tour (2023/24) ließ auch diese Illusion zerplatzen.

The Taylor Swift Years: Alle drei Teile abrufbar in der ARD-Mediathek

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Erstellt:
29. Juni 2026, 15:38 Uhr

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