Tina Schneider erschafft Skulpturen mit der Kettensäge

„Hainweh“ ist der Titel einer Ausstellung der Stuttgarter Künstlerin Tina Schneider, die am Sonntag im Backnanger Helferhaus eröffnet wird. Ihre Holzskulpturen und -reliefs erzählen Geschichten und stimmen nachdenklich.

Viele ihrer Kunstwerke hat Tina Schneider aus Lindenholz erschaffen – so auch „Das Wolkenmädchen“ (2017). Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Viele ihrer Kunstwerke hat Tina Schneider aus Lindenholz erschaffen – so auch „Das Wolkenmädchen“ (2017). Fotos: Alexander Becher

Von Carmen Warstat

Backnang. Freundlich und hell, auch still wirken die Arbeiten der Kunsterzieherin Tina Schneider. Das mag zunächst dem geliebten Werkstoff Holz geschuldet sein, der etwas ausstrahlt, das dem Menschen guttut, weil er Wärme spendet und so etwas wie Weisheit zu transportieren scheint. Man fühlt sich wohl mit dieser Kunst in einem Raum – einer Kunst, die kein Thema auslässt oder beschönigt und dennoch nichts und niemanden angreifen oder bedrohen möchte. „Das ist das Leben“, scheint sie zu sagen und noch Werke über Trauerarbeit und Tod tragen auch lichte Attribute, kommen sanftmütig-mild daher. Kein Hadern oder Klagen, sondern ein Schauen und Zeigen scheint Ansatz dieser Arbeiten zu sein und tiefe Lebensfreude ihre Wurzel.

Tina Schneiders Skulpturen und Reliefs sind aus Holz gefertigt, fast immer figürlich und haben oft einen Naturbezug.

© Alexander Becher

Tina Schneiders Skulpturen und Reliefs sind aus Holz gefertigt, fast immer figürlich und haben oft einen Naturbezug.

Zu sehen sein werden die Kunstwerke ab Sonntag in der Galerie im Backnanger Helferhaus (siehe Infotext). Der Heimat- und Kunstverein hat die Ausstellung „Hainweh“ auf die Beine gestellt, hat Tina Schneider nach Backnang eingeladen. Die 1974 in Stuttgart geborene Künstlerin wollte schon immer bildhauerisch und mit Holz arbeiten, hatte aber lange nicht den Mut, diese (zumindest frühere) Männerdomäne zu betreten. Erst vor zehn Jahren fand sie in einem Workshop die Bestätigung: „Das ist es! Es hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt sie.

Das Material Holz nutzt sie unter anderem deshalb, weil es Widerstand gibt und damit den Menschen körperlich fordert. Sie liebt die Anstrengung, mag die unterschiedlichen Formen, die die Werkzeuge hinterlassen, Kettensäge und Stechbeitel hauptsächlich. Auch die Entwicklungen und manchmal unerwarteten Wendungen, die künstlerische Arbeit mit sich bringt, faszinieren Tina Schneider. Noch im Prozess der Vorbereitung einer Ausstellung – etwa wenn die Arbeiten in den Räumlichkeiten platziert werden – können völlig neue Aspekte der Betrachtung auftauchen, weil die Werke mit dem Raum und miteinander ungeahnte Beziehungen eingehen.

Mit dabei ist die Darstellung der verstorbenen Mutter

Ins Backnanger Helferhaus mitgebracht hat die Künstlerin etwa die Darstellung ihrer verstorbener Mutter, die von ihrem Platz aus zugleich zwei sehr unterschiedliche Motive im Blick hat – das Leben und den Tod gewissermaßen. Tina Schneider staunt plötzlich selbst über solche neuen Beziehungsgeflechte.

Der Skulptur „Tod“ – die als unglücklich wirkende und relativ kleine Figur im weißen Gewand und mit rundem Totenschädel so gar nichts mit dem Sensenmann gemein hat – gibt die Künstlerin, die an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert hat, im Vorübergehen den Beinamen „The friendly reminder“ (die freundliche Mahnung oder Erinnerung). Und da ist sie wieder, die wohlwollende Langmut einer künstlerischen Perspektive, die auch versöhnend wirkt.

Der Ausstellungstitel „Hainweh“ greift Tina Schneiders Naturliebe auf. Wälder begeistern sie ganz besonders. Und so hat sie, ausschließlich mit der Kettensäge, mehrere Werke geschaffen, die ihre Sehnsucht mit dem Sehnsuchtsobjekt verschmelzen, so wie es das Wortspiel „Hainweh“ tut.

Tina Schneider erschafft Skulpturen mit der Kettensäge

© Alexander Becher

„Sommerwald“ nennt sie dieses Triptychon und erzählt am Rande die spannende Geschichte der Herkunft des Materials (Linde). Zynisch fände sie es, gesunde Bäume zu opfern, um ihre Liebe zur Natur, und noch dazu speziell zum Wald künstlerisch zu gestalten.

Sie spricht über Vorurteile und Stereotype in der Kunst. So sagt sie zu ihrer Skulptur „Wolkenmädchen“: „Die Wolke wird wolkiger, wenn ich nicht versuche, sie wolkig zu machen“. Den künstlerischen Prozess kommentiert sie in einem Werktitel mit einem gewissen Humor: „Das Pferd ist weg, aber die Sonne kommt raus.“ Bei jener Arbeit war Tina Schneider der Ansicht, besagtes Pferd nachträglich aus dem Relief entfernen zu müssen, was sie auch tat.

Mehrere liebevoll gestaltete Werke, Skulpturen und Reliefs zeigen Darstellungen von Kindern oder für Kinder und lassen auf eine sehr genaue Beobachtung durch die Künstlerin schließen. „Bunt sei deine Welt“ (Foto unten rechts) ist ein Beispiel dafür. Bei Arbeiten wie dieser tritt Tina Schneiders lebensbejahende Grundhaltung besonders deutlich zutage.

Ausstellung An diesem Sonntag wird die Ausstellung „Hainweh“ des Heimat- und Kunstvereins mit Werken der Künstlerin Tina Schneider um 11.30 Uhr mit einer Vernissage eröffnet. Die Einführung übernimmt Ulrich Olpp, erster Vorsitzender des Vereins. Bis zum 14. Januar wird die neue Schau in der Galerie im Helferhaus, Petrus-Jacobi-Weg 5 in Backnang, zu sehen sein. Sie ist geöffnet Montag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 18 Uhr, sonntags von 14 bis 18 Uhr. An den beiden Feiertagen 26. Dezember und 6. Januar ist sie ebenfalls von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar ist die Ausstellung geschlossen. Eine Finissage mit Künstlergespräch und Führung findet am Sonntag, 14. Januar, von 16 Uhr an statt. Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen ist frei. Mehr Infos findet man im Internet unter https://huk-verein.de.
Tina Schneider erschafft Skulpturen mit der Kettensäge

© Alexander Becher

Zum Artikel

Erstellt:
24. November 2023, 11:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Kultur im Kreis

„Säwentitu“ im Bürgerhaus: Eine 13-Jährige erlebt das Jahr 1972

„Säwentitu“? Hinter diesem kryptischen Begriff verbirgt sich die lautmalerische Umschreibung von seventy-two – 72, einer Zahl, die auf 1972 verweist. Ein Jahr, in dem ein gleichnamiges Buch von Bea von Malchus spielt, mit dem sie eine Lesung im Backnanger Bürgerhaus gestaltete.

Ob Balladen mit Gitarre oder Rocksongs mit routiniertem Hüftschwung: ESC-Legende Johnny Logan bot auf der kleinen Bühne in der Hazienda eine große Performance. Foto: Tobias Sellmaier
Top

Kultur im Kreis

Johnny Logan schäkert und singt in der Aspacher Hazienda

Bei seinem einstündigen Konzert im Kleinaspacher Sonnenhof unterhielt Johnny Logan, eine der Größen des Eurovision Songcontests, mit einem vielseitigen Songmix und charmanter Selbstironie.