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Über Ebenholz und Elfenbein

Jazztage (II)Joachim Kühn hat seinen 75. Geburtstag mit einem fulminanten Konzert nachgefeiert

irthday Concert – was macht Joachim Kühn mit seiner Carte Blanche?

Wenn man ihm abseits der Bühne begegnet, mag einem Joachim Kühn unscheinbar erscheinen. Erlebt ihn das Publikum dagegen im Konzert, ist es sogleich von seiner künstlerischen Größe und Ausstrahlung beeindruckt. Als sei er ein Franz Liszt des modernen Jazz, ist Kühn beim Klavierspiel ständig in Bewegung. In eine beseelte Ballade taucht er mit vorgewölbter Unterlippe, versunken in sein Solospiel, behutsam tastend ein; bei Up-Tempo-Nummern, wo es in wilder Fahrt ins Freie geht, schüttelt er seinen Wuschelkopf hin und her und lässt die Hände über Ebenholz und Elfenbein rasen. Am 15. März ist Joachim Kühn, „der Kosmopolit im Reich der Klänge“ und einer der wenigen deutschen Weltstars des Jazz, 75 Jahre alt geworden. Und doch spielt er noch immer wie ein junger Gott, wie sich im Auftaktkonzert des Osterfestivals im Stuttgarter Theaterhaus zeigt.

Bei melodischen Kompositionen seines ehemaligen Duo-Partners Ornette Coleman offenbart sich Kühns weiches Herz: Er kann auch hingebungsvoll und zart spielen wie einer, der im Leben viel Liebe erfahren und gegeben hat und dadurch dem Wesen der Musik nahegekommen ist. Zum Jazz fand er einst durch seinen Bruder Rolf Kühn, der ihn, als er zehn war, zu einem Konzert von Chet Baker nach Westberlin mitnahm. An diesem Abend spürte der kleine Joachim, dass er Jazzmusiker werden wollte. Nichts anderes. Selten hat ein Name besser gepasst als seiner: Kühn.

Nun stehen die beiden, der 75-jährige Pianist und der bald 90-jährige Klarinettist, auf der Bühne und feiern zusammen Geburtstag. Ein anrührendes Bild! Bis ins hohe Alter hat Rolf Kühn seinen kraftvollen Ton bewahren können. Mit von der musikalischen Partie sind Jazzmusiker der jüngeren Generation, die – wie das Geburtstagskind sagt – „mit ihrer unübertrefflichen Energie“ zur europäischen Elite zählen. Etwa der wunderbare Saxofonist Émile Parisien („Epilog der guten Hoffnung“) und dessen französischer Landsmann Vincent Peirani am Akkordeon.

Der deutsche Trompeter Till Brönner, auch er ein Weltstar, fasziniert im vorgegebenen Kontext des progressiven Jazz mit kristalliner Klarheit und stupender Technik. Kein Schönfärber ist hier am Werk!

Das Programm führt drei atemlose Stunden lang in unterschiedlichen Besetzungen ohne Pause und Stillstand durch Joachim Kühns bisheriges Lebenswerk.

Vom wuchtigen Oktett mit rasiermesserscharfen Bläsersätzen („Radar“) zur dynamischen Geometrie des New Trio mit Eric Schäfer und Chris Jennings („The End“ von Jim Morrison), von außergewöhnlichen Quartett- und Quintettformationen hin zum Piano-Solo („Lost Thoughts“). Joachim Kühn bündelt als Steuermann am Flügel musikalische Polaritäten, begeistert mit spektakulärer Improvisationskunst und intuitivem Feeling.

Bei seinem unvergesslichen „Birthday Concert“ lässt er den progressiven Jazz in prismatischen Klangfarben leuchten und strahlen.

Spektakuläre Improvisationskunst, prismatische Klangfarben

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Erstellt:
23. April 2019, 10:19 Uhr

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