Dokumentarfilm

Vom Tod einer Bilderkriegerin

Ein ARD-Dokumentarfilm erinnert an die 2014 ermordete deutsche Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus.

Die Fotojournalistin Anja Niedringhaus (1965-2014) bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen.

© SWR/Jerry Lampen

Die Fotojournalistin Anja Niedringhaus (1965-2014) bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen.

Von Tilmann P. Gangloff

„Krieg ist was für Männer“: Die Ansage war als Absage gedacht. Es war das Jahr 1992, in Jugoslawien tobte ein Bürgerkrieg, und Anja Niedringhaus wollte darüber berichten. Damals arbeitete sie noch nicht lange für die European Pressphoto Agency (EPA); sie war die erste festangestellte Fotografin der Agentur. Dass ihr Chef zögerte, sie auf den Balkan zu schicken, war nicht nur eine Frage des Geschlechts: Niedringhaus, gerade mal Mitte zwanzig, hatte keinerlei Erfahrung in Kriegsgebieten.

Sie setzte sich trotzdem durch und wurde in Sarajewo prompt von einem Heckenschützen erwischt; dank ihrer kugelsicheren Weste kam sie mit dem Schrecken davon. Später hatte sie erneut Glück: Im Irak geriet sie gemeinsam mit US-Marines unter Beschuss, in Afghanistan wurde sie durch eine Handgranate verletzt, als sie eine kanadische Patrouille begleitete.

Einen Spielfilm zu ihrem Tod gibt es bereits

Das alles klingt wie ein Spielfilmstoff, zumal das abwechslungsreiche Leben der Ostwestfälin, die außerdem eine exzellente Sportfotografin war, weit mehr als bloß neunzig Minuten füllen würde; für ihre Arbeit im Irak wurde sie 2005 als erste Deutsche mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Diesen Film gibt es bereits: Er heißt „Die Bilderkriegerin – Anja Niedringhaus“, ist 2022 in die Kinos gekommen und 2023 vom ZDF ausgestrahlt worden. Neben dem ausgezeichneten Spiel Antje Traues beeindruckt das Dokudrama vor allem durch die exzellente Kombination inszenierter und dokumentarischer Aufnahmen. Regisseur der Spielszenen war Roman Kuhn, der das Drehbuch gemeinsam mit Yury Winterberg geschrieben hat; dessen Frau Sonya Winterberg war für die Dokumentarregie verantwortlich.

Offenbar war das Ehepaar der Meinung, die Geschichte von Anja Niedringhaus sei noch nicht auserzählt. Jedenfalls konnten die beiden den SWR überzeugen, einen reinen Dokumentarfilm über das Leben der Fotografin zu drehen. Auf diese Weise ließen sich auch die Schwächen des Spielfilms vermeiden: Wie im deutschen Auslandskrimi sprechen in den Spielszenen aufgrund der Synchronisation alle Menschen ein makelloses Deutsch, ganz gleich, in welchem Kriegsgebiet Niedringhaus unterwegs ist, und im Vergleich zu den Einsätzen wirken die Urlaube in der Heimat reichlich kraftlos. Das ist in dem Dokumentarfilm ganz anders; gerade die Schwester ergänzt die ansonsten dominierende berufliche Ebene um interessante und zum Teil heitere Anekdoten.

Alle erzählen von einer positiv gestimmten Frau

Dieser Teil von Niedringhaus’ Persönlichkeit ist im Spielfilm ohnehin zu kurz gekommen. In allen Gesprächen, die das Ehepaar mit den Weggefährtinnen und -gefährten geführt haben, wird immer wieder betont, wie positiv und fröhlich sie gewesen sei. Nicht minder interessant ist ihre berufliche Perspektive: Während die männlichen Kollegen stets einen technischen Ansatz hatten und daher ständig Männer mit Gewehren fotografierten – ein Weggefährte spricht von „Bang Bang“-Fotos –, ging es ihr vor allem um die menschliche Dimension des Krieges. Ihr Motiv war ohnehin nicht allein die reine Berichterstattung; sie wollte mit ihren Bildern dazu beitragen, Kriege zu beenden.

Umso bitterer ist die Ironie des Schicksals, dass Anja Niedringhaus im Frieden ums Leben gekommen ist: Im April 2014 wollte sie über die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan berichten, nicht in der Hauptstadt Kabul, sondern in der Provinz. Hier wurde sie von einem Polizisten erschossen, der sich für die Bombardierung seiner Heimat durch die Nato rächen wollte. Die Umstände dieses Attentats bilden den dramaturgischen roten Faden des Films. Die Menschen, die die Fotografin gut kannten, sind bis heute zutiefst bewegt, wenn sie berichten, wie sie von ihrer Ermordung erfahren haben. Zentrale Zeitzeugin ist die kanadische AP-Korrespondentin Kathy Gannon, die mit Niedringhaus im Auto saß und ebenfalls von mehreren Kugeln getroffen wurde. Die Spätfolgen der Verletzungen sind heute noch sichtbar, von den seelischen Wunden ganz zu schweigen.

Der Film findet rechtzeitig zu seiner Hauptfigur zurück

Einige Exkurse über die politische Entwicklung in Afghanistan oder die Unterdrückung der Frauen dort führen vom Thema weg, aber der Film findet rechtzeitig zu seiner Hauptfigur zurück. Natürlich haben Sonya und Yury Winterberg die Gespräche mit vielen Fotos illustriert. Darunter sind auch immer wieder Aufnahmen von Niedringhaus selbst. Sie zeigen eine fröhliche Frau, die offenkundig mit sich, ihrem Leben und vor allem mit ihrer Arbeit im Reinen war.

„Die Fotografin und der Krieg“ ARD, 12. Januar, 23.05 Uhr, und in der Mediathek

Sarajevo, Bosnien, 1994: Französische und ukrainische UN-Soldaten flüchten, als serbische Scharfschützen das Feuer auf sie in der Innenstadt Sarajevos eröffnen.

© SWR/Anja Niedringhaus/pa

Sarajevo, Bosnien, 1994: Französische und ukrainische UN-Soldaten flüchten, als serbische Scharfschützen das Feuer auf sie in der Innenstadt Sarajevos eröffnen.

Kandahar, Afghanistan, 2013: Ein Vater bezahlt Eintritt für einen Vergnügungspark.

© SWR/Anja Niedringhaus/pa

Kandahar, Afghanistan, 2013: Ein Vater bezahlt Eintritt für einen Vergnügungspark.

Salavat (Kandahar), Afghanistan, 2010: Ein kanadischer Soldat jagt ein Huhn – Sekunden bevor seine Einheit von Granaten beschossen wird.

© SWR/Anja Niedringhaus/pa

Salavat (Kandahar), Afghanistan, 2010: Ein kanadischer Soldat jagt ein Huhn – Sekunden bevor seine Einheit von Granaten beschossen wird.

Falludscha, Irak, 2004: Ein junger US-Marine stößt mit seiner Einheit in den westlichen Teil der Stadt vor. Die Aufnahme ist Teil der Serie, für die Anja Niedringhaus 2005 mit dem Pulitzer-Preis für Aktuelle Fotoberichterstattung ausgezeichnet wurde.

© SWR/Anja Niedringhaus/pa

Falludscha, Irak, 2004: Ein junger US-Marine stößt mit seiner Einheit in den westlichen Teil der Stadt vor. Die Aufnahme ist Teil der Serie, für die Anja Niedringhaus 2005 mit dem Pulitzer-Preis für Aktuelle Fotoberichterstattung ausgezeichnet wurde.

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Erstellt:
12. Januar 2026, 22:24 Uhr

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