Von Stroßaboh und Hefedoig

Das A-cappella-Ensemble Die Füenf waren am Wochenende mit Liedern von Wolle Kriwanek live im Backnanger Bürgerhaus zu erleben. Ihr Publikum haben sie immer wieder mit eingebunden und wurden am Ende des Konzerts dafür mit Standing Ovations belohnt.

Die Füenf singen Lieder von Wolle Kriwanek im Backnanger Bürgerhaus. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die Füenf singen Lieder von Wolle Kriwanek im Backnanger Bürgerhaus. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. „Tagtäglich gebibbert“ habe das Team um Kultur- und Sportamtsleiter Johannes Ellrott und sei nun „so froh, dass wir spielen dürfen“, wenn auch unter 2-G-plus-Bedingungen. Voll ist es trotzdem, die Besucher haben sich (vielleicht nicht sehr gern, aber einsichtig) dem aufwendigen Einlassprozedere ergeben, um das A-cappella-Ensemble Die Füenf mit Liedern von Wolle Kriwanek live zu erleben. Es sei eine Einladung, sich zu freuen und die Songs von Wolle zu feiern, hieß es, und sofort ertönte einer seiner Klassiker: „Stroßaboh“. Die gilt es zu kriegen, der Song ist so bekannt, dass das interaktive Konzept der Band sofort aufgeht und das Publikum umgehend begeistert dabei ist. „Warum singt ihr nicht mal was auf Schwäbisch?“ Diese Frage hätten Die Füenf oft gehört und sich auf den guten alten Wolle besonnen, „einfach was vom Wolle genommen und es ‚eingefüenft‘“. Das ein oder andere weniger bekannte Stück und „eigenen Welterfolge“ waren auch mit dabei. So wird Flugangst zum Thema (in „Angst vorm Fliega“) und die Herbertstroß, auch „Reggae di uff“, welches das überaus bereitwillige Publikum einbezieht. Der ganze Saal ist einen ganzen Song lang in Aktion, und wird am Ende mit Ironie belohnt: „Vielen Dank! Man, das war doch luschdig!“

Kindersoldaten mit Musik eine Perspektive geben

Dass Die Füenf mehr sind als eine Quatschcombo, wird deutlich, als sie auf ihre Patenschaft für ein Afrikaprojekt aufmerksam machen: „Gitarren statt Gewehre“ heißt es und will Kindersoldaten und Straßenkindern im Kongo mit Musik eine Perspektive geben. Sie sollen qualifizierende Berufsausbildungen zu Instrumentenbauern erhalten, damit sie nicht töten müssen, um zu überleben (www.musik-zum-teilen.de). „So gut kann Hilfe klingen“ wird das Projekt kommentiert, weil es musikalische Menschen unter anderem dazu einlädt, ihre Konzerteinnahmen zu teilen.

Neben enthusiastisch gefeierten Comedy-Songs der Füenf über das Essen und Trinken oder einen Hypochonder kommt „eine superschöne Ballade von ihm“ (Kriwanek) zu Gehör, sie heißt „Halbzeit“, und dass der Wolle wohl einen Daimler fuhr, bestätigt das Publikum mit lobenswerter Textsicherheit („I fahr Daimler“). Auch ist es „wieder höchste Zeit für Folklore“, und ein intellektueller Nonsens mit einem „Professor Pelvis“ gipfelt in etymologischen Betrachtungen, die das Schwäbische zu hoher Lyrik erklären, indem sie die teils deftigsten Schimpfworte aneinanderreihen. Im zweiten Teil seiner „klitzekleinen“ Vorlesung verrät Pelvis leider nicht, weshalb er ausgerechnet Hölderlins Namen benötigt, um ein „Kleinod aus Backnanger Schrift“ mit Semmelrogge und Rummenigge zu verbinden und zu einem Kanon mit dem Publikum überzuleiten. Das ist nicht jedermanns Sache. Die Füenf scheinen es selbst zu wissen, denn vorab haben sie sich, etwas launig zwar, entschuldigt „für diesen Humbug“.

Zum Schluss gibt es noch Standing Ovations

Ziemlich gelungen hingegen ist die Hymne „Mir im Süden“, mit deren origineller Gestaltung das Ensemble es jüngst auf Platz 13 der SWR-1-Hitparade geschafft hat. Die selbstbewusste Schwabenhymne bildet als Zugabe den Abschluss des Konzerts und wird nur noch gefolgt vom „Hefedoig“ („Warum goht mei Doig net uf?“) und dem nochmaligen Hetzen zur „Stroßaboh“.

Mit eindringlichem Satzgesang und gewitztem Scat plus mindestens ebenso humorvollen Choreografien hat das Ensemble mit Justice, Pelvis und Little Joe (Tenor) sowie Memphis (Bariton) und Dottore Basso (Bass) sein Publikum im Bürgerhaus wieder einmal beglückt und zu Standing Ovations hingerissen.

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Erstellt:
6. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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