Was Straßenschilder über die Stadt sagen

Blick in das Archiv von Peter Wolf: In der Gartenstraße lagen einst die Gemüsegärten der Stadtbewohner. Eine Walkmühle gab der Oberen Walke ihren Namen.

Die Gartenstraße Anfang des 20. Jahrhunderts. Wohnhäuser hatten inzwischen schon die meisten Gärten verdrängt. Repros: P. Wolf

Die Gartenstraße Anfang des 20. Jahrhunderts. Wohnhäuser hatten inzwischen schon die meisten Gärten verdrängt. Repros: P. Wolf

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Heute erinnert in der Gartenstraße nicht mehr viel an die Herkunft des Namens. Doch im Stadtplan von 1832 ist ersichtlich, dass damals der Bereich ab der Abzweigung zum heutigen Zwischenäckerle noch völlig unbebaut war. An diesem Hang befanden sich Weingärten und im unteren Bereich zahlreiche Gemüsegärten. Eine schmale Straße wurde erst 1874 angelegt, die von Anfang an im Volksmund Gartenstraße genannt wurde. Erst mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz 1876/78 gab es im Wohnungsbau einen Aufschwung, und entlang der Gartenstraße entstanden Wohnhäuser, schreibt Helmut Bomm in seinem Buch „Was Straßenschilder erzählen“.

Das Gebiet zwischen der Gartenstraße, die sich von der Sulzbacher Straße bis zur heutigen Plattenwaldallee zieht, und Murr ab der heutigen Annonaybrücke wird als Obere Walke bezeichnet, ebenso wie der Weg, der direkt an der Murr entlang verläuft. Auf eine ehemalige Walkmühle ist der Name zurückzuführen, in der Tuchmacher ihr Tuch und Gerber ihr Leder unter Eichenholzwalzen bearbeiteten, informiert das Backnang-Lexikon. Sie befand sich an einem etwa 200 Meter langen Mühlkanal. Auf der anderen Kanalseite stand eine Loh- und Sägmühle. Der Standort der Walkmühle, die erstmals im 16. Jahrhundert nachweisbar ist, dürfte mit einer Getreidemühle identisch sein, die bereits 1245 erwähnt wird.

Die „Walke“ hörte im Jahr 1900 auf zu existieren – der Name blieb.

Im Jahr 1853 befand sich die Tuchwalke in Besitz des Tuchscherers Friedrich, informiert Rudolf Kühn in dem Aufsatz: „Die Frühzeit der Industrie in Backnang“ im Backnanger Jahrbuch Band drei von 1995. An der Westseite wurde ein Presshaus angebaut. Die Häutewalke, die sich an der Ostseite befand, gab die Weißgerbermeisterschaft 1863 vermutlich auf. Der Tuchscherer Wilhelm Friedrich erweiterte 1870 das Gebäude in der heutigen Gartenstraße 154/156 mit der Tuchwalke und stockte es zu Wohnzwecken auf. Schließlich wechselte das Anwesen zu Wilhelm Rapp, der das Presshaus zu einer Ölmühle umbaute und den Betrieb der Tuchmacher-Walke einstellte. Die „Walke“, nach der das Gebiet benannt wurde, hörte im Jahr 1900 auf zu existieren – der Name blieb.

Die Loh- und Sägmühle nördlich des Kanals und die ehemalige Walkmühle waren 1906 im Besitz von Friedrich Thomä aus Zuffenhausen, der eine Kunstlederfabrik einrichtete, so Kühn. Arbeitsräume befanden sich im Bereich der ehemaligen Walke und in einem an der Stelle der Ölmühle errichteten zweigeschossigen Anbau an das Wohnhaus mit Treppenturm über dem Kanal. Ab 1909 entstand ein Dampfkesselgebäude über dem Kanal mit 15 Meter hohem Stahlrohrschornstein. Im Rahmen der Murrbegradigung in den Jahren 1933/34 füllte man den Mühlkanal auf.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Obere Walke zum Standort verschiedener Lederfabriken. Zunächst siedelten sich Gerbereien an. So gründete Jakob Ruoff im Jahr 1872 in der Gartenstraße 158 eine Gerberei und baute sie ab 1898 zu einer Lederfabrik aus. Auch der Gerber Louis Schweizer verlegte seinen Betrieb 1873 vom Standort am Kalten Wasser „in die Walk“ (heute Gartenstraße 76), wo er ein erweiterungsfähiges Grundstück erworben hatte. An das Wohn- und Gerbereigebäude baute er 1889 in Richtung Murr ein dreigeschossiges Fabrikgebäude an. In den nächsten Jahren erweiterte er die Fabrik stark, sodass innerhalb von zehn Jahren eine Vergrößerung um 1200 Prozent stattfand, so Kühn.

Im Jahr 1903 wurde die Firma Schweizer in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandelt, der neben dem Firmengründer noch seine beiden Söhne, die Kaufleute Fritz und Robert Schweizer, angehörten, informiert das Backnang-Lexikon. 1905 übernahm man die sogenannte Postgerberei in der Sulzbacher Straße 10. Nach dem Tod des Firmengründers Louis Schweizer wurde die Lederfabrik 1914 in zwei eigenständige Unternehmen aufgeteilt: Fritz Schweizer führte die Fabrik in der Sulzbacher Straße unter dem Namen seines Vaters weiter, sein Bruder Robert übernahm die Lederfabrik in der Gartenstraße.

Elektrizität, fast 30 Jahre vor dem offiziellen Stromanschluss der Stadt.

Ernst und Felix Breuninger bauten 1881 eine Lederfabrik auf dem Grundstück Gartenstraße 104 bis 110. Das Maschinenhaus der Brüder Breuninger war übrigens bereits 1892 mit einem Dynamo zur Stromerzeugung ausgestattet. Kurz darauf legten sie eine Überleitung zu ihrem Schwager Friedrich Stroh, Herausgeber des „Murrthal-Boten“ und Druckereibesitzer, Am Oelberg 1. Noch weitere einzelne Häuser in dieser Umgebung wurden angeschlossen, sodass sie fast 30 Jahre vor dem offiziellen Stromanschluss der Stadt bereits Elektrizität nutzen konnten, heißt es bei Kühn. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert ging die Fabrik in den Besitz von Louis Nebinger über. Die „Vereinigten Lederwerke L. Nebinger – Graubner und Scholl GmbH“ wurden 1911 von Fritz Häuser übernommen.

Fritz Häuser besaß zu jener Zeit bereits eine Lederfabrik in der Gerberstraße, die er 1902 von seinem Vater übernommen hatte. Durch die Eingliederung der Lederfabrik seines jüngeren Bruders Rudolf entstand 1908 die Lederfabrik Fritz Häuser Offene Handelsgesellschaft. Mit der Übernahme der Fabrik Nebinger in der Gartenstraße konnte man die Beschäftigtenzahl auf über 250 steigern. Im Jahr 1918 wurde die Offene Handelsgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Fritz Häuser AG erreichte 1928 mit 708 Mitarbeitern ihre höchste Beschäftigtenzahl. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte man sich auf den Standort in der Gartenstraße, die Gebäude in der Gerberstraße wurden nach und nach an AEG-Telefunken veräußert, zum Teil abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Trotz umfangreicher Modernisierungsmaßnahmen und gewerblicher Vermietungen von nicht mehr benötigten Produktionsstätten konnte der allmähliche Niedergang der Lederfabrik Fritz Häuser nicht aufgehalten werden, der im Juni 1994 mit der endgültigen Schließung des Betriebs in der Gartenstraße sein Ende fand.

Nach dem Niedergang der Lederindustrie wurden die Gebäude in der Oberen Walke zunächst anderen Nutzungen zugeführt und schließlich ab 2011 komplett abgerissen. In den Jahren 2012/13 wurde die Gartenstraße neu angelegt und mit der Neubebauung der Oberen Walke begonnen.

Männer arbeiten 1938 an den Falzmaschinen in der Lederfabrik von Fritz Häuser. Bereits zehn Jahre zuvor erreichte die Fritz Häuser AG mit 708 Mitarbeitern ihre höchste Beschäftigtenzahl.

Männer arbeiten 1938 an den Falzmaschinen in der Lederfabrik von Fritz Häuser. Bereits zehn Jahre zuvor erreichte die Fritz Häuser AG mit 708 Mitarbeitern ihre höchste Beschäftigtenzahl.

Die Lederfabriken von Robert Schweizer und Fritz Häuser in der Oberen Walke waren immer wieder von Hochwasser betroffen, wie hier in den 1920er-Jahren.

Die Lederfabriken von Robert Schweizer und Fritz Häuser in der Oberen Walke waren immer wieder von Hochwasser betroffen, wie hier in den 1920er-Jahren.

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Erstellt:
26. April 2021, 06:00 Uhr

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