Neu im Kino: Trans-Doku

Wie es ist, als Trans-Mensch in der Provinz zu leben

Queersein im katholischen Oberschwaben. Der Filmemacher Douglas Wolfsperger zeigt in seiner neuen Doku „Denn dieses Leben lebst nur du“ Menschen, die viel Mut beweisen.

Szene aus „Denn dieses Leben lebst nur du“.

© Roland Rasemann

Szene aus „Denn dieses Leben lebst nur du“.

Von Tilmmann P. Gangloff

Douglas Wolfsperger porträtiert in seinem Dokumentarfilm „Denn dieses Leben lebst nur du“ drei Menschen, die ihre Geschlechtsidentität angepasst haben. Im Interview spricht der Regisseur darüber, wie herausfordernd es gerade in der Provinz ist, von der etablierten Norm abzuweichen.

Herr Wolfsperger, in Ihrem Film stellen Sie Menschen vor, die eine „Transition“ vollzogen haben, wie es fachlich heißt. Ganz allgemein gefragt: Wie ist es, in der eher konservativen oberschwäbischen und südbadischen Provinz anders zu sein als die anderen?

Außenseiter haben es in Dörfern oder Kleinstädten, wo jeder jeden kennt, generell sehr schwer. Es kostet enorm viel Mut, die eigene Identität auch öffentlich zu leben, erst recht, wenn jemand transsexuell oder intersexuell ist, also zum Beispiel gestern noch wie ein Mann aussah und heute wie eine Frau. Solche Persönlichkeiten haben mich schon immer sehr interessiert. Ich habe eine große Zuneigung zu Außenseitern; vielleicht, weil ich als Künstler auch einer Minderheit angehöre.

Welche Rolle spielen dabei Ihre eigenen Erfahrungen?

Ich bin nicht queer, aber wenn jemand von der provinziellen Enge erzählt, die er in seiner Jugend erlebt hat, kann ich das gut nachvollziehen. Das Konstanz, in dem ich in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufgewachsen bin, lässt sich mit der heutigen Zeit nicht vergleichen. Deshalb habe ich großen Respekt vor Menschen, die ihre sexuelle Identität in einer ähnlichen Umgebung offen ausleben und nicht in die Anonymität einer Großstadt flüchten.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Das hat sich über viele Jahre entwickelt. 2003 habe ich den Film „Die Blutritter“ gedreht. Vordergründig ging es darin um den Blutritt in Weingarten, aber eben auch um tief verwurzelte provinzielle Traditionen und unterdrückte Sexualität: Wenn man von der Norm abweicht, muss man das still und heimlich leben. Dann gab es 2015 den Kulturkampf in Baden-Württemberg und eine erbitterte Debatte über frühkindliche Sexualaufklärung. Damals habe ich Elisabeth aus Rot an der Rot kennengelernt, das ist ein kleines Dorf im Landkreis Biberach. Ihre Umgebung hat sie fünfzig Jahre als Mann erlebt, dann wurde sie plötzlich zur Frau. Elisabeth ist studierte Theologin und war Diakon, musste das Amt nach ihrer Transition jedoch aufgeben. Dieses Spannungsfeld hat mich fasziniert.

In Ihrem Film geht es aber gar nicht so sehr um die Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Warum werden die leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit nur angedeutet?

Zum einen wäre es filmisch schlicht nicht spannend genug, wenn jemand ellenlange Geschichten von früher erzählt, zum anderen wollten die Menschen, die ich vorstelle, auch lieber über das Hier und Jetzt sprechen. Viele Trans-Personen haben mit ihrer Vergangenheit derart konsequent abgeschlossen, dass sie nicht mal mehr ihren alten Namen aussprechen wollen.

Es fällt auf, dass der Film insgesamt ein sehr positives Gefühl vermittelt. Weshalb haben Sie die Schattenseiten ausgeblendet?

Bei meinen Recherchen habe ich in der Tat auch ganz andere Geschichten gehört, zum Beispiel von Menschen, die im Verlauf ihrer Transition 25 Operationen hatten. Bei einer TV-Dokumentation hätte die Redaktion bestimmt verlangt, dass ich auch eine solche Kontrastfigur vorstelle, um mehr Betroffenheit zu erzeugen, aber es gefällt mir ausgesprochen gut, wie sehr Gabriel, Melina und Elisabeth, die ich in meinem Film porträtiere, mit sich im Reinen sind.

Ist es nicht ohnehin ein Merkmal ihrer Filme, dass Sie Betroffenheit vermeiden wollen?

Auf jeden Fall. Und natürlich spielt in diesem Zusammenhang auch eine Rolle, dass ich selbst eben nicht queer bin. Diese Frage kam zum Beispiel in den Fördergremien auf: Darf der denn dann überhaupt einen Film über dieses Thema drehen?

Und, darf er?

Natürlich! Ich muss ja auch kein Bäcker sein, um einen Film über das Backgewerbe zu machen. Es geht um Menschen und um meine Neugier auf ihre Geschichten. Außerdem habe ich von außen vermutlich einen entspannteren Blick auf das Thema als jemand, der einen Dokumentarfilm über seine eigenen Befindlichkeiten dreht.

Gegen Ende des Films lassen sie ihr Trio mit Eugen Abler aus Bodnegg bei Ravensburg diskutieren. Für den früheren CDU-Kommunalpolitiker ist Transsexualität so etwas wie eine Gotteslästerung. Welche Rolle spielt Religiosität in diesem Zusammenhang?

Gerade in Oberschwaben und Südbaden ist der Katholizismus tief in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert, das blockiert jede Form von freizügigem Denken. Ich war im Klosterinternat der Benediktiner-Abtei Weingarten, habe in meiner Jugend eine Überdosis Weihrauch abbekommen und weiß daher, wovon ich spreche. Elisabeth zum Beispiel ist sehr gläubig, hatte nach ihrer Transition großen Ärger mit der Kirche und ist bis heute sehr traurig darüber, dass sie nicht mehr Diakon sein darf, weil das Amt in der katholischen Kirche nur von Männern ausgeübt werden darf.

Gabriel erzählt im Film von seinen Erfahrungen mit Psychotherapeuten, die seine Probleme nicht ernst genommen haben, als er noch ein Mädchen war. Ist das in der Provinz immer noch so?

Das kann ich nicht beurteilen, aber ich gehe davon aus, dass sich Vieles zum Guten verändert hat, zumal es mittlerweile mehrere schwule Bürgermeister gibt. Vor zwanzig Jahren, als ich „Die Blutritter“ drehte, wäre das noch undenkbar gewesen; damals bildeten Katholizismus und Homosexualität eine explosive Mischung. Inzwischen wird auch in der Provinz der Christopher Street Day gefeiert. In dieser Hinsicht hat sich also Einiges deutlich weiterentwickelt, vor allem bei Homosexualität. Bei Trans-Menschen ist die Gesellschaft noch nicht so weit. Wenn die Kamera nicht lief, habe ich immer wieder bestürzende Ressentiments gehört.

Ist das der Teil des Themas, den Eugen Abler als „alter weißer Mann“ repräsentiert?

Ja, er ist die Stimme des ablehnenden Teils der Gesellschaft, wobei ich es ihm hoch anrechne, dass er sich auf das Gespräch eingelassen hat, das war durchaus mutig. Er war zunächst zögerlich, aber ich habe ihm versichert, dass ich ihm die Zeit geben würde, seine Haltung darzulegen.

Ist dieser Film gerade auch mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse heute womöglich wichtiger denn je?

Unbedingt. Die letzten Jahre zeigen, dass viele Errungenschaften an Liberalität in Gefahr geraten. Je mehr Hass von Rechts in die Gesellschaft getragen wird, desto dringlicher wird es, gerade mit Jugendlichen über diese Themen zu sprechen.

Vita und Werke

Regisseur Douglas Wolfsperger, geboren 1957 in Zürich, aufgewachsen in Konstanz, ist für Dokumentarfilme wie „Bellaria – So lange wir leben!“ (2001) oder „Wiedersehen mit Brundibar“ (2014) unter anderem mit dem Bayerischen Filmpreis, dem Ernst Lubitsch Preis und dem Prix Europa ausgezeichnet worden. Seine Jugend hat der Regisseur im Klosterinternat der Benediktiner-Abtei Weingarten verbracht. Seit 2024 ist er künstlerischer Leiter der Filmfestspiele Biberach. Wolfsperger hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

Start Der Film „Denn dieses Leben lebst nur du“ kommt am 16. April in die Kinos.

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Erstellt:
16. April 2026, 14:30 Uhr
Aktualisiert:
16. April 2026, 14:54 Uhr

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